zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 99 Abriss
zum nicht gehaltenen Impulsvortrag vom
Freitag, den 18. Dezember 2020
im Rahmen der Improvisationen zur AnthropoSophie heute
Reine Empathie
Schicksalsferne des Jesuskinds
siehe auch zugehörigen »TzN«
1 Der Stammbaum Jesu nach Matthäus unterscheidet sich von dem nach Lukas. Der erste zählt die Stammväter von Abraham herab bis zu Joseph, dem Gatten Mirjams; der zweite von Joseph hinauf bis zu Adam, ja zur Gottheit. Beide erwähnen sie König David, den Riesentöter und Psalmensänger. Doch während der erste Stammbaum über Davids königlichen Sohn Salomon (Mt.1,6) verläuft, zieht der zweite über Davids priesterlichen Sohn Nathan (Lk.3,32) - Nathan, jiddisch Nadan, bedeutet Geschenk. Und ein Geschenk ist das Jesuskind, ein Geschenk Adams. Wie das?
2 In seinen Vorträgen zum Lukas-Evangelium berichtet Rudolf Steiner vom erstaunlichen Umstand, dass Adam nicht vollständig auf die Erde geworfen worden war. Ein gewisser Anteil seiner umfassenden Seele war zurückgehalten worden und machte deshalb die beginnende Entwicklung der Erdenmenschheit nicht mit. Adam, Eva und ihre Nachfahren blieben also in zehrender Unvollständigkeit ihrem Erdenschicksal überlassen, während ein Seelenwesen zunächst davon ausgenommen war. Dadurch war es möglich geworden, zu bestimmter Zeit, in einem äusserst kritischen Moment der Menschheitsentwicklung, eine unverbrauchte Seelenreserve aufzubieten.
3 Das Motiv taucht im europäischen Sagengut gelegentlich auf, so etwa im serbischen Mythos von Marko Kraljević, dem Königssohn. Von einer ihm wohlgesonnenen Vila, einer engelhaften Fee, wird dem jungen Helden ein Kraftanteil seiner übermässig starken Seele genommen. Im Alter, als er einen letzten Kampf gegen die Türken zu bestehen hat, reitet er zur Vila, um jenen Überschuss zu erbitten. Er erhält ihn zurück und siegt, obschon tödlich verwundet. Noch in Ferdinand Raimunds Zaubermärchenstück «Der Verschwender» stellt die Fee Cheristane dem Lebemann Flottwell, ihrem Liebling, einen dienstbaren Geist zur Seite, der dem selbstvergessenen Reichen immer wieder vom Überfluss abbettelt, um dem am Ende Verarmten, aber Geläuterten ein kleines Vermögen zurückzugeben.
4 Eine Seele nun, die nicht inkarniert, erlebt selbstverständlich kein Erdenschicksal. So sind Vila und Fee „Frauen ohne Schatten”. Um ein Schicksal zu erwerben, muss eine feste Verbindung mit dem Planeten Erde eingegangen werden. Menschenkarma entsteht aus der Auseinandersetzung mit der sublunaren Schwere und Sprödnis, dem irdischen Nein, das es immer wieder neu zu überwinden gilt. Dazu muss dieses Nein ersteinmal als Widerstand gegen den eigenen geistigen Impuls erfahren werden, gegen alles, was wir an moralischen, religiösen und allgemein menschlichen Anlagen mitbringen.
5 Der Seelengestus der Empathie befähigt den Menschen, sich Erfahrungen hinzugeben, bis in Sinne und Lebensprozesse hinein. Dabei wandelt sich sein an sich wertfreies Mitgefühl in bejahend annehmende oder verneinend ablehnende Gesten, in sympathische oder antipathische, die sich jeweils verfestigen können. Auf diese Weise wird ein dreifaches Immunsystem aufgebaut, wird ein Persönlichkeitsspektrum mit entsprechendem Ego entfaltet, wird eine biographische Linie weiter entwickelt; und das alles nicht auf einer Tabula rasa, wie viele immer noch wähnen, sondern vor dem Hintergrund etlicher durchlebter Inkarnationen. Schon seit unsrer zweiten Verkörperung - und die war kaum gerade gestern - fangen wir nicht mehr bei Null an.
P a u s e
6 Das Jesuskind aber hat irdisch bei Null angefangen. In den Armen seiner Mutter und unter den müden Augen ihres Begleiters lag jenes als himmlische Verkörperung einer gänzlich unbelasteten Seele fern jeglichen Karmas; als ein weltentsprossenes Wesen, das zwar die Begabungen aller sonnenbeschienenen Planeten mitbrachte, nur eben kein Quäntchen Erdenerfahrung. So erschien die Schwesterseele Adams unter den Menschen im Licht, das keinerlei Schatten warf, denn Verschuldung oder Sünde, wie Religionsbekenntnisse solche Seelennarben nennen, kannte sie nicht.
7 Unerschütterbare Empathie zeigte das Kind. Moderne Intellektuelle würden es wohl unerhörter Naivität bezichtigen. Apokryphe Erzählungen berichten vom Herzenssegen, der von ihm ausging und sein Umfeld in Entzücken versetzte. Vor niemandem und nichts habe es Augen oder Ohren verschlossen. Später wurde gesagt, es verstünde die Sprache der Tiere und wechsle mit seiner Mutter Worte einer nur ihnen beiden bekannten Zunge. Und man zeigte sich erstaunt, ja betroffen von seinem schier unbegreiflichen Einfühlungsvermögen. Grenzenloser, samtener Friede strömte von ihm aus, der alles und jedes gelten liess und zu trösten vermochte. Hatte sich gar der lächelnde Buddha mit ihm verbinden mögen, er, der einst die Erde selbst lautlos zur Zeugin seiner Vollendung angerufen hatte.
8 Ausserdem war jenem lichten Wesen das Sterben fremd, das schmerzliche Zurücklassen eines lieb gewordenen oder wenigstens gewohnt gewordenen Leibes; die Notwendigkeit, Erde und Mitmenschen, Natur wie Kultur, wieder zu verlassen; das Loslassenmüssen bis zum letzten Atemzug hin. Fremd war ihm der Tod, der unerbittliche Strich durch die Lebensbegierden und -wünsche, der den stummen Schrei nach Licht und Wärme auslöst im Angesicht der bodenlos kalten Durchgangsschwärze. Insbesondere fremd war ihm deshalb jedwede Angst.
9 Bei seiner Geburt trug das Jesuskind nämlich noch „ewiges Leben” um sich. Nicht die herabgedämmte Erdenätheraura liegt dem zugrunde, vielmehr die weithin wirbelnde Ätherik der Sonne. Mit frischem Leben tränkt der Stern seine Kinder. Aus dem Brennpunkt rückhaltsloser Liebe begabt er die Sphären mit Wärme, Licht und Klang, eine jede nach ihrem Bedarf wie ihrem Vermögen. - Äusserer Ausdruck dafür ist der Sonnenwind, ein Phänomen, das sogar von der Astrophysik nachgewiesen wurde, neuerdings bis zur Heliopause. - Wir Menschen erhalten unsren Seelenleib von der Sonne, dessen strahlende Sternhaftigkeit (Astralität) uns überhaupt erst ermöglicht, Erdenlebenskräfte aufzunehmen und einen physischen Leib zu ergreifen. Aus dem Ewigen verfallen wir dadurch jedoch dem Zeitlichen. Jenes Kind hingegen verblieb im Zustand neumondartiger Weihung. Die schmerzliche Einweihung in die irdischen Verhältnisse stand ihm freilich bevor.
10 Der Ur-Astralleib des Neugeborenen, noch vor dem Ansaugen erster Muttermilch, regte dessen Lebendigkeit zu mildem Leuchten an. Das konnte Pflanzen- und Tierseelen erfüllen, ja sogar Menschenherzen, wenn sich diese guten Willens zeigten, das heisst: offen für das göttliche Geschenk, das himmlische Nadan. Zwar zog sich das lebendige Leuchten allmählich ins Innere des heranwachsenden Bubens zurück, doch blieb es dank seiner Schicksalsferne erhalten. Und dann, um sein dreissigstes Lebensjahr, konnte das Mann gewordene Kind den Christus empfangen (Jh.1,32), der das stille Leuchten mit Sonnenkraft neu aufleben liess. Venushaftes Heilerwesen begann sich zu offenbaren, ein vom Übel erlösendes. Also bot sich der Christus Jesus umfassend mitfühlend an, indem er sprach: „Ich bin das Leben”.
11 Der reinen Empathie des Kindes, dann des Jugendlichen, dann des Erwachsenen konnte kein Leiden, das ihm begegnete, verborgen bleiben, kein Frohsinn auch, kein Seelentief oder -hoch, keine karmische Belastung oder Befähigung. Jesus selbst, der schliesslich den Christus aufgenommen hatte, vermochte all dies nicht zu beirren, sodass er den drei Versuchungen bis auf einen Rest widerstand (Mt.4,1-11 et al.). Jupitergemässes Richterwesen begann sich zu offenbaren, ein abwägendes zwischen zu Schwerem und zu Leichtem. Also bot sich der Christus Jesus umfassend mitfühlend an, indem er sprach: „Ich bin die Wahrheit”.
12 Mit jener Neugeburt wurde zum ersten Mal ein Schicksalsfaden aufgenommen, der überpersönlichen Charakter trägt. Zweifellos finden wir Vorläufer im kritischen Bereich der Menschheitsentwicklung, im Schicksalsverlauf eines Zarathuschtra oder eines Mosche, um nur zwei Beispiele zu nennen. Zu seiner vollen Entrollung konnte es aber nur die unbelastete Schwesterseele Adams bringen. Während sogar ein Elijahu abnehmen musste, nahm das Kind zu (Jh.3,30) an Gutem, Schönem und Wahrem. Und mit dem Einsenken des Christus begann sich sonnengewaltiges Siegerwesen zu offenbaren, ein kühn und unbeirrt durch die Zeitformen schreitendes. Also bot sich der Christus Jesus umfassend mitfühlend an, indem er sprach: „Ich bin der Weg”.