zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 99 Abriss
zum nicht gehaltenen Impulsvortrag vom
Freitag, den 13. November 2020
im Rahmen der Improvisationen zur AnthropoSophie heute
Rückwärtserleben
Kamaloka als Entwirrungsprozess
1 Die Idee einer Verortung (sanskr. loka), darin Begierden (sanskr. kama) abgebaut werden, begleitet die nachatlantische Entwicklung von Anfang an. Von allerlei persönlichen Wünschen, kleinkarierten, so dringend sie auch erscheinen mögen, bis hin zum allgemeinen „Durst nach Dasein” reicht die Bandbreite des Begehrens. Unsere Seele wird auf ihrem Weg ins Irdische unter andrem auch von diesen Impulsen ergriffen, ob ihr das zusagt oder nicht.
2 Um nämlich auf Erden inkarnieren zu können, braucht das menschliche Seelenwesen zunächst einen Lebensleib. Dieser wird der sublunaren Sphäre entnommen, welche bis zum heiss zitternden Erdmittelpunkt reicht und von der schwingenden Mondbahn wie von einer Membran eingegrenzt wird. Mit dem Lebensleib nehme ich nicht nur die Fähigkeit auf, einen Materie-durchsetzten Formleib zu ergreifen, sondern auch mein Karma, das passende Muster vielfältiger Schicksalsaufgaben und -beziehungen. Dadurch muss sich die Seele jenen zähen Strömungen anbequemen, die sie ein Erdenleben lang tragen und begleiten werden, aber auch bremsen, stören und verwirren. Die individuelle Art, wie Lebens- und Formleib ineinander gefügt werden, prägt nicht nur das übernommene Erbmaterial, die genetische Mischung, sondern auch das Mass an Wohlbefinden und Missbehagen, Gesundheit und Krankheit, Freude und Leid, in das sich die Seele eben eingekleidet hat.
3 Mit dieser Ausstattung also lebt der Mensch vom Geborenwerden bis zum Sterben. Aus seiner Gegenwart verwandelt er Zukünftiges in Vergangenes, verwirklicht er Möglichkeiten, schafft Tatsachen. Sein waches Lassen und Tun, Bewegtwerden und Bewegen, aber auch sein Wünschen, Streben und Klammern, all das schreibt sich während des Schlafs rückläufig in den Lebensleib ein. Da die Seele während der Tiefschlafphasen den belebten Leib, ihren „Erdanzug”, verlässt, erkennt sie astral, aus der Sternensicht, welche ihrer Impulse wie in die Welt gewirkt haben - und was fehlt. Jede subjektive Nacht zieht sie so eine vorläufige Karmabilanz und erfährt ihren aktuellen Inkarnationszustand. Allerdings, um des freien Wollens willen vergisst sie diese Schau beim Aufwachen in ihren subjektiven Tag.
4 Gegen Ende eines Lebens hat sich da allerhand Irdisches angesammelt, Ballast, der nicht in die geistige Welt mitgenommen werden kann. Selbstverständlich verbinde ich mich auf Erden mit dem, was mich anzieht, interessiert, vielleicht fesselt, und integriere es in meine Person, zeichne es in das Antlitz meines Wesens. Doch genau das hindert mich nach dem Tod, geradenwegs in meine Sternenheimat zu gelangen. Denn dort brauche ich keine Erdenpersönlichkeit, mehr noch, es kann eine solche gar nicht geben. Deshalb bleibt die Seele nach Verlassen ihres Körpers und Verlieren ihrer Lebenskräfte erst einmal dem Mondenbereich verhaftet.
5 Hier setzt nun die Entwicklungsbewegung ein, die Dante das purgatorio nennt und die mit dem deutschen Begriff „Fegefeuer” nur ungenügend erfasst ist. Das altindische Wort kamaloka hilft uns eher weiter, wenn wir unter „Ort” keine Weltraumregion oder Umlaufbahn verstehen, sondern einen geistigen, also einen Bewusstseinszustand, der uns auf das Wieder-Geistigwerden vorbereitet.
P a u s e
6 Von Novalis stammt das treffliche Wort: „Wenn ein Mensch stirbt, wird ein Geist geboren.” Und so wenig ein Neugeborenes unbegleitet ins Erdenleben finden kann, so wenig vermag sich ein Neugestorbenes ohne Hilfe im nachtodlichen Umfeld zurechtzufinden. Im Sterbensaugenblick hilft zunächst der Engel. Dieses Mondenwesen weist auf das Lebenstableau, das ob der Auflösung des Lebensleibes aufleuchtet. Danach geleitet es seinen staunenden Menschen an die Schwelle zum Kamaloka. In diesem Bewusstseinsraum soll nämlich alles Irdische abgestreift werden.
7 Vom Todeserlebnis an wird hier der abgeschlossene Lebensgang in negativem Zeitverlauf bis zur Geburt, ja bis zur Zeugung erfahren. Ein wilder, gelegentlich auch zahmer Ritt zurück durch das vergangene Leben hebt an - wer möchte, mag vom Kontrasurfen durch die eigene Biographie reden. Das geschieht allerdings nicht aus der Ich-Perspektive, sondern aus der des Du; und genau darin liegt die schmerzhafte Reinigungskraft des überwältigenden Bilderreigens, der keinen Widerspruch duldet. Nicht um jene Zustösse geht es, die auf mich gewirkt haben, vielmehr um das, was von meinem Tun und Lassen bewirkt worden ist. Wie nahm ein Steinwesen mein gieriges Raffen im Mineralischen wahr? Ein Baumwesen mein eigenwilliges Abreissen eines blühenden Zweiges? Ein Insektenwesen mein unbekümmertes Zerquetschen? Die Mitmenschen, wie nahmen sie mein egozentrisches Weilen unter ihnen wahr? Oder habe ich meinen Egoismus als Altruismus getarnt? Meine gesamte Erdenspur wird dieserart deutlich, denn „gar nichts geht im Universum verloren”, so Hugo Bergmann. Und gar nichts wird vergessen: das ganze kürzer oder länger Gelebthaben holt das Menschenwesen ein mit all seinem von ihm verursachten Leid, ebenso mit all seiner von ihm bereiteten Freude.
8 Dieser Läuterungsprozess kann als ein Überwinden jeglicher Antipathie aufgefasst werden. Dessen sieben Stufen hat Rudolf Steiner im Buch «Theosophie» grundlegend beschrieben. Die Welt der Planeten jenseits der sublunaren Sphäre lässt kein Abgrenzen zu, wie wir das auf Erden gewohnt sind, keinen wie immer gearteten Immungestus. Nur als offene Entelechie kann das Geisterland betreten werden, nicht als mehr oder weniger abgeschottetes ICh. Jene muss zunehmen, dieses jedoch abnehmen. Solch Umwandlung erschliesst das Rätsel der Selbstlosigkeit.
9 Geistige Wesen weben ihre Willensstrahlen hierarchisch ineinander, wegen ihrer mannigfaltigen Kreuzungen schwierig voneinander zu unterscheiden. Im Geistigen lässt sich so ein Wesen weder definieren, noch lokalisieren. (Das erinnert übrigens an die teilchenphysikalische Vorstellung vom „Verschmieren” der Quarks.) Dank seiner empathischen Wirkungsweisen lässt es sich jedoch erahnen und vorsichtig beschreiben. Ja, eine Offenbarung an sich zeigt schon einen sympathischen Gestus, obschon dieser nicht immer erkannt werden mag.
10 Zu jenen vorurteilsfrei offenen Ebenen, wo alles und jedes seinem Wesen nach angenommen wird, strebt die kommende Entelechie hin. Doch muss sie wiederum erst lernen, ihr Urteil vom Gewordenen auf das Werdende zu lenken, wie Carl Unger dies im Zusammenhang mit der Inspiration beschreibt. Verfestigte Urteile über das Gewordene, besonders aufs Amalgam von Sinnesempfindungen und Begriffen gestützte Urteile, verdichten den Irrtum der Maja, den Nebelschleier verworrenen Erkennens zwischen physischer und geistiger Welt. Demgegenüber wird im Kamaloka-Geschehen das karmische Gefüge Zug um Zug durchschaut und damit entwirrt.
11 Betrachten wir das Vorgeburtliche als ein Hereinleben in die sublunar irdischen Verhältnisse, die ja im eigentlichen Sinn die lebendigen sind, so können wir in der ersten Phase des Nachtodlichen von einem „Herausleben” sprechen. Das einst von den einzelnen Planeten begabte weltentsprossene Wesen wird nun zum erdentsprossenen, das anhebt, sich wieder in die Sphären auszubreiten. Im Rückwärtserleben wird es dramatisch darauf eingeschwungen.
12 Ein besonderer Aspekt der Läuterung bleibt noch zu erwähnen. Bei einer entsprechenden Einweihung wird zu seiner Zeit der grosse Hüter mit seiner erschütternden Frage in Erscheinung treten. Gegen Ende der siebenten Stufe des Kamaloka kann diese Offenbarung jetzt ebenfalls stattfinden. In der Atmosphäre reinster Sympathie wird am Mondenrand die schwere Herausforderung möglich, auf ein weiteres Vordringen ins Geisterland zu verzichten, um stattdessen, reinkarniert oder nicht, der Erde und ihren Menschen tröstenden Segen und inspirierende Hilfe zu bringen. Derlei freimütige Opfergaben werden im Lauf der Erdenentfaltung immer notwendiger. Allein, welches Kind wagte zu sagen, wie seine Entscheidung in diesem Fall ausfallen würde?