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Neudenken:
Götterwirren
1 Die kosmische Ordnung [a] wird kontinuierlich gestört; in erster Linie durch die „Große Schlange”[b], die die Welt in ein „Chaos” zu verwandeln droht; sodann durch Verbrechen, Vergehen und Irrungen der Menschen, die durch verschiedene Riten wieder gesühnt und „gereinigt” werden müssen. [...]
S.66
2 Das (nach seinen Anfangsworten „Als droben ...”) unter dem Titel Enuma elisch bekannte kosmogonische Gedicht ist, zusammen mit dem Gilgameschepos die bedeutendste Schöpfung der akkadischen Religion [im III.Jahrtausend vor der Zeitenwende]. In Größe, dramatischer Spannung und in seinem Bemühen, Theogonie, Kosmogonie und Erschaffung des Menschen miteinander zu verbinden, hat es in der sumerischen Literatur nicht seinesgleichen. Enuma elisch erzählt die Ursprünge der Welt in der Absicht, Marduk [c] zu lobpreisen. Ungeachtet der hier gebotenen Neuinterpretation sind diese Themen doch bereits alt. Einleitend wird das anfängliche Bild einer nicht differenzierten Totalität der über alles sich erstreckenden Wassermassen gezeichnet, aus der nur das erste Paar Apsu und Tiamat [d] sich abhebt.[e] (Nach anderen Quellen stellt Tiamat das Meer und Apsu die Süßwassermasse, auf der die Erde schwimmt, dar). Wie so viele andere Urgottheiten wird Tiamat gleichzeitig als Frau und als zweigeschlechtliches Wesen gesehen. Aus der Vermengung von Süß- und Salzwasser [also aus jeweils spezifischem Brackwasser] entstehen weitere göttliche Paare. Über das zweite Paar, Laḥmu und Laḥamu, wissen wir fast nichts (nach einer bestimmten Tradition wurden sie geopfert, um den Menschen zu erschaffen). Die Namen des dritten Paares, Anschar und Kischar, bedeuten auf sumerisch „Ganzheit der oberen Elemente” und „Ganzheit der unteren Elemente”.[f]
3 Die Zeit vergeht („die Tage verlöschten, die Jahre gingen dahin”)²⁹. Aus dem hieros gamos [der heiligen Hochzeit] dieser beiden komplementären „Ganzheiten” entsteht Anu, der Himmelsgott, der seinerseits Nudimud (= Ea [g]) zeugt³°. Durch ihr Toben und Schreien stören die jungen Götter die Ruhe Apsus. Dieser beklagt sich bei Tiamat: „Unerträglich ist mir ihr Benehmen. Bei Tag kann ich nicht ruhen; bei Nacht kann ich nicht schlafen. Ich will sie vernichten [ins namenlose Chaos zurückstossen], um ihrem Treiben ein Ende zu setzen. So daß wir wieder Ruhe haben können, damit wir endlich schlafen können!” (I,37-39). Aus diesen Versen ist die Sehnsucht der „Materie” (d. h. eines Seinsmodus, der der Unbeweglichkeit und Unbewußtheit der Substanz entspricht) nach der ursprünglichen Unbewegtheit herauszuhören, sowie der Widerstand gegen jede Bewegung,[h] der Vorbedingung der Kosmogonie [und überhaupt jeder Entfaltung und Entwicklung]. Tiamat „begann gegen ihren Gatten zu zetern. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus (...): „Wie! Sollten wir selbst vernichten, was wir geschaffen haben! Gewiß, ihr Verhalten ist störend, aber zeigen wir Sanftmut und Geduld” (I,41-46). Apsu aber läßt sich nicht umstimmen.
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²⁹ Tafel I,13. Wenn nicht anders angegeben, wird nach der Übersetzung von P. Garelli und M. Leibovici, La Naissance du monde selon Akkad 133-145 zitiert. Außerdem wurden die Übersetzungen von R. Labat, A. Heidel, E. A. Speiser und G. R. Castellino herangezogen.
³° Aus der großen sumerischen Trias fehl Enlil; seinen Platz hat Marduk, Eas Sohn, eingenommen.
S.74f
Mircea Eliade
aus «Geschichte der religiösen Ideen - Band 1»
Unsere Anmerkungen
a] siehe »TzN Feb.2026«
b] vgl. mit Apophis (lex.) u. Leviathan (lex.)
c] siehe Marduk (lex.)
d] siehe Tiamat (lex.), wobei dieser die Vier zugeordnet ist, Apsu hingegen die Drei
e] vgl. J.Böhme zu Ungrund u. Vierfalt
f] vgl. Mbl-B.48
g] siehe Ea (lex.)
h] vgl. Novalis-Frag.294, wobei Materie auch das unmittelbare physikalische (partikulare) Geschehen meinen kann, Stoff hingegen das mittelbare chemische (molekulare)
https://wfgw.diemorgengab.at/tzn202603.htm