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Neudenken:
Verstorbene erspüren
Unser frühes Umfeld prägt unsere Grundeinstellung gegenüber Leben und Tod in einer richtunggebenden Weise. Die Ansichten und Gepflogenheiten unserer Eltern, die Traditionen unserer Familie, bereits in der Kindheit Erlebtes, die Bräuche der heimischen Kultur legen die Grundlage für unser Verhältnis zu diesen Grunddimensionen des menschlichen Seins.
S.195
Meinen Eltern bin ich zutiefst dankbar für diese Erlebnisse, die mir den Grundstein dafür legten, mit dem Tod respektvoll, bejahend und angstfrei umgehen zu können.[a] - Wie anders erleben es andere Kinder.[b] Jahrzehnte später erzählte mir eine meiner Nichten nach dem Tod ihrer Großmutter, dass diese sie manchmal besuchen würde. Die Kleine war damals fünf Jahre alt und berichtete mit ihrem dünnen Stimmchen: «Ja, weißt du, sie schwebt dann oben an der Decke in meinem Zimmer. Und sie sagt ganz liebe Sachen zu mir. Ganz, ganz lieb ist die Omi. Sie kommt auch oft. Aber alle sagen, das kann nicht sein, Omi ist tot.» Ich fragte sie, was ihre Mutter dazu sagen würde. Ganz verschämt und traurig antwortete das Mädchen: «Die Mama sagt, ich spinne.»
Die Prägungen, die wir in dieser Hinsicht erfahren, können also sehr unterschiedlich sein. Kinder spüren oft das Herannahen des Todes eines Menschen, sie nehmen auch häufig Verstorbene wahr, auch wenn sie dies nicht zum Ausdruck bringen können. Wir Erwachsenen tragen Verantwortung dafür, wie wir in diesen Zusammenhängen mit ihnen umgehen. Wir können hier gleichermaßen Türen öffnen, wie auch lebenslange Blockaden aufbürden.
Von daher ist es wiederum sinnvoll, dass auch wir uns überprüfen, wie wir selbst in unserer Kindheit und in unserer Erziehung in Bezug auf den Tod geprägt worden sind. Gibt es im Verborgenen unserer Seele Erlebnisse, die wir nicht begriffen haben oder die uns in diesem Punkt ein Hindernis sind? Will da noch etwas überwunden werden? Um mit dem Tod in einer stimmigen Weise umgehen zu können, brauchen wir ihm gegenüber eine zulassende Haltung. Ein möglichst natürlicher, verständnisvoller und weitgehend angstfreier Umgang mit Krankheit und Gebrechen, mit Verlust und Sterben bildet eine seelisch stabile Grundhaltung hierfür. Die Einstellung, dass die Verstorbenen da sind, dass sie uns nach ihrem Tod noch nahe sein können, dass sie uns auch in späteren Phasen hin und wieder aufsuchen, ermöglicht uns ein Verständnis für die geistige Seite dieses Geschehens.
Wichtig ist es auch, unsere Gefühle in einem konkreten Todesfall erkennen und differenzieren zu lernen. Trennungs- und Verlustschmerz gehört immer zum Abschied dazu. Demnach ist der Schmerz ganz und gar berechtigt und soll ausreichend Raum und Zeit bekommen, um empfunden, gelebt und geheilt zu werden.[c] Mit der Zeit können wir jedoch darauf achten, worum wir eigentlich trauern. Trauere ich um den Verstorbenen, darum, dass sein Leben ein Ende genommen hat? Oder trauere ich um mich selbst, um meine Einsamkeit, um meine nicht erfüllten Hoffnungen oder Erwartungen? Je mehr wir uns im Klaren über unsere Seelenregungen sind, desto mehr sind wir in der Lage, die entsprechende Qualität des Schmerzes zu erkennen. Wenn ich mich nämlich selbst betrauere, dann bin ich in meiner eigenen Astralität gefangen und nehme nicht die Wirklichkeit der geistigen Welt [d] wahr. Wenn ich allerdings mein Seelisches für einige Momente zum Schweigen bringe und aufrichtig zu dem Verstorbenen hindenke, dann kann es möglich werden, dass ich ganz andere Stimmungen vernehme, die mich vielleicht sogar aus meiner Trauer heraus erheben. Ab da erst beginne ich, die neue Welt des Verstorbenen zu erspüren.
S.197f
Iris Paxino
aus «Brücken zwischen Leben und Tod»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. mit dem Gespräch in Mbl-B.E: Kap.VIII
b] Weil ihnen eine in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende Angst vor dem Geistigen vorgelebt wird, die sich gelegentlich in verrückt atavistischen Verhaltensweisen (wie Halloween, Sterbeortkult uam.) entlädt; obendrein werden diese medial und wirtschaftlich immer stärker gefördert.
c] Ein passendes Bestattungsritual samt Jahresfeier kann dabei ebenso helfen wie ein gelassener Umgang mit dem Geheimnis des Lebens.
d] nämlich die der erdumhüllenden sublunaren Sphäre (auch Kamaloka, vgl. Mbl.8)