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Merkblatt-
Beilage 99 Abriss
zum nicht gehaltenen Impulsvortrag
vom Freitag, den 17. April 2020
im Rahmen der Improvisationen zur AnthropoSophie heute
Wenn Geist lebt
Aufwallen der Bildekräfte
1 Unter rein irdischen, also sublunaren Umständen gibt es keine Auferstehung. Leiber, denen die Lebenskräfte entzogen worden sind, zerfallen nach den Gesetzen der physischen Materie. In ihr ist der Geist so stark geronnen, dass er sein Dasein lediglich in Drehimpulsen manifestiert, sogenannten spins, sowie in deren Zusammenfügung zu subatomaren Teilchen. Die geläufigsten emergieren als Dreiergruppe: Proton, Neutron und Elektron, welche die Atome bilden. Sie tauchen gewissermassen als letztes, dumpfes Echo der drei göttlichen Lógoi auf.
2 Diesem toten Reich gegenüber erleben wir in unsren Breiten gerade wieder das österliche Aufwallen der lebensspendenden Bildekräfte in der Pflanzenwelt. Das moderat Wärmende und das moderierend Lichte, das fügend Klingende und das bewegt Belebende wirken ineinander, um der Fülle der Erscheinungen Ausdruck und Dauer zu verleihen. Ihrerseits regen die Pflanzen die Tierwelt und uns Menschen auf mannigfaltige Weise weiter an und lassen die einzelnen Leiber gedeihen. Besonders deutlich offenbart sich dieses Geheimnis heuer vor dem Hintergrund einer gelegentlich lebensbedrohlichen Pandemie.
3 Kein Mensch, der das Aufblühen mitempfindet, käme auf die Idee, in diesem Aufwallen einen besonderen Eifer von aus Atomen zusammengeklebten Molekülen erkennen zu wollen. Nicht aus dem physisch Stofflichen atmen, trinken, essen wir. Vielmehr atmen, trinken, essen wir, um unsrem Organismus das physisch Stoffliche dienstbar zu machen. Und erst recht wird kein elektrochemischer Sinnesreiz zur Wahrnehmung ohne die vermittelnden nichtsinnlichen Lebensprozesse.
4 In der Antike ist das Lebendigwerden der Natur so eindrücklich erlebt worden, dass etliche überlieferte Mysterienbildgeschichten, sogenannte Mythen, darauf Bezug nehmen. Aus dem alten Ionien kennen wir den Artemis-Sagenkreis, aus Thrakien die Orpheus-Erzählung. Das spätere dorische Eleusis hat uns den grossartigen Demeter-Persephone-Reigen hinterlassen. Und der griechische Adonis-Mythos berichtet geradezu von Tod und Auferstehung, wie vor ihm der des ägyptischen Osiris oder der sumerischen Inanna.
5 Das an Sonnen- und Mondlauf gekoppelte christliche Osterfest feiert alljährlich das Wiedererwachen der Lebenskräfte in der physischen Form - aber eben nicht im Stoff, obschon es durch die Stoffe sinnlich erfahrbar wird; ein schwer zu verstehendes Paradox. Dennoch wird jede Generation ihren eigenen Zugang zum Lebensbegriff finden müssen, wenn sie vorwärtskommen will. Die Biologie wird lediglich mit toten Tatsachen aushelfen können.
P a u s e
6 Was hat sich im Ostermorgengrauen des Jahres 33 eigentlich ereignet? Wir können das heutzutage etwa so erzählen: Das Christuswesen hatte sich aus der Erdentiefe emporgeschwungen bis in die Grabkammer, wo es die reine Form des Jesusleibes annahm. Diese Form, das sogenannte Phantom, war zunächst unsichtbar, weil leb- und stofflos. Mit solch rudimentärem Auferstehungsleib durchbrach das Wesen die Grabwölbung, wobei der Deckstein zur Seite rollte. Im Lebensraum der Erde, der Erdenätheraura, angekommen, begann die geistgeführte Leibesform Bildekräfte anzusaugen, was allmählich zur Stoffaufnahme führte. Einem frühen, nämlich noch unberührbaren Stadium dieses Vorgangs ist Maria von Magdala am offenen Grab begegnet (Jh.20,10-18).
7 Rudolf Steiner zufolge handelt es sich hier um eine Realimagination, also um ein tatsächliches Geschehen, das Bilder einer überirdischen Ebene widerspiegelt, zum Beispiel aus dem Blickwinkel des „Jüngers, den der Herr liebhatte”.
8 Heute erlaubt uns der Entwicklungsgrad der Bewusstseinsseele nicht nur, eine an Überlieferung und Unterweisung gebundene, mehr oder weniger kollektive Beziehung zu jenem Mysterium zu gewinnen, sondern darüber hinaus eine individuelle, welche vom eigenen Geist ausgeht. Dieser Geist lebt dank seiner Inkarnation in die heutigen Erdenverhältnisse. Und er vermag schöpferisch mit seiner irdischen Ausstattung umzugehen, freilich nicht ohne fortwährend mit den Todeskräften zu ringen. Dabei mag ihm die Christuswesenheit zu Hilfe kommen, die eben in keinem Leichnam, vielmehr in den Lebenskräften selber wirksam ist.
9 Das dramatisch auf der Schädelstätte aufgerichtete Kreuz ist keineswegs das Symbol für die zukunftsweisende Tat des Christus. Das Kreuz, in irdischer wie kosmischer Bedeutung, gemahnt eher an die Mühen und Gefahren des Erdenweges. Es zeigt zunehmend Denkmalcharakter, darin einem Menhir nicht unähnlich. Deshalb kann es auch missbraucht werden.
10 Das Symbol für die Zukunft der Menschheit hingegen ist die Gestalt des Auferstandenen selbst oder, sub specie negationis, das leere Grab. Das so begriffene Christusbild sprengt jeden konfessionellen Rahmen, ja es gehört nur teilweise der Religion als solcher an. Unter vier Aspekten kann dieses Bild wirksam werden: dem heilenden Aspekt, dem richtenden, dem siegenden und dem einweihenden. Die Geisteswissenschaft kennt die Boten der vierfachen Wirksamkeit als Erzengel-Quadrivium.
11 Bis ins Tiefenpsychologische spielt das Christusbild eine wesentliche Rolle, zunächst für den christlich geprägten Menschen. Das findet sich im »Text zum Neudenken« dargestellt, der heute Abend in Wien verteilt worden wäre.
12 Im weiteren Verlauf der Entwicklung wird das Bild allerdings noch mehr anbieten. Das Vorbild des auferstanden lebendigen Menschenwesens wird allen Menschen zu Leitung und Geleit dienen können, ob sie das Wort Christus nun gehört haben oder nicht.