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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von José ORTEGA Y GASSET zum
KULTURBEGRIFF
1 [...] Wir wollen Kultur so definieren, wie es uns am verständlichsten scheint: als einen Inbegriff von Haltungen zum Leben, die sinnvoll, einstimmig und praktisch wirksam sind. Das Leben ist vor allem eine Gesamtheit wesentlicher Probleme, und der Mensch antwortet darauf mit einer Gesamtheit von Lösungen: der Kultur. Da viele solche Lösungssysteme möglich sind, gab und gibt es viele Kulturen. Nur eines hat es niemals gegeben: eine absolute Kultur, das heißt eine Kultur, die jedem Einwand siegreich standhält. Die Kulturen, die wir in der Gegenwart und Vergangenheit vorfinden, sind mehr oder weniger unvollkommen; es ist möglich, eine Rangordnung unter ihnen zu stiften, aber keine ist völlig frei von Fehlern und Vorurteilen. Die eine und eigentliche Kultur ist nur ein Ideal und ließe sich definieren, wie Aristoteles die Metaphysik oder eigentliche Wissenschaft definiert; er nennt sie „die, welche gesucht wird”.
Es ist kein Zufall, wenn es jeder positiven Kultur nur dadurch gelingt, eine gewisse Anzahl lebenswichtiger Fragen zu lösen, daß sie die übrigen fallen läßt und aufgibt. So macht sie aus dem Mangel eine Tugend; und hat sie etwas oder viel erreicht, so war es, weil sie ihren fragmentarischen Charakter wohlgemut hinnahm. [...]
in „Theorie Andalusiens”, 1927
aus «Gesammelte Werke IV»; S.438
2 [...] Es gibt keine Kultur, wenn es keine Ehrfurcht vor gewissen Grundwahrheiten der Erkenntnis gibt.¹ Es gibt keine Kultur, wo die wirtschaftlichen Beziehungen von keiner Verkehrsordnung beherrscht werden, unter deren Schutz man sich stellen kann. Es gibt keine Kultur, wo ästhetische Polemiken es nicht für notwendig erachten, das Kunstwerk zu rechtfertigen.
Wo dies alles fehlt, gibt es keine Kultur; es herrscht im genauesten Sinn des Wortes Barbarei. Und Barbarei ist es, geben wir uns keinen Täuschungen hin, die dank der zunehmenden Aufsässigkeit der Massen in Europa auszubrechen droht. Der Reisende, der in ein barbarisches Land kommt, weiß, daß dort keine Bindungen gelten, auf die er sich verlassen kann. Barbarische Normen im eigentlichen Verstand gibt es nicht. Barbarei ist die Abwesenheit von Normen und Berufungsinstanzen.
Der Grad der Kultur bemißt sich nach der Genauigkeit der Normen. Wo sie gering ist, ordnen sie das Leben nur im Groben; wo sie groß ist, durchdringen sie bis ins einzelne die Ausübung aller Lebensfunktionen².
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¹ Wenn sich unser Partner in der Diskussion nicht darum kümmert, ob er bei der Wahrheit bleibt, wenn er nicht den Willen zur Wahrheit hat, ist er ein geistiger Barbar. So verhält sich aber praktisch genommen der Massenmensch, wenn er spricht, Vorträge hält oder schreibt.
² Die Dürftigkeit der spanischen intellektuellen Kultur zeigt sich nicht darin, daß einer mehr oder weniger weiß, sondern in dem gewohnheitsmäßigen Mangel an Behutsamkeit und Sorgfalt in der Berücksichtigung der wahren Sachverhalte, der bei allen Redenden und Schreibenden offenbar wird. Nicht also darin, ob man recht hat oder nicht - die Wahrheit ist nicht in unserer Hand -, sondern in der Kritiklosigkeit, die dazu führt, daß man die elementaren Voraussetzungen des Rechthabens nicht erfüllt. Wir sind noch immer der ewige Dorfpfarrer, der triumphierend den Manichäer widerlegt, bevor er sich damit befaßt hat, die Gedanken des Manichäers in Erfahrung zu bringen.
in „Der Aufstand der Massen”, 1930
aus «Gesammelte Werke III»; S.57
Ergänzung
3 So originell das Verhalten der Primaten auch sein mag, der etymologische Sinn des Wortes »Kultur« verweist auf einen anderen, im Ursprung klar umrissenen Bedeutungszusammenhang: Im Lateinischen steht cultura für ›Bearbeitung, Anbau, Besorgung, Pflege, Landwirtschaft‹, aber auch für ›geistige Ausbildung‹ und ›moralische Veredelung‹. Die lateinische Sprache verweist ferner auf den semantischen Zusammenhang zwischen der cultura, dem cultus (›Ackerbau, Anbau, Pflege, Kultivierung, Kultur, Erziehung, Anbetung, Gottesdienst‹), dem cultor oder der cultrix (›Bebauer, Pfleger, Züchter, Beschützer, Bauer, Freund, Liebhaber, Verehrer, Priester‹) sowie dem agricola (›Ackerbauer‹). Dieser ursprünglichen Auffassung zufolge, die man ähnlich auch in anderen Sprachgemeinschaften wiederfindet, ist Kultur also dem Wesen nach ein Gottesdienst, ein Dienst an übermenschlichen Wesen, zugleich jedoch ein hingebungsvoller Dienst an der Erde: ihre Bearbeitung und Umarbeitung, aber auch ihr Schutz. Der Vollzug dieses Kultus bedeutet für den Menschen geistige und moralische Sinnfindung und Höherentwicklung, die wiederum nur möglich sein können, weil der Mensch über seelische und geistige Anlagen verfügt, die entwicklungs- und steigerungsfähig sind.
In der ursprünglichen Bedeutung des heute allzu beliebig benutzten Wortes »Kultur« steckt also eine Sinnhaftigkeit, die über reinen Zweck und Nutzen auf der materiellen Ebene ebenso hinausgeht wie über die Erfahrung der »Luststeigerung« und des »Spaßes« auf der seelischen. Der Mensch betreibt »Kultur« nicht deswegen, weil er Hunger hat oder Zeitvertreib benötigt.
Markus Osterrieder
aus «Die Durchlichtung der Welt»; S.25f