zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 99 Abriss
zum nicht gehaltenen Impulsvortrag vom
Freitag, den 19. März 2021
im Rahmen der Improvisationen zur AnthropoSophie heute
Verrat und Öffnung
Das offenbare Rätsel der Judas-Tat
siehe auch zugehörigen »TzN«
1 Ein politisch tätiger Mensch, der nicht bereit sei, zu betrügen und zu leugnen, werde seine Vorstellungen kaum durchsetzen können, meinte schon Machiavelli zur Zeit der Florentinischen Renaissance. Rund ein Jahrhundert nach ihm riet der spanische Jesuit Gracián zur Verstellung, denn „Die Dinge gelten nicht für das, was sie sind, sondern für das, was sie scheinen”. Heutzutage geht es auch im deutschsprachigen Raum um "message control". Werden dann etwa in Ausschüssen oder gar vor Gericht drängende Fragen zu konkreten Verantwortlichkeiten gestellt, so ist es bei den also Befragten zumindest schlecht um die „Erinnerlichkeit” bestellt, ganz nach Petrus (Mt.26,69-75 et al.), ihrem unbewussten Vorbild. „Aber meine Herren”, gab der frischgebackene Bundeskanzler Adenauer im Dezember 1949 zu bedenken, „es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden”.
2 Vom Wehrturm eigener Redlichkeit gesehen, der zu genügen ja jede und jeder von uns fortwährend trachtet, steigt angesichts solcher schamlosen Verwerfungen rechtschaffener Ekel auf. Schnell ist da von schäbigen Verhältnissen bis zu abgründigem Verrat die Rede, ganz gleich ob die verurteilenswerte Verlotterung im wirtschaftlichen Handeln dargelebt wird, im rechtlichen Auseinandersetzen oder im geistigen Gespräch. - Wer sich jedoch selbstgerecht auf den Richterstuhl schwingt und seine meist absoluten Massstäbe andren anlegt, nicht zuletzt um vom eignen Tun und Lassen abzulenken, der wird kaum zu einer brauchbaren Erkenntnis kommen. Hochmoralische Ansprüche lassen sich zwar billig inszenieren und laut in aller Öffentlichkeit demonstrieren, doch helfen sie keineswegs, wenn es um ein empathisches Nachvollziehen bestimmter Sichtweisen und Taten geht, auf dass Entschlüsse unabhängig von bornierten Emotionen gefasst werden können.
3 Und erst die Idole! So nannte Sir Francis Bacon, ein älterer Zeitgenosse Graciáns, die Vorurteile, die das vernünftige Betrachten von Phänomenen verwirren und das suchende Individuum in die Irre führen können. Was sich bereits in der naturwissenschaftlichen Forschung einseitig verzerrend auswirkt, wird geradezu fatal, wenn es um geisteswissenschaftliche Fragen geht. Die eigenen Denkgewohnheiten, erziehungsbedingten Vorlieben, die beziehungsbildende Sprache und Weltanschauung, sie alle schränken unsre Nüchternheit ein, legen sich auf unser Urteil ab, unbemerkt wie Staub auf Brillenglas. Während wir uns also dem Bösen zuwenden, das sich zweifellos im überlieferten Verrat des Judas manifestiert, möge alles schweigen, was wir an Empörung und ähnlich störenden Seelenregungen aufwallen lassen könnten. Wollen wir nämlich verstehen, wie Hannah Arendt einst ausrief und darob grob angefeindet wurde, dann kommt es weder auf unsre Antipathie an, noch ist unsre Sympathie gefragt.
4 War Judas nun ein politisch tätiger Mensch? Er war einer der zwölf Jünger, die man später Apostel nannte. Ihm war der Geldbeutel der Gruppe um Rabbi Jeschu anvertraut. Im Rückblick erwähnt der altgewordene Johannes diesen urchristlichen Truchsess als geizig und verschlagen (Jh.12,4-6). Aufgrund der Namensähnlichkeit von Karioth mit Qerijoth, einem Ort in Judäa, nehmen manche an, er sei der einzige Judäer unter den von Hohenpriestern und Schriftgelehrten eher verachteten Galiläern gewesen, wolle man vom Jünger, den der Herr liebte, einmal absehen. Die dokumentengestützte Historik weiss kaum mehr über ihn, als in den Evangelien berichtet wird. Alle übrigen frühchristlichen Erwähnungen werden in die Kategorie apologetischer oder polemischer Schriften eingeordnet.
5 Genaugenommen war der ganze Zwölferkreis mit seinem Dreizehnten politisch, hochpolitisch sogar. Schon der sich bis zum Hass steigernde Argwohn der Männer, die damals die Deutungshoheit für sich beanspruchten, und ihrer fanatischen Anhänger legt ein beredtes Zeugnis für den Anspruch ab, der vom Meister jenes begeisterten und doch wieder zaghaften Dutzends ausging: zwar sei sein „Reich nicht von dieser Welt”, doch stünde jenes Reich in vielfältiger Beziehung zur Erdenwelt, weswegen allhier ein fundamentaler Sinneswandel anstünde, ja unumgänglich wäre. Viel revolutionärer geht's eigentlich nicht, und das in aller Öffentlichkeit. Wer immer seine gefestigte irdische Macht aus spirituellen Quellen herleitete, musste sich in seiner Grundabsicht herausgefordert sehen. Freilich, der unbedarfte judäische Ast der römischen Staatsgewalt unter Pontius Pilatus fühlte sich von derlei Sorgen nicht wirklich betroffen.
6 63v hatte Pompeius nämlich die mittlere Levante dem römischen Reich unter den Provinznamen Galilæa, Samaria und Iudæa eingegliedert und deren Verwaltung regionalen Fürsten übertragen. Bereits 161v allerdings hatte Judas Makkabi, der „Hammer”, Führer des jüdischen Aufstands gegen den Diadochen Antiochus, einen Freundschaftsvertrag mit Rom geschlossen, wodurch das jüdische Unabhängigkeitsstreben mit dem römischen Machtwillen unheilvoll verknüpft worden war. Jene „Freundschaft” hat übrigens später mit dem Fall Jerusalems im Jahr 70 ein furchtbar loderndes Ende genommen.
P a u s e
7 Indem wir Judas Makkabi und sein Bündnis mit Rom erwähnen, taucht eine karmische Brücke aus dem Nebel der Menschheitsentwicklung auf, die diesen mit Judas aus Karioth verbindet. Rudolf Steiner stellte die Wechselbeziehung der beiden Judasgestalten im Vortragszyklus über das Markus-Evangelium dar. Der wesentliche Charakterzug beider ist ihre Erdgebundenheit, ihr zu starkes Eintauchen ins Irdische. Sie vermochten geistiges Geschehen kaum anders als in politischen Zusammenhängen zu fassen. Ihr starker Wille zielte auf eine Art Gottesstaat, ob mutig erkämpft oder tückisch erschlichen. Von dorther spannt sich das Gedankennetz, das ab 313 die öffentliche Vermischung des zunehmenden Christentums mit dem abnehmenden Römertum ermöglichte. Was solch unselige Verquickung bewirkt, zeigt die Geschichte des zum Christianismus verkommenen Christentums. Heute können wir derlei ideologische Verblendungen etwa im Iran beobachten oder, von jedwedem Gottesbild eitel gelöst, in Nordkorea unter dessen feistem Herrgöttle.
8 Judas Iskarioth, der achte unter den Zwölfen, konnte sich den Anbruch des Reichs seines Gottes nicht anders vorstellen als in der Niederwerfung der römischen Weltmacht. Der Gottessohn war für ihn ein königlicher Heerführer, ähnlich der Christusparaphrase im «Heliand» oder der abgeschmackten jesuitischen Imagination eines Oberbefehlshabers samt Papst als dessen streitbaren Stellvertreter, einem Vizechristus sozusagen. Auf diesen Ansatz gehen übrigens alle Jesusbilder zurück, die ihren verzerrten „Heiland” in erdenpersönliche oder politische Verhältnisse einbinden möchten, vom hilfreichen Jesulein bis zum sattsam bekannten Dschisas.
9 Seines beschränkten Erdenblicks wegen war Judas nicht in der Lage, den Christós als Sonnenwesen zu erahnen und Jehoschuah als dessen Träger zu begreifen. Von Rätselworten wie „Ich bringe nicht den Frieden, sondern das Schwert” (Mt.10,34) fühlte er sich zu kühnen Träumen angeregt. Lagen nicht „alle Reiche der Welt und der Glanz ihres Kräftespiels” (Mt.4,8) in Reichweite? Unter den einfältig arglosen Galiläern musste sich der Kassenverwalter jedoch zurückhalten, ja Demut zeigen. Und schliesslich begann er, an der von seinem Meister gepflegten politischen Ohnmacht zu verzweifeln.
10 Der innere Druck bringt ihn auf die Idee, sein Idol zur Offenbarung zu zwingen. Würde der heiss verehrte Wunderrabbi nicht seine wahre Macht zeigen, wenn er vor dem hohenpriesterlichen Gericht zu stehen käme? Würden die Himmel nicht aufbrechen, den Todbedrohten zu retten, und unbesiegbare Scharen übers Erdenrund fegen, die unerbittliche Katharsis einzuleiten? Wäre dann nicht ein für allemal klargestellt, auf welchen Donner zu hören ist, welchem Blitz zu folgen? Von solch den Erdkreis umspannenden Perspektiven aufgewühlt, nimmt er Kontakt mit den lokalen jüdisch-orthodoxen Autoritäten auf. Für die Auslieferung der Zentralfigur des Jüngeraufruhrs sagt man dem besorgten Säckelwart ein paar Silbermünzen zu, Mondmetall. Er nimmt an und wartet auf die Gelegenheit, seinen Herrn durch einen Kuss in die Öffentlichkeit zu stossen.
11 In Zeiten pandemischer Absonderung mag ein Kuss als Zeichen des Verrats geradezu skurril anmuten - da wäre wohl eher eine kurze Presseaussendung angezeigt. Perfid in seiner Natürlichkeit hingegen öffnete der Judaskuss den Weg zum Mysterium von Golgatha, dem Leiden und Sterben Jesu wie dem Geborenwerden und Auferstehen des Christus. Ohne jene Niedertracht wäre diese Verwandlungstat nicht zustande gekommen. Ein aus falscher Heilserwartung begangener, somit bodenloser Verrat wurde zum Auslöser der weltgeschichtlichen Klimax, die den Zeitenlauf aus abendländischem Verständnis immer noch in ein Vor und Nach einteilen lässt. Das Gute geschieht niemals ohne das Böse. Judas aber fehlte der Atem, dies zu erkennen, und so stürzte er sich in den Selbstmord, den Inbegriff einer Verzweiflungstat.
12 Aufopferungsvolle Wandlung dank eigensinnigem Verrat, der Gegensatz ist atemberaubend. Im aufgewühlten Weltkriegsjahr 1916, am Sonntag, den 10.Dezember drückte Rudolf Steiner das im geschützten Dornach so aus: „Hier haben Sie einen furchtbaren, realen, einen, ich möchte sagen, ins Große, ins Gigantische getriebenen Widerspruch! Kann man sich einen Menschen denken, der sagt: Ihr Christen verdankt dem Judas, daß überhaupt Euer Mysterium von Golgatha zustande gekommen ist? Ihr Christen verdankt den Henkersknechten, die Christus ans Kreuz geschlagen haben, daß Euer Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat! - Sollte deshalb einer berechtigt sein, den Judas und die Henkersknechte zu verteidigen, trotzdem es wahr ist, daß ihnen der Sinn der Erdengeschichte verdankt wird?” (GA 173; S.94).