zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 53:
Zusammengestellt für das
XXI. Sommerseminar
«Das Wegkind»: IX.Garn
Sonne, Erde und Mensch
Rudolf Steiner
1a [...] Man denke sich einen physischen Menschenleib aus der ihn umgebenden Welt entfernt. Er müßte zugrunde gehen. Das zeigt, daß er ohne die ganze physische Umgebung nicht möglich ist. In der Tat muß die ganze Erde eben so sein, wie sie ist, wenn auf ihr physische Menschenleiber vorhanden sein sollen. In Wahrheit ist nämlich dieser ganze Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem Sinne des ganzen physischen Weltalls. Er verhält sich in dieser Beziehung wie z. B. der Finger einer Hand zu dem ganzen menschlichen Körper. Man trenne den Finger von der Hand, und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt. So auch müßte es dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er von demjenigen Leibe entfernt würde, von dem er ein Glied ist; von den Lebensbedingungen, welche ihm die Erde liefert. Man erhebe ihn eine genügende Anzahl von Meilen über die Oberfläche der Erde, und er wird verderben, wie der Finger verdirbt, den man von der Hand abschneidet. Wenn der Mensch gegenüber seinem physischen Leibe diese Tatsache weniger beachtet als gegenüber Finger und Körper, so beruht das lediglich darauf, daß der Finger nicht am Leibe herumspazieren kann wie der Mensch auf der Erde und daß für jenen daher die Abhängigkeit leichter in die Augen springt.
S.86
1b Der Aufbau eines neuen Leibeszusammenhanges ist jedoch nicht die einzige Tätigkeit, welche dem Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt obliegt.[a] Während dieser Aufbau geschieht, lebt der Mensch außerhalb der physischen Welt. Diese schreitet aber während dieser Zeit in ihrer Entwickelung weiter. In verhältnismäßig kurzen Zeiträumen ändert die Erde ihr Antlitz. Wie hat es vor einigen Jahrtausenden in den Gebieten ausgesehen, welche gegenwärtig von Deutschland eingenommen werden? Wenn der Mensch in einem neuen Dasein auf der Erde erscheint, sieht diese in der Regel niemals wieder so aus, wie sie zur Zeit seines letzten Lebens ausgesehen hat. Während er von der Erde abwesend war, hat alles mögliche sich geändert. In dieser Änderung des Antlitzes der Erde wirken nun auch verborgene Kräfte. Sie wirken aus derselben Welt heraus, in welcher sich der Mensch nach dem Tode befindet. Und er selbst muß an dieser Umgestaltung der Erde mitwirken. Er kann es nur unter der Anführung von höheren Wesenheiten, solange er sich nicht durch die Erzeugung von Lebensgeist und Geistesmenschen [b] ein klares Bewußtsein über den Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dessen Ausdruck im Physischen angeeignet hat. Aber er schafft mit an der Umwandlung der irdischen Verhältnisse. Man kann sagen, die Menschen gestalten während der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt die Erde so um, daß deren Verhältnisse zu dem passen, was sich in ihnen selbst entwickelt hat. Wenn wir einen Erdenfleck betrachten in einem bestimmten Zeitpunkt und dann nach langer Zeit wieder in einem völlig veränderten Zustande, so sind die Kräfte, welche diese Veränderung herbeigeführt haben, bei den toten Menschen. In solcher Art stehen diese auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt mit der Erde in Verbindung. Das übersinnliche Bewußtsein sieht in allem physischen Dasein die Offenbarung eines verborgenen Geistigen. Für die physische Beobachtung wirkt auf die Umgestaltung der Erde das Licht der Sonne [c], die Wandelungen des Klimas usw. Für die übersinnliche Beobachtung waltet in dem Lichtstrahl, der von der Sonne auf die Pflanze fällt, die Kraft der toten Menschen. Dieser Beobachtung kommt zum Bewußtsein, wie Menschenseelen die Pflanzen umschweben, wie sie den Erdboden wandeln und ähnliches. Nicht bloß sich selbst, nicht allein der Vorbereitung zu seinem eigenen neuen Erdendasein ist der Mensch nach dem Tode zugewandt, nein, er ist da berufen, an der äußeren Welt geistig zu schaffen, wie er im Leben zwischen Geburt und Tod physisch zu schaffen berufen ist.
S.119f
1c Es ist klar, daß des Menschen Leben nach den verschiedensten Richtungen hin Beziehungen hat zur Umgebung, zu dem Wohnplatz, auf dem er sich entwickelt. Nun ist schon die äußerliche Wissenschaft durch die ihr gegebenen Tatsachen zu der Ansicht gedrängt worden, daß die Erde selbst, dieser Wohnplatz des Menschen im umfassendsten Sinne, eine Entwickelung durchgemacht hat. Diese Wissenschaft weist auf Zustände im Erdendasein hin, innerhalb welcher ein Mensch in seiner gegenwärtigen Form auf unserem Planeten noch nicht existiert hat. Sie zeigt, wie die Menschheit von einfachen Kulturzuständen herauf sich langsam und allmählich zu den gegenwärtigen Verhältnissen entwickelt hat. Also auch diese Wissenschaft kommt zu der Meinung, daß ein Zusammenhang bestehe zwischen der Entwickelung des Menschen und derjenigen seines Himmelskörpers, der Erde.
S.137f
1d [...] Die Erdentwickelung zerfallt also in zwei Teile. In einer ersten Periode erscheint die Erde selbst als Wiederverkörperung des früheren planetarischen Zustandes. Dieser Wiederholungszustand ist aber durch die inzwischen eingetretene Vergeistigung ein höherer als derjenige der vorhergehenden Verkörperung. Und die Erde enthält in sich die Keime der Menschenvorfahren vom früheren Planeten. Diese entwickeln sich zunächst bis zu der Höhe, auf der sie schon waren. Wenn sie diese erreicht haben, ist die erste Periode abgeschlossen. Die Erde aber kann jetzt wegen ihrer eigenen höheren Entwickelungsstufe die Keime noch höher bringen, nämlich sie zur Aufnahme des «Ich» befähigen. Die zweite Periode der Erdentwickelung ist diejenige der Ich-Entfaltung im physischen Leibe, Lebens- und Astralleibe.
S.147f
1e Nun schreitet die Entwickelung der Erde weiter. Das Weiterschreiten drückt sich wieder in einer Verdichtung aus. Es gliedert sich die wässerige Substanz dem Erdenkörper ein, so daß dieser nun aus drei Gliedern, dem feurigen, dem luftformigen und dem wässerigen besteht. Bevor dies geschieht, spielt sich ein wichtiger Vorgang ab. Es spaltet sich aus der Feuer-Luft-Erde ein selbständiger Weltkörper ab, der dann in seiner weiteren Entwickelung zur gegenwärtigen Sonne wird. Vorher waren Erde und Sonne ein Körper. Nach der Abspaltung der Sonne hat zunächst die Erde noch alles in sich, was in und auf dem gegenwärtigen Monde ist. Die Absonderung der Sonne geschieht, weil höhere Wesenheiten [d] zu ihrer eigenen Entwickelung und zu dem, was sie für die Erde zu tun haben, die bis zum Wasser verdichtete Materie nicht mehr weiter ertragen können. Sie sondern sich aus der gemeinsamen Erdenmasse die allein für sie brauchbaren Substanzen heraus und ziehen sich aus derselben heraus, um sich in der Sonne einen neuen Wohnplatz zu bilden. Sie wirken nun von der Sonne aus von außen auf die Erde. Der Mensch aber bedarf zu seiner weiteren Entwickelung eines Schauplatzes, auf dem sich die Substanz auch noch weiter verdichtet.
S.224f
aus «Die Geheimwissenschaft im Umriß»
2 Diejenigen Gegensätze im Kosmos, welche uns zunächst für das Menschenleben wichtig sind, sind so, daß wir als ersten angeben können den Gegensatz von Sonne und Erde. Wir haben zwar bei den verschiedenen Betrachtungen der Erdenentwickelung gesehen, wie sich die Sonne von unserer Erde abgespalten hat, wie beide selbständige Körper im Raum geworden sind, aber wir können auch fragen: Wie wiederholt sich denn der Gegensatz von Sonne und Erde im Makrokosmos, der großen Welt, wie wiederholt sich denn dieser Gegensatz im Menschen, im Mikrokosmos?[e] Gibt es im Menschen selber einen Gegensatz, der in der menschlichen Natur entspricht dem Gegensatz von Sonne und Erde unseres Planeten-Sonnensystems? Ja, diesen Gegensatz gibt es! Und dieser Gegensatz ist im menschlichen Organismus - aber jetzt Gesamtorganismus, leiblich und geistig - sozusagen zwischen alldem, was sich äußerlich in dem Organ des Kopfes ausdrückt, und alldem, was sich äußerlich in den Organen der menschlichen Bewegung ausdrückt. Alles das am Menschen, was sich ausdrückt als Gegensatz zwischen dem Organe des Kopfes und den Organen der Bewegung, also Händen und Füßen, entspricht beim Menschen jenem Gegensatz, jener Polarität, die wir im Kosmos als Sonne und Erde bezeichnen können. Wir werden schon noch sehen, wie sich das verträgt mit jener andern Entsprechung, wo man in gewisser Beziehung die Sonne parallelisiert mit dem Herzen; aber darauf kommt es jetzt nicht an, sondern es kommt jetzt an auf ein Gegensatzpaar: darauf, daß im Menschen der Kopf auf der einen Seite ist und auf der andern Seite dasjenige, was wir am Menschen die Bewegungsorgane nennen.
[...] Zu einem aufrechten Wesen, das sozusagen Hände und Füße in der Weise gebraucht wie heute, hat erst unsere Erde den Menschen gemacht, und auf der Erde wiederum konnte sein Haupt nur dadurch in den Weltenraum frei herausschauend werden, daß aus einer andern Lage, wo etwa sein Rückgrat während der Mondenentwickelung der Mondoberfläche parallel war, ihn die Kräfte der Sonne aufgerichtet haben. Von der Erde, wie sie heute ist, können wir sagen: Sie ist schuld daran, daß der Mensch seine Beine und Hände so gebrauchen kann, wie er sie heute gebraucht. Die Sonne, von außen auf unsere Erde wirkend und den Gegensatz zur Erde bildend, ist schuld daran, daß das menschliche Antlitz mit dem Haupte sich sozusagen in einer gewissen Weise entrissen hat der Gebundenheit an die Erde und frei in den Weltenraum hinauszublicken in der Lage ist. Was also draußen im Planeten-Sonnensystem der Gegensatz von Sonne und Erde ist, das ist im Menschen der Gegensatz von Kopf und Gliedmaßen. Diesen Gegensatz von Kopf und Gliedmaßen, wir finden ihn bei allen Menschen, seien sie nun Männer, oder seien sie Frauen,[f] und wir finden auch, daß für das Wesentliche dabei Männer und Frauen im Grunde genommen gleichgeartet sind. So daß wir sagen können: In bezug auf jenen Gegensatz zwischen Sonne und Erde muß auch der entsprechende Gegensatz beim Menschen sich gleichartig ausdrücken bei Männern und Frauen. Die Erde wirkt in demselben Maße auf die Frau wie auf den Mann, die Frau ist in derselben Weise an die Erde gefesselt wie der Mann, und in derselben Weise entreißt die Sonne das Haupt der Frau wie das des Mannes der Fesselung an die Erde.
Den Gegensatz, den wir eben berührt haben, werden wir in seiner vollen Tiefe würdigen, wenn wir bedenken, daß zum Beispiel jene Wesen, die sozusagen zu früh in die dichte Materie gefallen sind - die Säugetiere - es nicht bis zu dem freien Hinausschauen in den Weltenraum bringen konnten, daß sie mit ihrem Antlitz gefesselt sind an das Erdendasein. Für sie wurde der Gegensatz von Sonne und Erde nicht im gleichen Sinne zu einem Gegensatz in ihrer eigenen Wesenheit. Daher dürfen wir ein Säugetier keinen Mikrokosmos nennen. Den Menschen können wir aber den Mikrokosmos nennen. Und wir haben jetzt ein solches Zeugnis für die mikrokosmische Natur des Menschen im Gegensatz zwischen Kopf und Gliedmaßen.
Stuttgart, 5.Mär.1910 ♄ (in «GA 118»; S.94ff)
3 [...] Der erste ist die Abtrennung der Sonne von der Erde. Dieser Zeitpunkt ist ein ganz wichtiger. Es mußte einmal diese Sonnentrennung von der Erde stattfinden, denn wären die beiden Weltenkörper wie im Beginne des Erdenwerdens miteinander verknüpft geblieben, so hätte der Fortgang der Menschheitsentwickelung dem Menschen seine eigentliche Erdenbedeutung nicht geben können. Alles das, was wir Sonne nennen, also natürlich nicht nur das Elementarische oder Physische des Sonnenleibes, sondern auch alle die geistigen Wesenheiten, die zum Sonnenleibe gehören,[d] alles das mußte sozusagen aus der Erde heraustreten, oder, wenn man es richtiger findet, es mußte die Erde von sich abstoßen, weil, trivial gesprochen, die Kräfte jener Wesenheiten, welche ihren Schauplatz von der Erde hinaus auf die Sonne verlegt haben, für das Gedeihen des Menschen zu stark gewirkt hätten, wenn sie mit der Erde verbunden geblieben wären. Diese Wesenheiten mußten gleichsam ihre Kräfte dadurch abschwächen, daß sie sich hinausverlegten von dem Erdenschauplatz und von außen her wirkten. So haben wir den Zeitpunkt, wo eine Anzahl von Wesenheiten zur Abschwächung ihrer Wirkungen ihren Schauplatz nach außen verlegen und nun weniger stark in das Menschenwerden und auch in das Tierwerden eingreifen. Wir haben damit also von einem gewissen Momente an die Erde sich selber überlassen, die Erde mit einer gewissen Vergröberung ihrer Kräfte, denn die feineren, die geistigeren Kräfte haben sich mit der Sonne von der Erde getrennt. Der Mensch aber blieb in bezug auf jene Wesenheit, zu der er durch Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung hindurch geworden war, mit der Erde noch eine Weile nach der Sonnentrennung vereint. Es waren ja nur hocherhabene Wesenheiten, welche mit der Sonne ihren Schauplatz nach außen verlegten.
München, 25.Aug.1910 ♃ (in «GA 122»; S.159f)
4 Das zeigt auch das Matthäus-Evangelium hinlänglich, sogar mit den bedeutsamsten Worten, die wir vielleicht überhaupt in einer Urkunde finden können. Es zeigt uns ganz klar, daß darauf hingewiesen werden sollte: Einmal war da der Christus in einem physischen Menschenleib; aber dieses Ereignis ist nicht bloß ein Ereignis, es ist eine Ursache, ein Impuls. Von da aus geht eine Wirkung. Das Sonnenwort, die Sonnenaura, wovon Zarathustra einst sprach als von einem außerhalb der Erde Vorhandenen,[g] das ist durch das Christus Jesus-Leben etwas geworden, was mit der Erde vermählt, verbunden ist und verbunden bleiben wird. Vorher war nicht dasselbe mit der Erde verbunden, was nachher mit ihr verbunden war.
Bern, 12.Sep.1910 ☽ (in «GA 123»; S.159f)
5 Wohl schauen und fühlen wir während dieser Zeit auch noch anderes. Es krachen manchmal hinein Blitze und Donner in die Strahlen der Frühlingssonne, wenn Wolken diese Strahlen überziehen. Es ergießen sich unregelmäßig die Regengüsse über die Oberfläche der Erde. Und wir verspüren dann die unendliche, durch nichts zu beeinflussende harmonische Regelmäßigkeit des Sonnenganges, und die - nun, brauchen wir das Wort - wetterwendische Wirksamkeit der Entitäten, die auf der Erde wirken als Regen und Sonnenschein, als Gewitter, als andere Erscheinungen, die abhängen von allem möglichen unregelmäßigen Treiben, gegenüber dem durch nichts zu beeinflussenden regelmäßigen, harmonischen Wirken des Sonnenganges und seiner Folgen für die Entwickelung der Pflanzen und alles dessen, was auf der Erde lebt. Unendlich regelmäßige Harmonie der Sonnenwirksamkeit und das Wetterwendische wie Launische desjenigen, was unmittelbar in unserer Atmosphäre vorgeht, wir fühlen das wie eine Zweiheit.
Dann aber, wenn der Herbst naht, fühlen wir das Absterben des Lebendigen, das Hindorren desjenigen, was uns erfreut. Und haben wir ein Mitgefühl mit der Natur, so werden unsere Seelen vielleicht traurig über die absterbende Natur. Die weckende, liebende Kraft der Sonne, dasjenige, was regelmäßig, harmonisch das Weltenall durchwallt, wird gleichsam unsichtbar, und dasjenige, was wir als das Wetterwendische bezeichneten, das siegt dann. Es ist wahr, was noch frühere Zeiten wußten, was unserer Materialität aus dem Bewußtsein geschwunden ist: daß zur Winterzeit der Egoismus der Erde siegt gegenüber den Kräften, die, durchdringend unsere Atmosphäre, aus dem weiten Weltensein auf unsere Erde herniederströmen und das Leben auf unserer Erde erwecken.
Und wie eine Zweiheit erscheint uns so die ganze äußere Natur. Ganz verschieden das Frühlings- und Sommerwirken und das Herbst- und Winterwirken.[h] Wie wenn die Erde selbstlos würde und sich hingeben würde der Umarmung des Weltenalls, aus dem ihr die Sonne Licht und Wärme zusendet und ihr Leben erweckt, wie ihre Selbstlosigkeit zeigend erscheint uns die Frühlings- und Sommererde. Wie ihren Egoismus zeigend, aus sich selber hervorzaubernd alles dasjenige, was sie in ihrer eigenen Atmosphäre enthalten und hervorbringen kann, so steht die Herbst- und Wintererde vor uns. Besiegend das Sonnenwirken, das Weltallwirken durch den Egoismus des irdischen Wirkens, so erscheint uns die Wintererde.
Bochum, 21.Dez.1913 ☉ (in «GA 150»; S.110f)
6a [...] So wahr als unsere Erde besteht aus den Mineralien und so wahr sie sich in der mineralischen Sphäre entwickelt hat, so wahr also Kräfte in ihr vorhanden sind, die die Mineralien aus ihr heraustreiben, so wahr gehört zur Erde auch dasjenige, was in den Pflanzen, den Tieren, was in den physischen Menschen lebt. Und wir betrachten die Erde nur in ihrer Ganzheit, wenn wir nicht einfach hinwegheben dasjenige, was in Pflanzen, Tieren und Menschen lebt, und nur das Abstraktum «mineralische Erde» ins Auge fassen, sondern wenn wir die Erde so betrachten, daß wir sie in ihrer Totalität uns vor das Bewußtsein bringen. Das heißt, daß eben zu ihr dann gehören alle diejenigen Wesenheiten und Wesenhaftigkeiten, die aus ihr emporgetrieben werden.
Nun nehmen Sie von dem, was zu dieser totalen Erde gehört, zunächst das Pflanzenreich. Wir wollen es heranziehen, um dann den Übergang zu finden zu dem, was uns im Menschen entgegentritt. Während das mineralische Reich in einer gewissen Weise, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, sozusagen ein innerlich selbständig-irdisches Dasein führt, nur in einer solchen Beziehung zum außerirdischen Kosmos steht, die sich etwa äußert in der Verwandlung des Wassers im Winter in Eis und dergleichen, steht das Pflanzenreich mit der irdischen Umgebung, mit alledem, was auf die Erde hereindringt aus dem Kosmos, in einer viel innigeren Beziehung. Durch das Pflanzenreich öffnet sich gewissermaßen das Erdensein dem Kosmos. Und in denjenigen Gebieten, wo in einer gewissen Jahreszeit eine besonders intensive Wechselwirkung stattfindet zwischen der Erde und der Sonne, schließt sich bei den Pflanzen das Pflanzenleben auf. Es schließt sich auf, indem eine Wechselwirkung eben eintritt zwischen der Erde und dem Kosmos. Wir müssen so etwas, was uns gewissermaßen nicht bloß quantitativ, sondern qualitativ hineinführt in das astronomische Feld, durchaus beachten. Wir müssen von diesen Dingen ebenso Vorstellungen gewinnen, wie sie der heutige Astronom gewinnt von Winkelbeziehungen, von Parallaxen und so weiter. Wir müssen zum Beispiel uns sagen: Es ist gewissermaßen die Pflanzendecke eines Erdgebietes eine Art Sinnesorgan für dasjenige, was herein sich offenbart aus dem Kosmos. Es ist, wenn eine besondere Wechselwirkung stattfindet zwischen einem Teil der Erdoberfläche und dem Kosmos, gewissermaßen so, wie wenn der Mensch nach außenhin aufschließt die Augen, weil er einen Sinneseindruck bekommt. Und im anderen Falle, wenn die Wechselwirkung weniger intensiv ist zwischen der Erde und dem Kosmos, ist das Zurücktreten der Vegetation, das Sich-Verschließen der Vegetation etwas wie ein Augenschließen gegenüber dem Kosmos. Es ist mehr als ein bloßer Vergleich, wenn man davon spricht, daß ein Territorium durch die Vegetation die Augen öffnet nach dem Kosmos im Frühling und im Sommer, daß es die Augen schließt im Herbst und Winter. Und da man durch Augenöffnen und Augenschließen sich in einer gewissen Weise verständigt mit der äußeren Welt, so muß auch so etwas gesucht werden wie Aufschlüsse über den Kosmos in dem terrestrischen Augenaufschließen und Augenzuschließen durch die Vegetation.
Fassen wir das Ganze etwas genauer noch ins Auge. Sehen wir uns an, welch ein Unterschied besteht zwischen der Vegetation auf einem Erdgebiet, das gewissermaßen der lebendigsten Wechselwirkung ausgesetzt ist, sagen wir, mit dem solaren Leben, und wenden wir dann die Aufmerksamkeit der Vegetation zu, wenn dieses Gebiet nicht ausgesetzt ist dem solaren Leben. Der Winter unterbricht ja natürlich nicht das vegetative Leben der Erde. Es ist ja ganz natürlich, daß das vegetative Leben durch den Winter fortdauert. Aber es äußert sich in einer anderen Weise als indem es ausgesetzt ist der intensiven Wirkung der Sonnenstrahlen, also sagen wir des Kosmos. Dieses vegetative Leben schießt unter der Einwirkung des Solarischen in die Gestalt. Das Blatt bildet sich aus, es kompliziert sich, die Blüte bildet sich aus. Tritt dasjenige ein, was man nennen könnte das Augenverschließen gegenüber dem Kosmos, dann geht das vegetative Leben in sich, in den Keim hinein. Es entzieht sich der Außenwelt, es schießt nicht in die Gestalt; ich möchte sagen, es zieht sich in den Punkt zusammen, es zentriert sich. Da haben wir einen Gegensatz, den wir geradezu als eine Gesetzmäßigkeit ansprechen können. Wir können sagen: Die Wechselwirkung zwischen dem irdischen und solarischen Leben stellt sich für die Vegetation so dar, daß das vegetative Leben unter dem Einfluß des Solarischen in die Gestalt schießt, unter dem Einfluß des irdischen Lebens in den Punkt sich zusammenschließt, zum Keim wird. Sie sehen: Etwas Ausbreitendes - etwas sich Zentrierendes liegt darin. Wir ergreifen die Raumesverhältnisse unmittelbar aus dem Qualitativen heraus. Das ist es, was wir uns für die Bildung gewisser Ideen angewöhnen müssen, wenn wir zu fruchtbaren Anschauungen auf diesem Gebiet kommen wollen.
Und gehen wir nun vom Pflanzenleben hinüber auf den Menschen. Es ist ja natürlich, daß dasjenige, was sich in bezug auf die Pflanzen äußert, auch im Menschen sich äußert. Aber wie äußert es sich? Wir können am Menschen selbst dasjenige, was wir da im Pflanzenleben äußerlich wahrnehmen, was wir gewissermaßen, wenn wir auf das Qualitative hinschauen, vor unsern Augen haben, wir können das im Menschen im Grunde genommen nur in dem ersten Kindesalter verfolgen. Verfolgen wir einmal, so wie wir das jetzt für die Pflanze getan haben, die Wechselwirkung zwischen dem solaren und dem terrestrischen Leben für den Menschen in den Kindesjahren. Das Kind schließt sich ja schon durch die Sinne den Eindrücken der äußeren Welt auf. Das ist im wesentlichen ein Sich-Aufschließen dem solarischen Leben. Sie brauchen nur ein wenig sich die Dinge zurechtzurücken, so werden Sie sehen, daß das, was da an unsere Sinne herandringt, im wesentlichen zusammenhängt mit dem, was bewirkt wird durch das Kosmische im Terrestrischen. Sie können auf den speziellen Fall des Lichtes reflektieren, daß, wenn sich im Tag-Nacht-Wechsel [i] Licht und Finsternis ablösen, auf unsere Augen bei Tag Eindrücke gemacht werden, bei Nacht keine Eindrücke gemacht werden. Sie können aber das auch auf andere Wahrnehmungen, wenn es da auch schwieriger klar zu machen ist, anwenden. Sie können sich sagen: Da ist eine gewisse Wirkung des Wechselverhältnisses zwischen dem Solarischen und Irdischen, das sich im Menschen so äußert, daß es seelisch bei ihm auftritt. Der Mensch hat seelische Wirkungen durch dasjenige, was da zunächst im Tageszeitenwechsel auftritt. Dasjenige gewissermaßen, was die Sonne über die Erde bringt, äußert sich zunächst im Seelischen des Menschen.
S.59ff
6b Im Tageslauf finden wir dasjenige, was durch die Sinne nach innen geht, sich unabhängig macht vom Wachstum, was seelischgeistig im Menschen wirkt. Wir sehen gewissermaßen, wie dasjenige, was durch die Sonne geschieht mit dem Menschen im Tageslauf, eine innerliche Wirkung hat, die sich emanzipiert von dem Äußeren und seelisch-geistig wird - dasjenige, was das Kind lernt, was es sich aneignet durch Beobachtung, was also vorgeht mit dem Seelisch-Geistigen; wir sehen, wie dann in wesentlich anderem Tempo, von einer wesentlich anderen Seite her das Gehirn sich ausbildet, sich gliedert, wächst. Das ist die andere Wirkung. Das ist die Jahreswirkung des Solaren. Wir wollen jetzt gar noch nicht davon sprechen, welche Veränderungen zwischen Sonne und Erde im Weltenall draußen vorgehen, wir wollen lediglich die Äußerungen, die an gewisse Veränderungen im solarisch-irdischen Leben geknüpft sind, im Menschen selbst betrachten. Wir betrachten den Tag und wir finden das seelisch-geistige Leben des Menschen mit dem Sonnengang zusammenhängend; wir betrachten die Jahreszeitenwechsel und wir finden das Wachstumsleben des Menschen, das Physisch-Leibliche, mit dem Sonnengang zusammenhängend. Wir werden uns sagen: Dasjenige, was als Veränderungen zwischen Erde und Sonne in 24 Stunden geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Seelisch-Geistigen des Menschen; dasjenige, was zwischen Erde und Sonne im Jahreslauf geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Leiblich-Physischen des Menschen. [...]
S.63f
Stuttgart, 3.Jän.1921 ☽ (in «GA 323»)
7 Ich will nun schematisch darauf hinweisen, wie die tierische Organisation sich gestaltet. Wenn Sie sich fragen: Woher rührt denn eigentlich der charakteristische Unterschied von Vorne und Rückwärts? - dann kommen Sie nach Prüfung von unermeßlich vielen Zwischengliedern zu etwas sehr Merkwürdigem. Sie kommen dazu, die Differenzierung von Vorne mit den Wirkungen der Sonne zusammenzubringen. Sie haben da die Erde, Sie haben das Tier, ein Tier auf der Sonnenseite der Erde. Und nehmen Sie dann an, durch irgendwelche Vorgänge kommt zustande, daß das Tier dann auf der anderen, auf der abgewendeten Seite ist, dann haben Sie auch die Wirkung der Sonnenstrahlen auf das Tier, aber die Erde ist dazwischen. Sie haben also das eine Mal zu reden von der Wirkung der Sonnenstrahlen auf das Tier direkt, das andere Mal von der Wirkung der Sonnenstrahlen auf das Tier indirekt, indem die Erde dazwischen ist, indem die Sonnenstrahlen die Erde erst zu passieren haben.[k] Exponieren Sie nun die Gestalt des Tieres der direkten Sonnenwirkung, so bekommen Sie den Kopf; exponieren Sie das Tier denjenigen Sonnenstrahlen, die erst durch die Erde hindurchgehen, so bekommen Sie den entgegengesetzten Pol des Kopfes. Sie müssen studieren das Schädelskelett als ein Ergebnis der direkten Sonnenwirkung; Sie müssen studieren die Formen, die Morphologie des entgegengesetzten Poles als die Wirkung der Sonnenstrahlen, vor die sich die Erde gestellt hat, der indirekten Sonnenstrahlen. Es weist uns also die Morphologie des Tieres auf ein Wechselverhältnis zwischen Erde und Sonne hin. Wir müssen aus demjenigen, was sich im Tiere heranbildet, nicht aus dem bloßen Augenschein, auch wenn das Auge durch das Teleskop bewaffnet ist, die Vorbedingungen schaffen für das Erkennen der Wechselverhältnisse zwischen Erde und Sonne.
Und bedenken Sie jetzt, daß die menschliche Rückgratlinie im Verhältnis zur tierischen um einen rechten Winkel gedreht ist, daß also hinzukommt eine wesentliche Modifikation dieser Wirkungen; daß wir im Grunde genommen etwas ganz anderes von Sonneneinflüssen haben im Menschen als im Tier; daß wir nötig haben, dasjenige, was im Menschen wirkt, im Sinne einer Resultierenden darzustellen. Wenn wir nämlich die Linie [Parallele zur Erdoberfläche], ob sie nun direkte oder indirekte Sonnenwirkung darstellt, symbolisch durch diese Länge darstellen [eine Horizontale], so müssen wir uns sagen: Da wirkt auch eine Vertikale. Und erst wenn wir die Resultierende [eine Schräge] bilden, bekommen wir dasjenige, was im Menschen wirkt. Mit anderen Worten: Wenn wir etwa genötigt sein sollten, der Bildung der tierischen Form zugrunde zu legen, sei es eine Umdrehung der Sonne um die Erde, sei es eine Bewegung der Erde um ihre eigene Achse, so sind wir genötigt, noch eine andere Bewegung der Erde beziehungsweise der Sonne zuzuschreiben, eine Bewegung, die mit der menschlichen Bildung zusammenhängt und die im Effekt zu einer Resultierenden sich vereinigt mit der ersten Bewegung, die der tierischen Bildung zugrunde liegt. Das heißt: Wir müssen herausbekommen an dem, was sich im Menschen und im Tier äußert, die Grundlage für dasjenige, was etwaige gegenseitige Bewegungen der Weltenkörper sind. Wir müssen herausheben die astronomischen Betrachtungen aus den Dingen, die wir verfolgen können, wenn wir in der Sphäre der bloßen Anschauung bleiben, auch wenn wir mit dem Teleskop oder der Rechnung oder der Mechanik vorgehen. Wir müssen hineinheben das, was Astronomie ist, in dasjenige, was sich äußert in diesem empfindlichen Instrument, der Organisation. Denn offenbar weist uns auf Bewegungen im Himmelsraum dasjenige hin, was formend als Kräfte im Tiere wirkt, was formend im Menschen wirkt.
Stuttgart, 7.Jän.1921 ♀ (in «GA 323»); 140ff
8 Die Sonne, sie ist eigentlich - nachdem sie sich in der Art, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe, von der Erde getrennt hat oder die Erde von sich abgetrennt hat -, sie ist eigentlich doch, da der Mensch seit dem Saturndasein mit dem gesamten Planetensystem einschließlich der Sonne verbunden war, die Ursprungsstätte des Menschen. Der Mensch hat nicht seine Heimat auf der Erde, sondern der Mensch hat einen vorübergehenden Aufenthalt auf der Erde. Er ist in Wirklichkeit nach jener alten Anschauung ein Sonnenwesen. Er ist in seinem ganzen Sein mit der Sonne verbunden. Da er dieses ist, sollte er eigentlich als Sonnenwesen anders auf der Erde dastehen, als wie er ist. Er sollte so auf der Erde dastehen, daß die Erde ihrem Drange genügen könnte, aus dem mineralischen und dem pflanzlichen Reiche heraus den Samen des Menschen in ätherischer Form hervorzubringen, und der Sonnenstrahl sollte dann diesen von der Erde hervorgebrachten Samen befruchten. Und daraus sollte die ätherische Menschengestalt erscheinen, die erst durch dasjenige, was sie als eigenes, von sich selbst aus begründetes Verhältnis zu den physischen Erdenstoffen macht, die physische Erdenstofflichkeit annehmen sollte. Also es war etwa von den Zeitgenossen des Agrippa von Nettesheim - Agrippa hatte leider schon etwas von Trübung in seiner Erkenntnis -, aber von seinen besseren Zeitgenossen war eigentlich gedacht worden, daß der Mensch nicht so, wie es nun einmal ist auf der Erde, irdisch geboren werden sollte, sondern daß der Mensch in seinem ätherischen Leibe durch das Zusammenwirken von Sonne und Erde zustande kommen sollte und sich seine irdische Gestalt, wandelnd als ätherische Wesenheit auf der Erde, erst geben sollte. Gewissermaßen in pflanzlicher Reinheit sollten erwachsen auf der Erde die Menschensamen, ätherisch da und dort auftretend als dunkel funkelnde Erdenfrüchte, dann überglänzt werden von dem Lichte der Sonne in bestimmter Jahreszeit, und durch jenes Überglänzen ätherisch Gestalt annehmend in menschlicher Art. Denn nicht aus dem Leibe der Mutter, sondern aus der Erde und dem, was auf ihr ist, sollte der Mensch selber heranziehen dasjenige, was er an physischer Substanz aus dem Erdenbereiche sich einverleiben sollte. So dachte man, wäre es eigentlich im Sinne der Weltengeistigkeit gewesen, daß der Mensch die Erde betritt.
Und dasjenige, was später gekommen ist, ist dadurch gekommen, daß der Mensch einen zu tiefen Drang, eine zu intensive Begierde in sich hat erwachen lassen zu dem Irdisch-Stofflichen. Dadurch ist er verlustig geworden seines Zusammenhanges mit Sonne und Kosmos, und er konnte auf der Erde nur in Form der Vererbungsströmung sein Dasein finden. Dadurch aber hat gewissermaßen der Dämon der Erde seine Arbeit begonnen, denn mit Menschen, die sonnengeboren wären, hätte sich der Dämon des Irdischen nicht beschäftigen können. Dann aber, wenn der Mensch also die Erde betreten hätte, dann wäre er wirklich die vierte Hierarchie. Da würde stets, wenn über den Menschen geredet würde, so geredet werden müssen, daß man sagte: Erste Hierarchie - Seraphim, Cherubim, Throne; dann zweite Hierarchie - Exusiai, Dynamis, Kyriotetes; dritte Hierarchie - Angeloi, Archangeloi, Archai; vierte Hierarchie - der Mensch, in drei Abstufungen des Menschlichen, aber eben eine vierte Hierarchie.[l] Dadurch aber, daß der Mensch nach dem Physischen hin seinen starken Drang geltend gemacht hat, dadurch wurde er nicht das Wesen auf der untersten Sprosse der Hierarchien, sondern das Wesen an der Spitze, auf der höchsten Sprosse der irdischen Naturreiche: Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich, Menschenreich. So hat man die Stellung des Menschen damals angesehen.
Dadurch aber, daß der Mensch seine Aufgabe auf der Erde nicht gefunden hat, dadurch hat die Erde auch nicht ihre würdige Stellung im Kosmos. Denn es ist ja eigentlich dadurch, daß der Mensch gefallen ist, der eigentliche Regent der Erde nicht da. Was ist nun gekommen? Der eigentliche Regent der Erde fehlt, und notwendig wurde, daß die Erde in ihrer Stellung im Kosmos nicht von sich aus regiert wurde, sondern regiert wurde von der Sonne aus, so daß der Sonne die Aufgaben zugefallen sind, die eigentlich auf Erden verrichtet werden sollen. Also es sah der mittelalterliche Mensch zur Sonne hinauf und sagte: In der Sonne sind gewisse Intelligenzen. Sie bestimmen die Bewegung der Erde im Kosmos, sie regeln, was auf der Erde selber geschieht. Der Mensch sollte es tun. Die Sonnenkräfte sollten auf der Erde durch den Menschen für das Dasein der Erde wirken. - Dadurch entstand jene bedeutsame Vorstellung des mittelalterlichen Menschen, die eingeschlossen ist in die Worte: Die Sonne, der unrechtmäßige Fürst dieser Welt.
Und jetzt bedenken Sie, meine lieben Freunde, wie unendlich vertieft für diesen mittelalterlichen Menschen gerade durch solche Vorstellungen der Christus-Impuls wurde. Der Christus wurde zu dem Geiste, der auf der Sonne seine weitere Aufgabe nicht finden wollte, der nicht bleiben wollte unter denjenigen, die von außen her unrechtmäßig die Erde dirigieren. Er wollte seinen Weg von der Sonne zur Erde finden, einziehen in Menschengeschick und Erdengeschick, wandeln durch die Erdenereignisse und durch die Erdenentwickelung in Menschengeschick und Erdengeschick. Damit war für den mittelalterlichen Menschen der Christus die einzige Wesenheit, die im Kosmos die Aufgabe des Menschen auf Erden gerettet hat. Und nun haben Sie den Zusammenhang. Denn nun können Sie wissen, warum in der Rosenkreuzerzeit [m] dem Schüler immer wieder eingeschärft wurde: O Mensch, du bist ja nicht das, was du bist. Der Christus mußte kommen, um dir deine Aufgabe abzunehmen, um für dich deine Aufgabe zu verrichten.[n]
Dornach, 11.Jän.1924 ♀ (in «GA 233a»; S.58ff)
Andere Stimmen
13 Da lehrte man - um es in eine etwas allgemeinere Form jetzt zu fassen - von der ersten Sonne, die uns ja allen bekannt ist, die wir Tag für Tag [i] am Himmel erscheinen und wieder verschwinden sehen, die für unser Auge strahlend, ja blendend ist, die physisch-materielle Sonne - wie man sie heute auffasst -, die Sonne, die für uns die Gegenstände der Welt sichtbar macht. Und man lehrte in den alten Mysterien: Diese Sonne strahlt und glänzt nur deswegen für uns, weil Luzifer [o] sie uns sichtbar gemacht hat. Er hat unsere Augen geöffnet, er hat für unser Auge, das auch aus der Sonne heraus geschaffen worden ist, diese Sonne sichtbar gemacht. Eine luziferische Sonne, die auch ihrer äusseren Konstitution nach, so wie sie heute - vom [natur]wissenschaftlichen Standpunkte aus - geschildert wird, Luziferisches in sich hat, so nannte man die erste Sonne die äussere sichtbare Sonne.
Aber in ihr verbirgt sich eine andere Sonne. Das ist diejenige Sonne, der wir verdanken, dass wir Menschen ein Seelenleben haben, dass wir ein Gedächtnis haben, dass wir ein Ich sind: ein solches Ichwesen, das am Faden des Gedächtnisses seine Erlebnisse aufreihen kann und dadurch immer wieder von sich wissen und auf diese Weise ein geschlossenes Seelenleben haben kann, das Denken, Fühlen und Wollen vereint. Und die Wesenheiten, zu denen man in alten Zeiten aufsah als zu den Schenkern dieses menschlichen Seelenlebens, die nannte man im althebräischen Sinne die Elohim [p]. Von ihnen sagte man, dass sie eine geistig-seelische Sonne gegenüber der äusseren materiellen Sonne darstellen. [...] So hatte man eine zweite Sonne innerhalb der ersten, sichtbaren Sonne. Und die erste, von Luzifer entzündete Sonne, deckte diese zweite Sonne zu, [...]
Aber hinter dieser Sonne - so lehrte man in den Mysterien - verbirgt sich noch eine andere Sonne, die eigentlich geistige Sonne. Darin lebt dasjenige Sonnenwesen, das überhaupt sein Wesen erst mit der Sonne vereinigt hat und dadurch die Sonne erst zu dem gemacht hat, was sie ist: zu dem strahlendsten Stern im ganzen Kosmos. Es ist das Wesen, das man mit verschiedenen Namen benannt hat: das Wesen, das für uns Erdenmenschen der jetzigen Zeit zunächst nur genannt werden kann mit dem Namen des Christus. Denn diese dritte Sonne ist es ja, die sich mit der Erde verbunden hat durch das Mysterium von Golgatha. Auf dieses Sich-Verbinden der dritten Sonne mit der Erde konnte man in vorchristlichen Zeiten nicht hinweisen. Aber hinweisen konnte man darauf, dass dieses Wesen, das der eigentliche Sonnengeist genannt werden kann, dem Menschen das Ich gegeben hat: ein Ich, das nicht bloss an dem Faden des Gedächtnisses hängt und das verschwindet, wenn das Gedächntis aufhört, zum Beispiel im Schlafe, sondern das Ich, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, was den Menschen als ein bleibendes, göttliches Wesen darstellt. Indem man von dieser dritten Sonne sprach, sprach man von dem Gange dieses Sonnenwesens im Laufe einer langen Menschheitsentwicklung zur Erde hin, und man musste sagen: aus den Weiten des Weltraumes heraus und noch von jenseits des Raumes kam diese Wesenheit zur Sonne und von der Sonne zur Erde hin.
Elisabeth Vreede
aus «Astronomie und Anthroposophie»; S.45f
14a
WARUM, wenn es angeht, also die Frist des Daseins
hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem
Blattrand (wie eines Windes Lächeln) -: warum dann
Menschliches müssen - und, Schicksal vermeidend,
sich sehnen nach Schicksal?...
14b
Oh, nicht, weil Glück ist,
dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.
Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,
das auch im Lorbeer wäre....
14c
Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar
alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Ein Mal
jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch
ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
14d
Und so drängen wir uns und wollen es leisten,
wollens enthalten in unsern einfachen Händen,
im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.
Wollen es werden. - Wem es geben? Am liebsten
alles behalten für immer.... Ach, in den andern Bezug,
wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hier
langsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins.
Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein,
also der Liebe lange Erfahrung, - also
lauter Unsägliches. Aber später,
unter den Sternen, was solls: die sind besser unsäglich.
Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands
nicht eine Hand voll Erde ins Tal, die Allen unsägliche, sondern
ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun
Enzian. Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,
Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, -
höchstens: Säule, Turm.... aber zu sagen, verstehs,
oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals
innig meinten zu sein. Ist nicht die heimliche List
dieser verschwiegenen Erde, wenn sie die Liebenden drängt,
daß sich in ihrem Gefühl jedes und jedes entzückt?
Schwelle: was ists für zwei
Liebende, daß sie die eigne ältere Schwelle der Tür
ein wenig verbrauchen, auch sie, nach den vielen vorher
und vor den Künftigen...., leicht.
14e
Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.
Sprich und bekenn. Mehr als je
fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn,
was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild.
Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobald
innen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt.
Zwischen den Hämmern besteht
unser Herz, wie die Zunge
zwischen den Zähnen, die doch,
dennoch, die preisende bleibt.
14f
Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.
Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,
dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding -, und jenseits
selig der Geige entgeht. - Und diese, von Hingang
lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.
Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln
in - o unendlich - in uns! Wer wir am Ende auch seien.
14g
Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar!
Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag
Erde, du liebe, ich will. Oh glaub, es bedürfte
nicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen -, einer,
ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel.
Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.
Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall
ist der vertrauliche Tod.
14h
Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
werden weniger..... Überzähliges Dasein
entspringt mir im Herzen.
Rainer Maria Rilke
Neunte der «Duineser Elegien»; S.42f
15a Die Anschauung von der Sonne, die wir uns in diesem Buch nach und nach erworben haben, zeichnet einen ganz klaren Weg vor, wie wir Verständnis für die rätselvolle Erscheinung der Sonnenflecken gewinnen.
Wir selbst befinden uns im Innern des großen Strahlenleibes der Sonne, der den ganzen Planetenkosmos enthält, und schauen in dem glänzenden Rund der Scheibe auf die «Haut», die das Sonneninnere von einem Außenraum trennt. Die Blickrichtung ist also umgekehrt wie beim Betrachten des menschlichen Leibes. Das eine Mal schauen wir von außen gegen innen, das andere Mal von innen gegen außen. Beide Male aber wird unser Blick von der Trennfläche «Haut», die Inneres und Äußeres scheidet, aufgehalten.
Die Haut begrenzt, schließt ab - und ist zugleich Vermittler, Berührungsorgan [q] der verschiedenen Bereiche. Dadurch wirkt sie gleichzeitig verhüllend und offenbarend. Ihre Beschaffenheit läßt den Kundigen vieles erkennen, was dem unmittelbaren Anschauen entzogen ist. Ja, die Oberfläche gibt als getreuer Spiegel den Zustand des Leibesinneren äußerlich sichtbar wieder.
[...]
Müßten wir demnach eine weltallweite Einfühlungsgabe entwickeln, einen medizinischen Blick von kosmischem Ausmaß, um die Zeichensprache der Sonnenflecken [r] zu entziffern?
S.226f
15b Was bleibt uns übrig als Ergriffensein - vor einem Vorgang, in dem unser eigenes Leben als Erdbewohner und Weltallbürger mit inbegriffen ist? Verstehen wir es jetzt besser, daß beim ersten Anblick von Sonnenflecken etwas in unserer Seele sich so heftig betroffen fühlt? In der Tat, diese unwillkürliche Rückwirkung ist im Weltengefüge begründet. Die Verdunkelungen der Lichtquelle sind nicht die Angelegenheit eines millionenweit von uns entfernten Feuerballs, die nur Fachleute fesseln kann, sondern die Spuren eines Geschehens, das von unserem - dem Planetenwesen - Verhalten beeinflußt und mitbestimmt wird. Wenn man sich heute angewöhnt hat, von den Sonnenflecken als riesigen «magnetischen Kältemaschinen» zu sprechen, so ist dieses Wort zwar ein unschöner, brutalisierter Sprachausdruck, doch recht verstanden kann gerade in diesem Begriff die Wahrheit zu Herzen gehen: Gewaltige Abkühlungs- und Verfinsterungsprozesse, Kältekrämpfe, gehen vor sich am reinen Organ der Mitte als Auswirkungen und Tatenruhm dessen, was sich rundum in der Lebensgemeinschaft der Wandelsterne abspielt. Die Sonne hält ihren Kindern, ihren Partnern, den Spiegel vor.
S.228
Georg Blattmann
aus «Die Sonne - Gestirn und Gottheit»
16 [...] Die völlige Schematisierung des Kalenders widerspräche nicht nur dem Leben der Menschheit, sondern auch den Grundgesetzen der Astronomie. Denn beide kennen kein Jahr, das dem anderen gleicht, wie das bei genormten, von der Maschine ausgestoßenen Produkten der Fall ist.[s] Bringt uns nicht jedes Jahr im Eigenschicksal und im historischen Geschehen - außer dem zu erwartenden relativen Gleichmaß der Arbeit und Pflichten - auch einmalige und unvorhergesehene Entwicklungen? Auch der Witterungscharakter eines Jahres wird immer neu geprägt. Deshalb weiß der Weinkenner den einzelnen »Jahrgang« zu schätzen. Aber nicht nur die Weintraube, auch viele andere Früchte und Lebenserscheinungen gewinnen einen jeweils individuellen Charakter durch die besondere Art, wie in jedem Jahr die kosmischen Kräfte und das Leben der Erde zusammenklingen.
So können wir z. B. den Rhythmus der Sonnenfleckentätigkeit bei ideal gewachsenen alten Bäumen [an] der wechselnden Dicke der Jahresringe ablesen. Der bekannte Begründer der Großwetterforschung, der Meteorologe Baur, deckte eine Doppelschwankung der Großwetterlage der westlichen Nordhalbkugel der Erde innerhalb der letzten 18 Sonnenfleckenzyklen auf. Im Jahre 1936, in dem ein Fleckenzyklus starker Aktivität sein Maximum erreichte, wurden in Nordamerika doppelt soviele Zyklonen [Tiefdruckwirbel t] und Antizyklonen [Hochdruckwirbel t] gezählt wie 1941, einem Jahr des Fleckenminimums. In tropischen Breiten wurde eine einwandfreie Parallelität zwischen den Schwankungen von Temperatur und Niederschlägen und dem 11jährigen Zyklus der Sonnenaktivität gefunden. Dieser Rhythmus der Sonne ist bekanntlich wiederum nicht starr sondern hat Schwankungen seiner Länge und Intensität von 8 bis zu 15 Jahren, welche von den Elementarverhältnissen der Erde mitgemacht werden.
Walther Bühler
aus «Geistige Hintergründe der Kalenderordnung»; S.32f
Unsere Anmerkungen
a] siehe Mbl.8
b] siehe Mbl.5
c] siehe Mbl-B.36a
d] siehe Mbl.14
e] vgl. Entsprechung von Mikro- u. Makrokosmos
f] siehe Mbl-B.36i
g] siehe Abriss zu Zarathustra
h] siehe Stichwort-Register
i] siehe Mbl-B.48
k] siehe Sonne um Mitternacht
l] vgl. Mbl.10
m] siehe R.Steiners Vortrag „Das rosenkreuzerische Christentum II
n] um dem Menschen als ἡλιαδέλφος (heliadélphos ~ Sonnenbruder) zu helfen, mit der Erde zur Sonne zurückzukehren
o] siehe Mbl.16
p] siehe Mbl.23
q] gleich einer Membran
r] vgl. R.Steiner zur Problematik der Sonnenflecken
s] vgl. W.Hoerner zu Takt u. Rhythmus
t] siehe »TzN Jun.2011«