zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 99 Abriss
zum nicht gehaltenen Impulsvortrag vom
Freitag, den 22. Jänner 2021
im Rahmen der Improvisationen zur AnthropoSophie heute
Beten als Weg
Hinwendung zum Göttlichen
siehe auch zugehörigen »TzN«
1 In ihrem Buch «Das Geschehen von Medjugorje» beschäftigen sich der Franzose Laurentin und der Kroate Rupčić, zwei Jesuitenpatres, mit jenen Marienerscheinungen, die bald nach Marschall Titos Tod 1980 in dem kleinen herzegowinischen Ort begonnen hatten. Neben allerlei zustimmenden Beobachtungen und gönnerhaften Zuweisungen schildern die beiden (auf S.95f) auch eine Erfahrung, die sie besonders ergriffen zu haben scheint: das laute gemeinsame Gebet einer gläubigen Masse.
2 „Es ist kein gefühlsseliges Beten. Da verdreht keiner die Augen, da senkt keiner den Kopf, da ist keine oberflächliche Rührung. Es ist das Gebet der Bauern, das in der Gemeinde weiterlebt, rein und hart wie die Felsen in den Bergen, wo die Erscheinungen ihren Anfang genommen haben. Die Stimmen sind rauh, ohne Intonation, sie stoßen das Gebet in starken, klar getrennten, fast abgehackten Silben hervor. Ein Gebet, das aus der Erde, der Scholle und wie aus einem Felsen zum Himmel steigt. Nicht wie Rauch, sondern wie eine Flamme, ohne Schnörkel, ohne Überschwang, ohne falsches Pathos. Es ist eindrucksvoll und packend, nicht auf der Ebene des Gefühls, sondern in einem tieferen Bereich des Seins: dort, wo der Mensch entdeckt, daß der Schöpfergott in ihm wohnt, der ihn zum homo faber macht, zum Tier, das zum Denken fähig ist. Der Leib des Tieres, sein im monotonen Gebet der Kirche gebändigter Schrei kommt ins Spiel und gibt nicht nach, obwohl es unbequem ist (denn meistens bleibt die Hälfte der Leute stehen, und das gut zwei Stunden lang). Die Kirche ist im Winter ungeheizt und kalt, aber wie in einem Stall wird es durch die dichtgedrängten Leiber wärmer.”
3 Demnach würde der Mensch also zum denkenden Tier, wenn er den „Schöpfergott” in sich entdeckte. Vom kruden Darwinismus, der aus den tatsächlich gedruckten Zeilen jenes romtreuen Priesterduos dampft, einmal abgesehen - was sagt uns die ungeheuerliche Zumutung, der Mensch wäre erst dann ein so recht Betender, wenn er die „Ebene des Gefühls” verlassen hätte, um in animalischer Wärme, nicht zu sagen Hitze, monoton lautierend zu verharren, am besten in einem konfessionellen Stall? Zumindest sagt sie uns, dass wir woanders suchen müssen, wenn wir Beten heute verstehen wollen, geschweige denn begreifen, worum es dabei eigentlich geht.
4 Schlagen wir erst einmal nach, was zu dieser Frage von Rabbi Jehoschuah, dem Christusträger, überliefert ist. Da lesen wir laut dem Juden Matthäus (6,5-8, zit. nach Bock) die Worte: „Und auch wenn ihr betet, macht euch nicht den Heuchlern gleich. Sie lieben es, in den Synagogen und an den Straßenecken zu stehen, wenn sie ihr Gebet verrichten, weil sie sich vor den Menschen den Anschein geben wollen. Ja, ich sage euch, sie verscherzen sich selber den Gewinn. - Wenn du betest, so geh in dein innerstes Gemach und verschließe die Tür. So sende dein Gebet empor zu dem väterlichen Weltengrunde in dem Reiche, das den Sinnen verborgen ist. Und der väterliche Weltengrund, vor dessen Blick das Unsichtbare offenliegt, wird dir Genüge tun. Saget in euren Gebeten keine inhaltslosen Worte her wie die Völker der Welt. Sie meinen, durch die große Zahl der Worte Gehör zu finden für ihr Gebet. Folgt ihrem Beispiel nicht. Denn euer Vater kennt eure Bedürfnisse, bevor ihr ihn bittet.”
5 Keineswegs geht es hier darum, das gemeinsame Gebet gering zu achten, ebensowenig darum „die Völker der Welt” in ihrer altehrwürdigen Andacht zu schmähen. Wer wollte nicht einfach anerkennen, dass solch harmonisches Miteinander den Zusammenhalt einer Glaubensgemeinschaft fördert? Das gleicht dem Singen einer Hymne, was ja von gewissen Leuten mit der Hand auf dem Herzen gepflegt wird. Die dessen bedürfen, werden Räume aufzusuchen wissen, in denen das Orare nach dem Laborare auf passende Weise gepflegt werden kann, ohne Anstoss zu erregen. Obschon jede Höhle oder Waldlichtung dem Versammlungsbedürfnis genügen mochte, sind die Gemeinden doch über die Jahrhunderte darangegangen, stolze Einfriedungen zu errichten, Tempel, Kirchen, Moscheen, die den eigens aufgestellten und später verschriftlichten Regeln entsprachen und aller Umständlichkeit zum Trotz immer noch entsprechen. Inwiefern dafür öffentlicher Raum beansprucht werden darf, ist dann eher eine Frage gesellschaftlicher Toleranz, jedenfalls keine unmittelbar geisteswissenschaftliche.
6 Die moderne Geisteswissenschaft gibt vielmehr Auskunft darüber, wessen die individuell zur Freiheit geborene Seele bedarf. Und das ist eben nicht ein Ort, um zu sehen und gesehen zu werden. Einen Tempel andrer Art braucht das persönliche Gebet, eine Nische, die Schutz und Stille bietet für ein Besinnen auf das Wesentliche. Seit geraumer Zeit verstehen wir dies als ein Sichversenken in den Bild- und Klangraum des zunächst Unbewussten, um ihn ebenso monologisch wie dialogisch auszuloten. Weder Saal noch Zimmer sind nötig, weder Weihgerät noch Zierat, um die Herzenskammer zu erschliessen; und der Schlüssel zu ihr hängt an dem Gürtel, den ich zum Wandern ohnehin umgebunden trage. Das Menschenkind spielt sich frei. Dem stark in sich ruhenden gelingt dies sogar in Bahn, Bus oder Wartehalle. Wenn es denn sucht, dann doch das Wesen der eigenen Sphäre, sei diese grad eine wissenschaftliche, eine künstlerische oder eben eine religiöse.
P a u s e
7 Im Gegensatz zum Meditieren, das sich auf möglichst reines Denken stützt, geht das innerlich innige Beten vom Fühlen aus, das freilich wenig mit der zitierten Gefühlsseligkeit zu tun hat. Die „Einmittung” strebt dem Zentrum zu, die „Anrufung” der Peripherie, gegenläufige Gesten desselben Atemzugs. Beide bedürfen einer spezifischen Sammlung der Willenskräfte, eines beherzten Zugriffs des Astralleibes aufs lebendig flutende Gefüge. Nicht von der Umwelt angeregt, sondern gänzlich aus eigener Anstrengung freigesetzt, erfordert das Beschreiten beider Pfade restlose Hingabe. Dafür gilt es vollgültig als freie Tat im ureigentlichen Sinn des Doppelworts; die einzige, die ich allein aus mir heraus zu leisten imstande bin. Während jedoch die Meditation den Willen einsetzt, um die Aufmerksamkeit auf einen konkreten, selbstgewählten Inhalt zu fokussieren, wendet ihn das Tiefengebet zum weiten Ausspannen der Seelenflügel an, um heimwärts zu fliegen, wie Eichendorff dichtete.
8 Im Islam zum Beispiel entspricht dem ed-du'ā, das persönliche Bitt- oder Dankgebet, das in vielen Hadithen, also überlieferten Aussprüchen oder Taten des Propheten, erwähnt wird. Im qor'ān (Sur.2,186) ist vom Rufenden die Rede, der Antwort erhalten wird. Und siehe da, in Sur.7,55 heisst es: „Ruft euren Herrn demütig und im Verborgenen an”. Der oder die Sufi kennt ed-du'ā als Treppe über Bitte, Dank und Lobpreis hin zur Erfahrung von 'Allāh in mystischer Gestalt; als Mittel zum wahren dschihād, dem heiligen Kampf um das Feuer inneren Lichts. Und auch im Ausdruck aller andren Bekenntnisspielarten steht die innere Hinwendung zum Wesenskern in Form eines Gebets oder einer Meditation im Brennpunkt aller Seelenschwünge, öffnet sie doch den Weg zum Selbst, ob dieses als göttlich begriffen wird oder nicht.
9 Schon die Psalmen der altjüdischen Schriftwerke steigern wunderbar sowohl das flehentliche Bitten, als auch das von Herzen Danken immer wieder in jubelnde Begeisterung. Und in Ps.5,2 etwa begegnet uns bereits rund tausend Jahre vor der Zeitenwende die kühn vertrauensvolle Ansprache des Ich-Menschen. „Meinen Sprüchen lausche, DU, achte auf mein Seufzen” heisst es hier. In jenem „DU”, wie Martin Buber das unaussprechliche JHWH überträgt, tönt die Vertrautheit des Individuums mit seinem Gott an. Du sprechen nennt Buber die Grund-Beziehung und unterscheidet sie markant vom „Sie”, „Er” oder „Es”.
10 Wer ist nun jenes Du? Das erste Wesen, dem ich mich betend nähere, ist der Engel, der mich von Inkarnation zu Inkarnation im sublunaren Bereich begleitet, somit der Träger des Gesamtbewusstseins meiner Erdenaufenthalte. Im inbrünstigen Gebet wird diese Seinsebene ohne nennenswerten Denkaufwand erreicht. Naiv wird oft gemeint, es werde zu Heiligen gesprochen oder gar zu „Gott”, welche Vorstellung sich darunter auch verbergen mag. Das ist nicht unbedingt falsch, vermittelt ja der eng in mein Bewusstsein verwobene Angelos als mir nächststehende Instanz zwischen dem Dämmer der irdischen Welt und dem immer strahlenderen Licht der geistigen - so wird er dem oder der in sich Versenkten zur Gottheit, die sogar schon einmal voll Bedauerns ob der eigenen Schwäche als „Herr der Töpfe” angesprochen worden ist. In vielerlei Gestalt können Mondenwesen imaginiert werden, daher auch in vielerlei Gestalt angebetet, und dienen solcherart als Boten, Mittler zwischen Göttern und Menschen.
11 Eine besondere Erscheinungsweise des Angelos kann als Durchlässigkeit bezeichnet werden. Wächst der betende Mensch über einfaches Bitten und Danken hinaus in bejahendes Staunen, mögen ihm höhere Geistwesen begegnen, vielleicht das oben erwähnte JHWH, und ihn inspirieren. In diesem Fall erscheint der Engel wie ausgelöscht und lässt, was da herannaht, soweit ungefiltert durch, wie es dem ihm anvertrauten Menschen zuträglich ist, allerdings aus Engelssicht zuträglich, mit welcher nicht zu spassen ist, wie besonders Rilke aufzeigte. Mit der „Einhauchung” wird eine Bewusstseinsstufe erreicht, auf welcher Gebet und Meditation in den selben Weg münden, also nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Im Angesprochenwerden aus einer unirdischen Sphäre wird der Seele eine Erhöhung zuteil, die sie ins Gruppenhafte oder gar Allgemeinmenschliche hebt.
12 Dadurch erschliesst sich dem Bewusstsein eine endgültige Steigerung. Dank einer letzten Anstrengung im Loslassen, dieser paradoxen Fähigkeit, mag die Seele mit einer geistigen Offenbarung eins werden, um deren Wesen zu intuieren. Hiebei wird ein geistiges Sosein im selbst Dasein erfahren. Aus der christlichen Theologie kennen wir den Ausdruck „wesenseins”, die Homusie des Konzils zu Nicaea 325. Die einen Ewigkeitsaugenblick lang intuierte Wesenseinheit ist charakteristisch für jenen durchdringendsten aller Erkenntnisansätze. Aus der immer wieder neu erreichbaren Geistesgegenwart des Imaginierens, Inspiriertwerdens und Intuierens erzielt die Geistesforschung übrigens sämtliche ihrer Ergebnisse. Hingabe und Dankbarkeit in meditierendem Gebet oder betender Meditation lassen den Menschen voranschreiten und dadurch Wesentliches erreichen. Zuvor aber findet er bereits zu der Ruhe und mitfühlenden Gelassenheit, die den Verbinder von Erde und Himmel auszeichnen.