zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
KAIN und ABEL
1 Die Geburt Kains° ist in die Schleier großer Geheimnisse gehüllt. Die Genesis läßt Eva°, nachdem sie diesen ihren ersten Sohn geboren hat, das dunkle, rätselvolle Wort sprechen: »Zum Manne erworben habe ich mir Jahve°.«* Dieser Satz deutet auf eine doppelte göttliche Begnadung, die bei der Geburt Kains mitgewirkt hat. Die erste liegt in den großen kosmischen Veränderungen, die mit dem Erdenwesen stattgefunden haben.[a ...] Durch die rapide fortschreitende Verholzung und Vermondung der Erde fanden immer weniger Menschenseelen die Möglichkeit des Verweilens im Erdgebiet, und die Menschheit auf der Erde schrumpfte auf ganz wenige Seelen zusammen. Die Mondentrennung bewirkte ein gewaltiges Aufatmen im Kosmos. Ein Alpdruck ist von der Erde weggenommen, und allmählich wächst die Zahl der Menschen auf Erden wieder, indem die Seelen aus anderen planetarischen Sphären den Weg wieder zur Erde finden. In jeder Geburt schwingt eine kosmische Gnade mit, und indem sich die Menschen dem jetzt die Erde umkreisenden Mond zuwandten, erahnten sie die geistige Macht, den Vater der Geburten, dem sie die neue Möglichkeit des Lebens auf der Erde zu verdanken hatten. Diese kosmische Gnade schwingt mit in der Geburt des Kain und in dem Wort, das Eva darüber spricht. Durch die Gestalt des Kain hindurch, der die Erstgeburt des neuen Weltzustandes ist, erblicken wir die nach der Mondentrennung neu zur Erde heruntersteigenden Menschenseelen.
* 4,1. Die Übersetzung: »Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Herrn« ist unrichtig und entspringt der Verlegenheit gegenüber dem Rätsel, das der Urtext aufgibt.
2 Mit dem Worte der Eva ist aber noch ein anderes Geheimnis verbunden. Nicht Adam°, sondern eine göttliche Macht ist der Vater des Kain. Das Wunder der jungfräulichen Geburt umspielt Eva als die Mutter° des Kain. Die Legendentradition spricht das auf ihre Art aus: »Es war ihre Schwangerschaft ohne Leiden und die Geburt ohne Wehen.«³¹ Der Fluch, der nach dem Sündenfall über Eva hereinbricht: »mit Schmerzen sollst du Kinder gebären«, erfüllt sich hier noch nicht. Ist Kain auf der einen Seite eine Erstgeburt, so ist er auf der anderen Seite ein Letzter. Obwohl sich der Sündenfall bereits erfüllt hat, gibt es noch ein letztes Mal die paradiesisch-hermaphroditische Art des Geborenwerdens. Göttliche Sonnen-Lebensgesetze verwirklichen sich ein letztes Mal auf der nun schon durch das Mondensein hindurchgegangenen Erde, und als ein Wunder wird, was früher natürlich war, nach dem Eintreten der neuen Naturgesetze empfunden.
3 Erst in der Geburt des Abel° erfüllt sich der Fluch des Sündenfalls. In seiner Gestalt erblicken wir die Menschheit, die der Zweiheit der Geschlechter ihr idisches Dasein verdankt. Die Mondgeburt löst die Sonnengeburt ab. Jetzt erst, nach der Wiederholung von Sonnen- und Mondensein im hyperboräischen Paradies° und in Lemurien, bricht die Zeit des wirklichen vollen Erdendaseins für die Menschheit an.
4 Durch ein Verstehen der großen kosmischen Entwicklungen wird auch der schreckensvolle Mythos vom Brudermord aus der primitiven bloß menschlich-moralischen Auffassung herausgehoben. Im Sündenfall hatte der Mensch ein Wissen von Gut und Böse erlangt. Indem sich der Keim des Eigenerkennens und des Selbstbewußtseins bildete, begann der Mensch innerhalb der ihn umflutenden farbigen Bildeindrücke zu unterscheiden. Das eine lockte ihn an, das andere stieß ihn ab.[b] Damit entstand die Nötigung zur Wahl zwischen dem einen und dem anderen. Der Mensch hört auf, ein reines Organ des höheren durch ihn hindurchströmenden Götterwillens zu sein; der Eigenwille wird in ihm geboren, und eine Kluft tut sich auf zwischen Gott und Mensch durch das Wirken neuer geheimnisvoller Zweiheitskräfte.
5 Abel trägt die Vererbung des Sündenfalls in seinem Wesen. Er ist der normale Mensch seiner Zeit, der weiß, was gut und böse ist, und der sich vom Göttersein abgetrennt und ihm gegenübergestellt fühlt. In ihm lebt die Sehnsucht nach der Wiederverbindung des Getrennten, das Heimweh nach dem verlorenen Paradies. So ist Abel der erste religiöse Mensch. In der Abel-Menschheit wird die Re-ligion [c] geboren, die Wiedervereinigung, die Verehrung des mit dem Menschen nicht mehr einigen Götterwesens. Das Opfer Abels ist der Anfang der Religionsgeschichte.
6 In Kain wirken die Gesetze der Urzeit nach. Er ist aus dem Paradies und nicht aus dem Sündenfall geboren und weiß deshalb nicht, was gut und böse ist. Uralte Weisheitskräfte erfüllen ihn, obwohl er doch nun auch an der dichteren Leibesorganisation und der damit verknüpften Individualisierung Anteil hat. Kain heißt »der Könner«. Die magischen Könnens- und Willenskräfte,[d] die in der paradiesisch-lemurischen Vorzeit auf göttliche Art im Menschen lebendig gewesen waren, erfüllen ihn nun auf mehr menschliche Art. Der Abel-Mensch hat die sonnenhaften Willensmöglichkeiten preisgegeben. In ihm schatten sie sich mondhaft ab zu Bewußtseinskräften. Der Baum des Lebens° ist in ihm verdorrt zugunsten des Erkenntnisbaumes°. Kain trägt den sonnenhaften Baum des Lebens in sich, aber er trägt ihn in die Welt der Willkür und des Eigenwillens hinein. Was wird aus dem Baum des Lebens in der Welt, in die der Tod bereits Einzug gehalten hat? Menschliche Magie entsteht, die ein äußerst zweischneidiges Schwert ist. Sowohl großen Nutzen wie großen Schaden kann sie stiften; sowohl das Leben wie den Tod kann sie bewirken. Abel weiß, was gut und böse ist. Kain weiß es nicht, aber er besitzt die Kraft, auf übermenschliche Art das Gute oder das Böse zu tun.
7 Der Mythos erzählt, daß Kain die Früchte des Feldes und Abel die Erstlinge der Herde als Opfergaben dargebracht habe, daß aber nur das Opfer Abels von der Jahve-Gottheit angenommen worden sei. Eine Fülle von Geheimnissen der geschichtlichen Entwicklung liegt in diesem Bilde verborgen. Kain dient mit seinen sonnenhaften Gaben aus dem Pflanzenreich einem Geiste, der von der Führung des Menschheitswerdens bereits zurückgetreten ist. Die Sonnengottheit der Elohim° hat das Zepter der Entwicklung an Jahve, die geistige Wesenheit des Mondes, abgetreten. Kains Gaben entsprechen einem bereits untergegangenen Äon, sie sind nicht mehr zeitgemäß. Das mondenhafte Tieropfer* Abels dagegen entspricht dem die Gegenwart führenden Geiste. Die magische Willenskraft des Kain staut sich vor einer Welt, die sich totzustellen scheint, zum Zorne.
* Im Mondenzustand erreichte die Schöpfung die Stufe des Tierreichs wie im Sonnenzustand die des Pflanzen- und im Saturnzustand die des Mineralreiches.
8 Die Tragik, auf die Kain stößt, enthüllt sich um so mehr, je mehr man darauf aufmerksam wird, daß durch Kains unzeitgemäß gewordene Gaben dennoch ein wichtiger Fortschritt des kulturellen Lebens zum Ausdruck kommt. Kain ist gerade durch seine Zugehörigkeit zu einem bereits versunkenen Weltzustand der schöpferische Mensch gegenüber Abel, der zwar der Gegenwartsmensch ist, aber statt der Kraft, Neues hervorzubringen, nur die Fähigkeit entwickelt, das Alte zu pflegen und zu bewahren. Rudolf Steiner stellt einmal dar³², daß in der Darbringung der Früchte des Feldes durch Kain eine wichtige Umstellung in der Ernährung des Menschen um Ausdruck kommt: Zu der Milch als der alten Monden-Nahrung fügt sich hinzu die Ernährung durch die unter Sonnenwirkung stehenden oberen Teile und Früchte der Pflanzen. Das Sonnenmäßige tritt im Geistgebiet zurück, aber in der Gestaltung des äußeren Lebens bringt es einen neuen Einschlag hervor.
9 Man versteht diesen wichtigen Übergang nicht, wenn man Milch und Früchte nur im heutigen Sinne versteht. Ursprünglich war Milch überhaupt die Nahrung des Menschen. Solange der Mond noch mit der Erde verbunden war, sog der Mensch Milch aus der ganzen ihn umgebenden Natur. Vor allem das Pflanzenreich spendete sie ihm. Der Mensch sog wirklich noch an den Brüsten der Natur. Wenn man später die ephesinische Göttin Artemis und die Göttin Natura als ein mütterliches Wesen mit vielen Brüsten darstellte, so lag darin eine Erinnerung an einen Weltzustand, der noch in der lemurischen Zeit volle Wirklichkeit besaß. Auch das Bild der Kuh Audhumla im nordischen Mythos ist eine Rückschau in Zeiten, als die Menschheit ihr erstes Kindheitsstadium durchmachte und sich noch an der Mutterbrust der Schöpfung ernährte. Damals bedurfte der große Garten der Natur noch keiner Bearbeitung durch den Menschen. Dem Menschen wuchs alles zu. Dann veränderte sich die Welt, und nur noch das Tierreich spendete die nährende Milch. In der Tätigkeit des Hirten klang noch die alte Zeit nach, als der Mensch, ohne zu arbeiten, seine Nahrung fand. Abel, der Hirt, konserviert die alte Welt, in der »die Milch der frommen Denkungsart« des Menschen Nahrung war. Kain steht innerhalb des ihm verwandten Pflanzenreiches. Dieses ist nun verändert und gibt nicht mehr von selbst her, was der Mensch braucht. Es verlangt Bearbeitung. Der Mensch muß pflanzen, säen, pflegen, ernten lernen. Die Kains-Kraft gibt sich diesem Werke hin und fügt gründerkräftig dem Menschendasein einen neuen Inhalt ein. Zu dem schweifenden Hirtenleben tritt das seßhafte Sein des Menschen, der den Acker bestellt. Und zu der Mondennahrung tritt die Sonnennahrung hinzu. Aus alten Schöpferkräften baut Kain an der Zukunft. Ist auch zunächst einmal die Zeit der Sonne abgelaufen, so soll doch ein Sonnensame in den Boden des Menschheitslebens versenkt werden, aus dem einst die verlorene Welt des Sonnengartens neu hervorsprießen kann. Und so stellt Kain, indem er dem blutigen Tieropfer Abels das unblutige Früchte-Opfer entgegenstellt, ein prophetisches Zeichen auf. Gehört ihm nicht die Gegenwart, so gehört ihm doch die Zukunft. Die Früchte des Feldes deuten auf Brot und Wein.[e]
10 Die gegenwärtige Weltenzeit kann aber nichts anderes als die Tragik in die Erscheinung treten lassen, die zwischen dem magischen und dem religiösen Menschen waltet. Der Tod ist in die Welt gekommen durch den Beginn der physischen Geburt. Aber er hat sich noch nicht voll enthüllt. Derjenige reißt ihm die Maske ab, der selbst noch die Erbschaft einer todlosen Welt in sich trägt. Zum Tod tritt die Tötung hinzu.[f] Durch die alten magischen Willenskräfte offenbart sich, daß die Welt jetzt schwach und begrenzt geworden ist, zwischen die Grenzen von Geburt und Tod eingeengt, dem vergänglichen Zeitenstrom unterworfen. Böses entspringt dem Kains-Willen, weil die Welt jetzt anfängt, den Gegensatz von Böse und Gut in sich aufzunehmen. In der alten Weltordnung hätte der Kains-Wille nur Göttlich-Gutes bewirkt. Jetzt ist seine Zeit vorbei, er ist unzeitgemäß und deshalb Unheil-stiftend. Von nun an gibt es in der Menschheit nicht nur das Leiden des Abel, sondern auch den Kains-Schrecken über das selbstangerichtete Unheil. Soll der Mensch, weil er dadurch Böses schaffen kann, die Sonnenkraft des Kain von sich werfen?
11 Die Bibel deutet selber den ungeheuren Wert an, der durch das Ersterben des Kains-Zweiges verlorengehen würde. Die göttliche Macht spricht, daß den Mörder Kains ein siebenmal schwererer Fluch treffen müßte als den Mörder Abels (4, 15) Die fortschreitende Menschheit ist im ganzen Abel-haft geworden. Nur ein kleiner Teil von ihr ist Träger der Kains-Kraft. Werden die alten magischen Sonnenkräfte einfach in der gleichen Art ausgelebt wie die allgemeinen und normalen Kräfte Abels, so kann durch sie unendliches Unheil entstehen. Die Menschheit kommt in die Lage eines großen Wagnisses.
S.56ff
31 Sagen der Juden I, 139.
32 »Grundelemente der Esoterik«, Vortrag vom 4. November 1905, GA 93 a.
S.196
aus «Urgeschichte»
° zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch
a] siehe Lemurische Epoche in Mbl.7
b] sym- und antipathischer Seelengestus
c] vgl. J.Ortega y Gasset zum Religionsbegriff
d] vgl. Rmoahals
e] siehe R.Steiner zu Melchisedeks Gaben
f] vgl. D.Hammarskjölds Aphorimus