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Neudenken:
Ödipus- und Judas-Sage
So hat man bei den Griechen ein tiefes Bewußtsein davon, daß das, was von den Orakeln kommt, zwar die Neugierde der Menschen anregt, daß die Menschen gerne etwas wissen möchten über geheimnisvolle Zusammenhänge der Welt, daß man aber auch schon herausgewachsen war aus der richtigen Handhabung solcher hellseherischer Ergebnisse; daß man jetzt in einer anderen Weise darinnensteht in der Welt wie früher und daher nicht das Richtige anfangen kann, wenn man sich an die Ergebnisse des alten Hellsehens hält. Für die alten Menschen hat es gepaßt, für die neueren paßt es nicht mehr. Das wollte man sagen, und man sagte es in grandiosen Bildern. Ein Bild ist zum Beispiel das, welches uns gegeben wird in der Ödipus-Sage. Es wird durch ein Orakel, das heißt von einer Stätte her, wo man geheimnisvolle Zusammenhänge hellseherisch erschaut, die sich dem menschlichen Blicke schon entziehen, dem Vater [Λάιος] gesagt, daß, wenn er einen Sohn bekommt, dieser Sohn Unheil bringen werde; er werde den Vater morden und die Mutter [Ἰοκάστη] heiraten. Er bekommt diesen Sohn [Οἰδίπους]. Er versucht sogar das zu tun, was dazu führen könnte, daß das, was hellseherisch erschaut ist, sich nicht vollziehen solle. Der Sohn wird ausgesetzt, in eine ganz andere Gegend gebracht. Der Sohn erfährt das Orakel, das heißt, in seine Seele zieht etwas ein, was nur durch hellseherisches Schauen erkundet werden kann. Das griechische Bewußtsein wollte sagen: Zwar ragt so etwas aus alten Zeiten herein, aber die menschliche Organisation ist schon so weit gekommen, daß sie nicht mehr taugt für diese Art des Hellsehens, daß diese ihr nichts mehr nutzt. Ödipus legt das Orakel wegen des gewandelten Bewußtseins so aus, daß es sich erst recht erfüllt, das heißt der Mensch kann nicht mehr das, was das hellseherische Bewußtsein ist, in der richtigen Weise handhaben; es hat sich eben die geistige, spirituelle Welt von ihm zurückgezogen; es nutzt ihm das alte Hellsehen nichts mehr. Aber auch davon ist immer ein Bewußtsein vorhanden gewesen, daß diese Dinge sich wieder umkehren werden, daß wieder das, was aus solchen Welten kommt, etwas werden wird für die Menschheit, daß nur für eine Weile sozusagen eine Schicht des Erlebens hinüber sich breiten soll über das, was aus solchen Welten kommt. Auch davon war ein Bewußtsein vorhanden, auch das haben die mythebildenden Kräfte der Menschheitsentwickelung zum Ausdruck gebracht. Die Christus-Tatsache war in der Menschheitsentwickelung das Maßgebende dafür, daß die beiden Kräfte, das Luzifer-Prinzip und das Christus-Prinzip, übereinandergetreten sind. Da war also der entscheidende Wendepunkt, wo von einer anderen Seite, dem Kosmos her, das, was aus den geistigen Quellen kommt, wie ein Ferment sich hineinergießen sollte in die Menschheitsentwickelung. Verlorengegangen war es, aber es soll wiederum wie ein Ferment hineingegossen werden. Was der Menschheit schädlich geworden war, was ihr selbst zu einem Bösen ausgeschlagen hat, soll wie ein Ferment hineingegossen und umgewandelt werden in das Gute. Das Böse soll hineinfallen in die fruchtbringende geistige Kraft der Menschheitsentwickelung und mitwirken am Guten. Auch das ist in der Mythologie zum Ausdruck gekommen.
Es gibt eine andere Sage, die etwa folgendermaßen lautet: Es wurde einem Elternpaar von einem Orakel geweissagt, daß es einen Sohn bekommen werde, daß der Sohn werde Unheil bringen über sein ganzes Volk. Dieser Sohn wird seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten. Die Mutter bekam diesen Sohn. Da dieser Spruch vorlag, setzte man auch diesen Sohn aus, man setzte ihn auf die Insel Kariot [a], und es fand ihn die Königin der Insel Kariot. Und weil dieses Elternpaar keinen Sohn hatte, nahmen sie ihn auf. Später aber bekamen sie einen Sohn. Da glaubte sich der Findling schlecht behandelt und tötete den wirklichen Sohn. Da mußte er fliehen von der Insel Kariot. Er floh und kam an den Hof des Pilatus in Palästina, wo er ein Amt bekam als Aufseher im Hauswesen des Pilatus. Er bekam Streit mit seinem Nachbar, von dem er nichts weiter wußte, als daß es eben sein Nachbar war. Im Streite erschlug er ihn und heiratete später dessen Gattin. Dann erst erfuhr er, daß das sein wirklicher Vater war, den er erschlagen hatte, und daß er also seine Mutter geheiratet hatte. Die Sage sagt uns, daß es dem, der jetzt alles das hat über sich hereinbrechen sehen, nicht ähnlich erging wie dem Ödipus, sondern daß ihn Reue überkam, und daß er hinging zu dem Christus, und der Christus nahm ihn auf; denn das war der Judas [Ἰούδας] aus Kariot. Und das, was hier in dem Judas lebte, dieses Böse, das verleibt sich ein wie ein Ferment der ganzen Menschheitsentwickelung. Denn die Tat von Palästina hat etwas zu tun mit dem Verrate des Judas; er gehört zum Ganzen, er gehört zu den Zwölfen, die sind gar nicht ohne ihn zu denken.[b] Hier zeigte sich, daß der Orakelspruch sich zwar erfüllte, und daß sein Inhalt sich einverleibt der Menschheitsentwickelung wie das Böse, das umgewandelt wird und weiter lebt im guten Sinne. In bedeutungsvoller Weise weist die Sage, die wahrhaftig weiser ist als die äußere Wissenschaft, darauf hin, daß es eine solche Umwandlung in der Menschennatur im Laufe der Zeit gibt, daß man selbst über das gleiche Ding in verschiedenen Zeiten in der verschiedensten Weise denken muß. Wie sich ein Orakelspruch erfüllt, darf man nicht in derselben Weise erzählen, wenn man von der Ödipus-Zeit spricht und von der Christus-Zeit. Dieselbe Tatsache wird einmal zur Ödipus-Sage, das andere Mal in der christlichen Zeit zur Judas-Sage. Erst dann, wenn man die geistigen, der Welt- und Menschheitsentwickelung zugrunde liegenden Tatsachen kennt, versteht man das, was sich als eine Folge davon dem äußeren Auge, der äußeren geschichtlichen Anschauung zeigt. Was in der Sinneswelt da ist, äußere Sinneseindrücke oder Hervorbringungen der menschlichen Seele, alles das verstehen wir, wenn wir die geistigen Grundlagen, die darunter liegen, verstehen. [...]
Rudolf Steiner
in München am 29.VIII.1909 ☉
in «GA 113»; S.145ff
Unsere Anmerkungen
a] Nach andrer Überlieferung habe es sich um den Ort Qerijoth (קריות ~ Begegnungen) in Judäa gehandelt. In diesem Fall wäre Judas (יודה) der einzige Judäer unter den sonst aus Galiläa stammenden Aposteln gewesen.
b] Den hier auf die Spitze getriebenen heilsgeschichtlichen Widerspruch eines notwendigen Verneiners im innersten Kreis finden wir auch in andren religiösen Traditionen.