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| Text zum Neudenken: |
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| Freie Gedanken | ||
| 1 Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der vom gebundenen zum freien Gedanken führt.[a] Zunächst ist der im Menschen waltende Gedanke durchaus gebunden, und zwar physiologisch ans Gehirn. Aber schon eine leichte Beobachtung kann zeigen, dass der Gedanke nicht vom Gehirn erzeugt wird, sondern sich an ihm spiegelt.[b] Man muss nur den Gedankeninhalt unterscheiden lernen von der Art seines Auftretens. Diese ist subjektiv in einem doppelten Sinn, nämlich einmal in Hinblick auf die Organisation und dann nach der Seelenbetätigung: Die Anstrengung, die ich machen muss, um einen Gedanken zu erfassen, ist meine, der Inhalt aber ist ein geistiger jenseits von Subjekt und Objekt. Nun sind aber auch die Gedankeninhalte gebundene, sie sind gebunden an die Geschichte des Herabstiegs des Gedankens,[c] und gemäss der spirituellen Geschichte der Menschheit sind die Inhalte von geistigen Wesenheiten gegeben, und ihre Taten verbergen sich hinter den Formen von Begriff, Urteil und Schluss. | ||
| 2 Die Frage erhebt sich nun wiederholt, ob sich der Mensch mit Recht als Bildner seiner Gedanken betrachtet, oder ob das nur eine Illusion ist. Es ist dies eine Frage von hohem Erkenntniswert, die gerade für den anthroposophisch Strebenden von höchster Bedeutung ist, denn davon hängt es ab, ob es einen freien Gedanken gibt und damit eine Freiheit überhaupt. Um dieser Frage willen schrieb Rudolf Steiner seine „Philosophie der Freiheit”. In deren erstem Teil behandelt er den Gedanken mehr als Phänomen, er zeigt aber dann im zweiten Teil den Weg, um zum Schöpferischen des Denkens zu gelangen; dieses ist ein Moralisches.[d] Ein solcher Weg ist Seelenprüfung. Das zeigt Rudolf Steiner in seinem Lebensgang, den wir unter dem Gesichtspunkt betrachten können, wie er den freien Gedanken in die Menschheit pflanzt, und zwar auf allen Gebieten der Gedankenbetätigung. Sein Lohn war tiefste Einsamkeit.[e] | ||
| 3 Solche Einsamkeit tritt als Seelenprüfung auf dem Pfad der Erkenntnis auf und ist der wahre Zeuge dafür, dass der Mensch Bildner seiner Gedanken ist. Betrachten wir einmal, wie der Gedanke nach seinem Inhalt gebunden ist an die Zeitentwicklung, an das Volk, die Sprache, die Tradition, an Assoziationen (Denkgewohnheiten), ja an die eigenen Erinnerungen des Einzelnen. An solchen Gedankenbindungen hängt ganz wesentlich unser Leben, namentlich in sozialer Beziehung; und, wer wirklich den freien Gedanken sucht, löst sich Schritt um Schritt von diesen Bindungen; ja, es wiederholt sich geradezu die Menschheitstragödie der Heraustrennung vom Göttlichen am einzelnen Menschen. Nicht zufällig wird der [zeitgemässe] Einweihungsweg [f] symbolisch in Beziehung gebracht mit dem, was wir spirituelle Geschichte genannt haben. | ||
| 4 Wenn wir uns übend dem freien Gedanken nähern wollen, so müssen wir schrittweise aus unserem Bewusstsein tilgen, was Gedanken bindet. Das führt zum Zustand der Meditation.[g] Das ist aber zugleich der Punkt, an dem das Denken zum Stillstand kommt. Es ist leichter zu denken, als das Denken zu unterlassen. Der Gedanke wird frei, wenn das Denken stehen bleibt. Man kann es durchaus auch ernst nehmen, dass einem der Verstand stehen bleibt. An diesem Punkt schlägt das Denken in Wollen um, und der frei werdende Gedanke enthüllt sich als Moralität. | ||
| Carl Unger | ||
| aus «Aus der Sprache der Bewußtseinsseele»; S.205f | ||
| Unsere Anmerkungen | ||
| a] vgl. Mbl.3 | ||
| b] vgl. R.Steiner zum Gehirn als Spiegel | ||
| c] bis in die kulturellen und sprachlichen Differenzierungen | ||
| d] somit ein Merkurielles | ||
| e] vgl. «E+E»: Abs.458} | ||
| f] vgl. Mbl.17 | ||
| g] vgl. Mbl-B.33 | ||
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