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Neudenken:
Glaube angesichts des Bösen
109 Hannah Arendt an Karl Jaspers
den 4. März 1951
[...]
Nun geht mir seit Wochen Ihr »Ob Jahwe nicht allzusehr verschwunden ist« [a] nach, ohne daß ich eine Antwort wüßte. So wenig vielleicht als auf meine eigene Forderung aus dem Schlußkapitel [b]. Ich persönlich schlage mich recht und schlecht (und eigentlich mehr recht als schlecht) mit einer Art (kindlichen?, weil nie bezweifelten) Gottesvertrauen durch (im Unterschied zum Glauben, der ja doch immer zu wissen glaubt und daduch in Zweifel und Paradoxien gerät [c]). Damit kann man natürlich gar nichts anfangen außer fröhlich sein. Alle überlieferte Religion [d], jüdische oder christliche, sagt mir als solche gar nichts mehr. Ich glaube auch nicht, daß sie irgendwo oder irgendwie noch ein Fundament für etwas so unmittelbar Politisches wie Gesetze hergeben könnte. Das Böse hat sich als radikaler erwiesen als vorgesehen. Äußerlich gesprochen: Die modernen Verbrechen sind im Dekalog [e] nicht vorgesehen. Oder: Die abendländische Tradition krankt an dem Vorurteil, daß das Böseste, was der Mensch tun kann, aus den Lastern der Selbstsucht stammt; während wir wissen, daß das Böseste oder das radikal Böse mit solchen menschlich begreifbaren, sündigen Motiven gar nichts mehr zu tun hat. Was das radikal Böse nun wirklich ist, weiß ich nicht, aber mir scheint, es hat irgendwie mit den folgenden Phänomenen zu tun: Die Überflüssigmachung von Menschen als Menschen [f] (nicht sie als Mittel zu benutzen, was ja ihr Menschsein unangetastet läßt und nur ihre Menschenwürde verletzt, sondern sie qua Menschen überflüssig zu machen). Dies geschieht, sobald man alle unpredictability² ausschaltet, der auf Seite des Menschen die Spontaneität entspricht. Dies alles wiederum entspringt oder besser hängt zusammen mit dem Wahn von einer Allmacht [g] (nicht einfach Machtsucht) des Menschen. Wäre der Mensch qua Mensch allmächtig, dann wäre in der Tat nicht einzusehen, warum es die Menschen geben sollte - genauso wie im Monotheismus nur die Allmacht Gottes ihn zu EINEM macht. In diesem Sinne: die Allmacht des Menschen macht den Menschen überflüssig. (Nietzsche, scheint mir, hat damit gar nichts zu tun und auch Hobbes nicht.[h] Der Wille zur Macht will immer nur mächtiger werden, bleibt prinzipiell in diesem Komparativ, der noch die Grenzen des Menschseins respektiert, und dringt zu dem Wahn des Superlativs [i] nie vor.)
[...]
S.201f
2 Unvoraussagbarkeit.
S.757
aus «Hannah Arendt, Karl Jaspers Briefwechsel»
Unsere Anmerkungen
a] Jaspers hatte Arendt diese Frage in seinem Brief vom 15.II.1951 gestellt. Sie erwähnt ihre Haltung dazu in einem Brief an G.Scholem.
b] des Buches «The Origins of Totalitarianism»; New York 1951
c] sowie in Aberglauben abrutschen, aber auch zu evidenter Gewissheit führen kann
d] die gerade wegen festlegender Überlieferungen in ideologische Ismen wie Judaismus, Christianismus oder Islamismus mündet
e] siehe Exo.20,3-17
f] der ahrimanische Ansatz
g] aufgrund luziferischer Versuchung
h] Friedrich Nietzsche etwa 1885 mit «Also sprach Zarathustra» und Thomas Hobbes 1651 mit «Leviathan»
i] Diesem Wahn wird indes im Streben nach Rekorden („aller Zeiten”) unreflektiert gehuldigt.