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Neudenken:
Dankbarkeit
Wer bittet, sollte auch danken. Einem Menschen gegenüber, der etwas für uns tut, regt sich von selbst das Gefühl der Dankbarkeit in uns. In diesem Gefühl kommt zum Ausdruck, daß wir, was der andere für uns getan hat, wahrnehmen und in der rechten Gesinnung aufnehmen. In der Dankbarkeit strahlt etwas von uns zu dem anderen zurück; er empfängt eine Gegengabe für sein Tun, indem ihm die Dankbarkeit aus unserem Herzen zuströmt. Oft können wir gar nichts anderes zurückgeben als nur eben Dankbarkeit für die Hilfe, die ein anderer uns angedeihen läßt; oft liegt aber gerade auch in echter Dankbarkeit der wahre Ausgleich für etwas, was wir aus Liebe empfangen, - so bei allem was Kinder den Eltern »ver-danken«, was ein Kranker an liebevoller Pflege von anderen Menschen empfängt, alle herzliche Zuwendung, die mit Geld nicht abgegolten werden kann. Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, daß eine Meditation [a] nicht beschlossen werden sollte, ohne das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der geistigen Welt im Herzen aufzurufen. In solcher Dankbarkeit geben wir etwas aus unserem Herzen zurück für das, was wir empfangen haben. Wenn ein Mensch für uns etwas tut, fällt es uns leicht, dies wahrzunehmen, und Dankbarkeit kann sich wie selbstverständlich in uns regen (daß dies heute längst nicht überall eintritt, gehört schon zu den Krankheitssymptomen der Zeit [b]); wenn von der göttlichen Welt uns etwas zuströmt, bemerken wir dies nicht ohne weiteres, und doch vergeht gewiß kein Tag im Leben irgendeines Menschen, an dem er nicht wahrhaft Grund hätte, dankbar zu sein. Zu solcher Dankbarkeit gegenüber der Gottheit müssen wir uns bewußt erziehen - und solche Erziehung schärft wiederum unser Wahrnehmen für all das, wofür wir tagtäglich zu danken haben; es wird uns daran bewußt, wieviel wir den ganzen Tag als selbstverständlich hinnehmen, ohne auch nur ein wenig mit dem Gefühl der Dankbarkeit für das Empfangene zurückzugeben.
Können wir noch einen Schritt weitergehen und denken, daß es auch dem göttlichen Wesen nicht gleichgültig sein mag, ob wir uns in solcher Art verhalten oder nicht? So, wie es vielleicht Eltern nicht gleichgültig ist, ob die Kinder Dankbarkeit entwickeln, weil darin der echte seelische Ausgleich liegt für das, was sie - manchmal unter Opfern -[c] für die Kinder tun.
Wenn es wahr ist, daß unser Sein und Leben auf dem Opfer des Göttlichen beruht,[d] dann liegt der Gedanke nicht fern, daß auch die Gottheit Verlangen danach trägt, wir Menschen möchten dies wahrnehmen und in rechter Gesinnung aufnehmen - dann aber strömt auch von selbst als Antwort die Dankbarkeit aus unserem Herzen der Gottheit zu, eine erste Gegengabe für alles, was wir empfangen haben, eine erste »Genug-tuung« für die Gottheit und ihr Opfer.
So kann unser Gebet beflügelt und durchwärmt werden von den Dankgefühlen, die sich immer neu in uns entzünden mögen angesichts dessen, was unser Leben täglich trägt, bereichert, erhält. Dadurch bekommt unser Gebet die Frische und Kraft, die es braucht, um aus der Gewohnheit immer neu herausgehoben zu werden.
»Der Sonne Licht durchflutet
Des Raumes Weiten,
Der Vögel Singen durchhallet
Der Luft Gefilde,[e]
Der Pflanzen Segen entkeimet
Dem Erdenwesen,
Und Menschenseelen erheben
In Dankgefühlen
Sich zu den Geistern der Welt.«
(Rudolf Steiner)
Hans-Werner Schroeder
aus «Das Gebet»; S.72f
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl-B.33
b] Doch muss der Mensch erst dazu angehalten werden.
c] Das Grossziehen eines Kindes ist stets mit Verzicht, also Opfer im unbestimmten Sinn, verbunden.
d] vgl. R.Steiner zum Opfer der Throne
e] vgl. R.Steiner zu Vogel- u. Menschengesang