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Neudenken:
Ehrfurcht vor dem Andern
1 Sozialsein ist, die Not des Mitmenschen zum Motiv eigenen Handelns machen.[a] Hier ist die Urnot. Hier ist die äußerste Konsequenz des Bösen. Hier urständet das Soziale.
2 Vor der Erörterung der letzten Frage dieser urielischen Betrachtungen [b] soll darauf hingewiesen werden, daß, was hier mit dem Sozialen gemeint ist, nicht verwechselt werden darf mit demjenigen, was sich heute in zahlreichen Verbindungen mit dem Terminus ‹sozial› anbietet. Was da Trend geworden ist, hat in den allermeisten Fällen zu tun mit verschiedenen Varianten der Psychologie - das heißt mit Einflußnahme auf das Seelenleben des Andern. Das gilt auch da, wo man die Seele anspricht in der Absicht, den Geist zu erreichen. Ich möchte dagegen kein Wort einwenden, solange deutlich eine Frage nach Seelenhilfe vorliegt und das Einwirken auf die Seele seitens des Klienten bewußtseinsmäßig begleitet wird und begleitet werden kann. Wir stehen hier vor den Worten aus Joh. 10, daß, wer nicht durch die Türe (des Ich-Bin) eintritt, ein Dieb und Mörder ist.
3 Das Soziale, nicht als raphaelische, sondern als urielische Tätigkeit,[c] geht unmittelbar von dem Ich des Andern aus, das heißt von dem höheren Ich, das mit dem Christus verbunden ist,[d] denn nicht aus dem Sozialhelfer, sondern aus dem höheren Ich des Sozialbedürftigen muß die Antwort auf seine Not kommen; also nicht aus dem, was der Sozialhelfer aus seinen Bewußtseinsinhalten an den Anderen heranträgt. Die Antwort kann darum nie die Lösung seines Problems sein. Sie darf ihm nur die geistigen Aspekte der ihn bedrängenden Tatsachen und Kräfte darstellen oder, was in GA 103/XII ‹das Sprechen aus Sophia› genannt wird,[e] so daß er in Freiheit eine Entscheidung für seine Person selbst herbeiführen kann. Das Darstellen jener Tatsachen und Kräfte kommt gewiß aus einer bereits anwesenden Kenntnis, die Kunst ist aber vielmehr, aus der unerhörten Vielfalt jene zu erlauschen, die sich auf die eigentliche und meist unausgesprochene, aber im höheren Ich lebende Frage beziehen, die dort schon beantwortet ist. Daher wird sich die Antwort - wenn sie kommt - aus dem Moment heraus als eine Art Erleuchtung einstellen, die vom höheren Wesen des Andern ausgeht. Der Sozialhelfer ist nicht mehr als ein Geburtshelfer, wobei zur Vermittlung des Inhaltes tritt, daß dieser in dem Bedürftigen irdisch-verständliche Worte gekleidet werden muß.[f]
4 Sollte es wirklich nötig sein, mit dem Andern in dessen Seelenleben einzutauchen, dann wird sich dieser Prozeß wiederholen, das heißt, daß aus dessen Entelechie [g] heraus Licht fallen muß auf sein Seelenleben; übrigens, gegebenenfalls, genau so wie auf sein Instinktleben und sogar auf seine physischen Besonderheiten. Diese Eigentümlichkeiten sind ja sein Instrumentarium. Ebenfalls wiederholt sich die Situation, daß da kein ‹guter Rat› am Platze ist, sondern ausschließlich, wenn das möglich ist, auf Eigengesetzmäßigkeiten der jeweiligen Gebiete (ohne Bezug zum Hilfesuchenden) aufmerksam gemacht wird. Im Lichte Uriels soll (nur) die Wirklichkeit erscheinen. Das Subjektiv-Wünschenswerte gehört nicht dazu.
Dieter Brüll
aus «Bausteine ...»; S.201ff
Unsere Anmerkungen
a] in Weiterführung des Kantschen Ansatzes
b] siehe D.Brüll zu Uriel u. das Soziale
c] also nicht als therapeutische, sondern als hygienische
d] brüderlich verbunden bis in seine Lebenssphäre hinein
e] siehe R.Steiner zur Jungfrau Sophia
f] was man die Gallus-Signatur nennen könnte (vgl. MM202601)
g] siehe Mbl.8
https://wfgw.diemorgengab.at/tzn202604.htm