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| Text zum Neudenken: |
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| Der Mensch und sein Wort | ||
| 1 ES IST SONDERBAR, HIER ZU SEIN. Wir sind von Geheimnissen umgeben. Hinter unserer Erscheinung, unter unseren Worten, über unseren Gedanken, jenseits unseres Denkens wartet das Schweigen einer anderen Welt. In uns lebt eine Welt. Kein anderer kann uns Nachricht von dieser Innenwelt überbringen. Jeder von uns ist ein Künstler.[a] Durch die Öffnung des Mundes entlassen wir Laute aus dem Berg, der unter der Seele ruht. Die Laute sind Wörter.[b] Die Welt ist voller Wörter. Unentwegt sprechen Unzahlen von ihnen auf uns ein - laut, leise, in Zimmern, auf der Straße, im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen und in Büchern [sowie im Internet]. Der Klang von Wörtern hält uns das, was wir die Welt nennen, zur Verfügung. Wir nehmen jeder des anderen Laute und bilden daraus Muster, Voraussagen, Segenssprüche und Blasphemien. Tagaus, tagein hält unser Sprach-Volk die Welt zusammen. Doch die Äußerungen des Wortes offenbart, daß jeder von uns unermüdlich etwas erschafft. Jeder einzelne Mensch bringt Laute aus der Stille [c] hervor und lockt das Unsichtbare in die Sichtbarkeit. | ||
| 2 Wir Menschen sind Neuankömmlinge. Über uns tanzen die Galaxien in die Unendlichkeit hinaus. Unter unseren Füßen schlummert die uralte Erde. Wir [d] sind aus ihrer ureigensten Substanz gebildet. Doch der kleinste Kieselstein ist Millionen von Jahren älter als wir. In unseren Gedanken sucht das Universum nach einem Widerhall. | ||
| 3 Eine unbekannte Welt strebt nach Reflexion. Wörter sind halb abgewandte Spiegel, die unsere Gedanken beinhalten. Wir blicken in den Wort-Spiegel und erhaschen flüchtige Ahnungen von Sinn, Zugehörigkeit und Geborgenheit. Hinter den blanken Oberflächen unserer Wörter verbergen sich Dunkelheit und Stille. Wörter sind wie der Gott Janus: Sie blicken auswärts und einwärts zugleich.[e] | ||
| 4 Wenn wir uns der Sucht nach dem Äußerlichen überlassen, wird unsere Innenwelt uns heimsuchen und bedrängen. Ein Hunger wird uns peinigen, den kein Bild, kein Mensch und keine Tat je stillen kann. Um heil [f] sein zu können, müssen wir unserer verletzlichen Komplexität die Treue halten. Wollen wir unser Gleichgewicht bewahren,[g] müssen wir Inneres und Äußeres, Sichtbares und Unsichtbares, Bekanntes und Unbekanntes, Zeitliches und Ewiges, Altes und Neues zusammenhalten. Niemand kann uns diese Aufgabe abnehmen. Jeder einzelne von uns ist die jeweils einzige Schwelle in eine Innenwelt.[h] Dieses Heilsein ist Heiligkeit. Heilig zu sein bedeutet, natürlich zu sein,[i] Freundschaft zu schließen mit den Welten, die in uns ins Gleichgewicht kommen. Hinter der Fassade aus Schein und Zerstreuung [k] ist jeder Mensch in diesem urtümlichen und unausweichlichen Sinn ein Künstler. Jeder von uns ist dazu verurteilt und auserwählt, der Künstler zu sein, der eine einmalige Welt in sich trägt und gestaltet. | ||
| John O'Donohue | ||
| aus «Anam Ċara»; S.13ff | ||
| Unsere Anmerkungen | ||
| a] vgl. mit dem Vortrag von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus”, gehalten in Achberg 1978 | ||
| b] Nicht jeder Laut hat klaren Wort-Charakter, auch nicht jeder menschliche. Wörter drücken beliebige Gedankenfetzen aus, Worte hingegen Sinn (Lógos, vgl. Christus als Wort). | ||
| c] griech. ἡ σιγή (he sigé), vgl. «E+E»: Anm.36 | ||
| d] Geistig verstanden, kann sich dieses „wir” nur auf den (von einem ICh-Wesen ergriffenen) belebten physischen Leib beziehen (zum Substanz-Begriff vgl. Mbl-B.60). | ||
| e] siehe Janus (lex.) | ||
| f] im Dreiklang gesund-heil-frei (vgl. Wirkspruch 5), wobei „heil” den Zustand wohlgefügten Ganzseins bezeichnet | ||
| g] im Krängen unseres Lebensboots zwischen rotem Backbord und grünem Steuerbord (inselkeltisches Bild) | ||
| h] Innenwelt, die wiederum alles mit allem und alle mit allen verbindet | ||
| i] im Einklang mit der Natur zu stehen | ||
| k] Maja (vgl. «E+E»: Anm.196) | ||
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| red. 11.X.2026 - WfGW, 1090 Wien / AT | ||
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