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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu den
PSALMEN DAVIDS
1 In der griechischen Bibel schließt das Buch der Psalmen nicht mit dem Lobgesang ab, den wir üblicherweise als den 150. Psalm kennen. Der rauschende Schlußakkord geht noch in einen eigenen Ausklang über, in ein verborgenes »letztes Wort David°s«, das im Bilde der Goliath°-Überwindung noch einmal den Sinn und Reichtum der David-Zeit zusammenfaßt:
»Halleluja!
Lobet Gott inmitten aller Wesen, die sich ihm heiligen,
[...]
2 Dies ist der besondere Psalm Davids, außerhalb der Reihe, über seinen Kampf mit Goliath.
Der Kleinste war ich unter meinen Brüdern
Und der Jüngste im Hause meines Vaters.
Ich hütete die Schafe meines Vaters.
Meine Hände schnitzten ein Instrument zum Flötenspiel,
Meine Finger spielten auf der Harfe.
[...]
Und ich zog dem Fremdling entgegen.
Er schleuderte seinen Fluch gegen mich im Namen seiner Götter.
Ich aber ergriff sein Schwert und schlug das Haupt ihm ab
Und befreite Israel von seiner Schmach.«
3 Im Sinne des Bilderbewußtseins, aus dem die biblischen Schriften stammen, ist es ein ausdrucksvoller Hinweis auf das innere Wesen der alttestamentlichen Psalmendichtung, daß David, der große Psalmist, hier zum Schlusse noch einmal als der Bezwinger des Riesen erscheint.
4 Zur Zeit der Riesen, der auch Saul° noch seinen Tribut zahlte, hätten die Psalmen nicht entstehen können. Sie sind das klassische Dokument eines neuen Geistes, der die dumpf und titanisch in die Seele hereinragenden Naturgewalten mit dem Lichte des gedankenklaren Selbstbewußtseins niederzwingt. Der eigentliche Psalmensänger ist die um ihr Ich ringende Menschen-Persönlichkeit, die sich frei gemacht hat aus dem Traumbann alter Gebundenheiten. In den Psalmen entsteht nicht nur eine neue Art von Poesie; in ihnen gebiert sich die ringende Persönlichkeit selbst; von der Morgenröte der persönlichen Innerlichkeit sind sie durchseelt.
5 Der Name und das Bild Davids stehen über dem ganzen Psalter, obwohl die Bibel nur einen Teil der Gesänge auf ihn selbst zurückführt. Und wenn einmal nachgewiesen würde - was, wie wir glauben, nicht geschehen wird -, auch die sogenannten »Psalmen Davids« seien nicht von David gedichtet, so würde das doch daran nichts ändern, daß der Psalter der wunderbarste Ausdruck und Niederschlag der Stufe ist, die David in der Geschichte der Menschheit verkörpert.
6 Ungefähr 400 Jahre vorher hatte der junge, seiner Zeit mächtig vorauseilende Pharao Amenophis IV., Echnaton, Psalmen gedichtet: seine strahlenden Hymnen an die Sonne. Aber sie hatten doch eigentlich nur in die traditionell bereits vorhandenen Sonnengesänge von Heliopolis den Hauch einer besonders beschwingten Begeisterung hineingeströmt und fügten dem an das Überpersönliche hingegebenen kultischen Lobpreis noch keinen Ausdruck für die ganz persönlichen Regungen der betenden Seele hinzu.
7 Und gleichzeitig mit Davids Königsglanz dichtete Homer, der große Zeitgenosse, an der Griechenküste des kleinasiatischen Meeres seine unsterblichen Epen. Aber wenn darin auch eine große Menschenseele die Farben und Klänge ihres Gemütes zur Verfügung stellt, so sind die homerischen Gesänge doch eigentlich noch mehr von Göttern als von einem Menschen gedichtet. Der Mythos dichtet sich in ihnen selbst, jetzt vor allen Menschen, nachdem er sich vorher in den Inspirationen der Mysterien für wenige Auserwählte gesprochen hatte. Der Dichter als Träger eines persönlichen Lebens tritt noch ganz und gar, um Mund der Götter zu sein, zurück, so sehr, daß die Gelehrten sogar darauf verfallen sind, an seiner Existenz zu zweifeln.
8 Demgegenüber sind die altestamentlichen Psalmengesänge bereits durch und durch persönliche Dichtung. Wie das »Bogenlied«, Davids Klagegesang über Saul und Jonathan°, aus dem persönlichen Schmerz geboren wurde, so sind alle Psalmen einem konkreten Erleben entsprungen. Insbesondere die auf David selbst zurückgeführten Gesänge werden vielfach an bestimmte Situationen des persönlichen Schicksals angeknüpft. Eine Anzahl von Psalmen sind Hilferufe in der Not der Verfolgung, »als er floh vor Saul in die Höhle« (57), [...]. In anderen Psalmen sucht die Seele Befreiung von der Not und Last der Schuld: »ein Psalm Davids, da der Prophet Nathan° zu ihm kam nach seiner Vereinigung mit Bathseba°«.
9 Der religiös-dichterische Ausdruck, in den David Not und Aufatmen des eignen persönlichsten Seelenringens kleidet, ist dennoch überall von menschheitlicher Gültigkeit. David macht urbildliche Schicksale durch. In seinen Nöten und Prüfungen, in seinen Erhebungen und Ahnungen des Heils durchschreitet er die Wege, die von da an der um sein wahres Ich ringende Mensch überall und jederzeit durchzumachen hat. Der aus dem bergenden Gottesschoß entlassene, auf sich selbst gestellte Mensch stürzt in die Abgründe, flieht in Wüsten und Höhlen, und ruft doch immer wieder nach der helfenden Hand der Gottheit, die ihn zu seinem eigenen Heil losgelassen hat. Persönliche Frömmigkeit, persönliches Gebet, sie setzen, um in der Menschenseele geboren zu werden, zunächst einmal jene Herausgliederung des Menschenwesens aus dem Weltganzen voraus, die sich zur Davidszeit vollendete. Erst der zu einer losgelösten, freien Persönlichkeit werdende Mensch kann sich der Gottheit gegenüberstellen und um Hilfe in seinen Nöten, um Gnade in seiner Schuld ringen und flehen: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (130). Nur aus den Schrecknissen der Gottferne, die der Mensch als Einzelwesen erst bei einer gewissen Ich-Mündigkeit kennenlernt, kann der Ruf ertönen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (22). Erst der Mensch, der sich durch die Abgründe der Schuld hindurchgerungen hat und in der Ahnung einer neuen Verbundenheit mit Gott auch ein Bewußtsein des vor ihm liegenden Weges findet, kann beten: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist« (51, Bathseba-Psalm). Die davidischen Psalmen sind die Geburtsurkunde der persönlichen Frömmigkeit, des persönlichen Gebets.
aus «Könige und Propheten»; S.106ff
° zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch