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Neudenken:
Geschichte
1 [...] Aber das Ding selber [...], die Geschichte nämlich, sei etwas so Häßliches, zugleich Banales und Teuflisches, zugleich Scheußliches und Langweiliges, daß er nicht begreife, wie man sich mit ihr befassen könne. Ihr Inhalt sei ja lediglich der menschliche Egoismus und der ewig gleiche, ewig sich selbst überschätzende und sich selbst glorifizierende Kampf um die Macht, um die materielle, brutale, viehische Macht, um ein Ding also, das in der Vorstellungswelt eines Kastaliers [a] nicht vorkomme oder doch nicht den geringsten Wert habe. Weltgeschichte sei der endlose, geist- und spannungslose Bericht über die Vergewaltigung der Schwächern durch die Stärkern, und die eigentliche und wirkliche Geschichte, die zeitlose Geschichte des Geistes, mit dieser weltalten, dummen Prügelei der Ehrgeizigen um die Macht und der Streber um den Platz an der Sonne in Verbindung zu bringen oder gar aus ihr erklären zu wollen, sei eigentlich schon ein Verrat am Geist und erinnere ihn an eine im neunzehnten oder zwanzigsten Jahrhundert weitverbreitete Sekte, von der ihm einmal erzählt worden sei und welche allen Ernstes des Glaubens gewesen sei, die den Göttern dargebrachten Opfer der alten Völker samt diesen Göttern, ihren Tempeln und Mythen seien gleich allen andern hübschen Dingen die Folgen eines berechenbaren Zuwenig oder Zuviel an Essen und Arbeit, Resultate einer aus Arbeitslohn und Brotpreis zu errechnenden Spannung, die Künste und Religionen seien Scheinfassaden, sogenannte Ideologien [b] über einer lediglich mit Hunger und mit Fressen beschäftigten Menschheit gewesen. Knecht,[c] den die Unterhaltung belustigte, fragte obenhin, ob denn die Geschichte des Geistes, der Kultur,[d] der Künste nicht auch Geschichte und mit der übrigen Geschichte immerhin in einigem Zusammenhang sei. Nein, rief sein Freund heftig, eben dies leugne er. Weltgeschichte sei ein Wettlauf in der Zeit, ein Rennen um Gewinn, um Macht, um Schätze, es komme dabei stets darauf an, wer Kraft, Glück oder Gemeinheit genug habe, den Moment [e] nicht zu verpassen. Geistestat, Kulturtat, Kunsttat dagegen sei genau das Gegenteil, es sei jedesmal ein Ausbruch aus der Zeitknechtschaft, ein Hinüberschlüpfen des Menschen aus dem Dreck seiner Triebe und seiner Trägheit auf eine andere Ebene, ins Zeitlose, Zeitbefreite,[f] Göttliche, ganz und gar Ungeschichtliche und Widergeschichtliche. 2 Knecht hörte ihm mit Vergnügen zu und reizte ihn noch zu weiteren, keineswegs witzlosen Entladungen, dann schloß er das Gespräch gelassen mit der Bemerkung: «Alle Achtung vor deiner Liebe zum Geist und seinen Taten! Nur ist die geistige Schöpfung etwas, woran wir nicht so eigentlich teilnehmen können, wie mancher glaubt. Ein Gespräch von Plato oder ein Chorsatz von Heinrich Isaac und alles, was wir Geistestat oder Kunstwerk oder objektivierten Geist nennen, sind Endergebnisse, letzte Resultate eines Kampfes um Läuterung und Befreiung, sie sind meinetwegen, wie du es nennst, Ausbrüche aus der Zeit ins Zeitlose, und in den meisten Fällen sind jene Werke die vollkommensten, welche von dem Kampf und Ringen, das ihnen voranging, nichts mehr ahnen lassen. Es ist ein großes Glück, daß wir diese Werke haben, und wir Kastalier leben ja beinahe ganz von ihnen, wir sind ja nicht anders mehr schöpferisch als im Reproduzieren, wir leben dauernd in jener jenseitigen Sphäre der Zeit- und Kampflosigkeit,[g] welche eben aus jenen Werken besteht und uns ohne sie nicht bekannt wäre. [...] Aber nicht jeder kann sein Leben lang ausschließlich Abstraktionen atmen, essen und trinken. Vor dem, was ein Waldzeller Repetent [h] als seines Interesses würdig empfindet, hat die Historie den einen Vorzug: sie hat es mit der Wirklichkeit [i] zu tun. Abstraktionen sind entzückend, aber ich bin dafür, daß man auch Luft atmen und Brot essen [k] muß.»
Hermann Hesse
aus «Das Glasperlenspiel»; S.306ff
Unsere Anmerkungen
a] Kastalien nannte der Dichter eine utopische „pädagogische Provinz” des freien Geisteslebens.
b] siehe Ideologiekritik
c] Josef Knecht, Magister ludi (Meister des Spiels), ist die Hauptfigur des Romans, einer fiktiven Biographie.
d] siehe Kulturbegriff
e] vgl. Kairos
f] vgl. Mbl.6: Anm.>G>
g] dem sprichwörtlichen „Elfenbeinturm”
h] Waldzell ist ein Studienort in Kastalien, wo auch repetiert (wiederholt) und damit vertieft werden kann.
i] eigentl. mit Geschehenem, also mit Tatsächlichkeit (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
k] vgl. Mbl-B.11