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Neudenken:
Notwendigkeit und Freiheit
Der Mensch ist von Notwendigkeiten [a] umgeben und beherrscht. Gleichsam über sich die logisch-ethische Notwendigkeit des „Allgemeingültigen”, unter sich die „naturgesetzliche Notwendigkeit”, droht ihm, zwischen beiden nichts zu sein. Als notwendig tritt ihm dazu sein Schicksal in der Gesellschaft entgegen. [...] Im konkreten, individuellen Fall aber erscheinen alle die notwendigen Geschehnisse ebenso als Zufall; denn das Allgemeingesetzliche daran genügt nie, das individuelle Geschick als absolut notwendig b e g r e i f e n zu lassen, mag die Plausibilität der Notwendigkeit und die Suggestion in der Darstellung solcher auch noch so groß sein.
Diese Situation macht ein mehrfach entgegengesetztes Verhalten des individuellen Selbst möglich. Der Einzelne kann sich resigniert unterwerfen, kann sich heroisch aufbäumen. Er kann Ruhe in dem Gedanken der Notwendigkeit finden, der ihn vor dem grausen Zufall bewahrt, oder er kann Pathos im Gedanken des Zufalls gewinnen, der ihn an sein Glück glauben läßt, das diesen Zufall meistern wird.
Unterwerfung unter die Notwendigkeit heißt Unterwerfung unter den Naturmechanismus [b], indem ich ihn bejahe oder resigniere, heißt Unterwerfung unter das soziale Schicksal als unvermeidlich, heißt Unterwerfung unter meine seelischen Erfahrungen, Beziehungen, Erlebnisse, als ob sie mir gegeben, unfrei wären. Dem Naturmechanismus unterwirft sich der Mensch durch Aufgabe jeden Widerstands, durch Leiden und Genuß: Er entzieht sich nicht den Notwendigkeiten des Vitalen, den Erscheinungen seiner leiblichen und seelischen Organisation, den Freuden und Genüssen, die von selbst kommen und gehen. Er lebt unter günstigen Bedingungen so hin, unter ungünstigen zerbricht er hoffnungslos, verzweifelt, ungläubig. Die seelischen Erlebnisse schließlich nimmt er als unfrei hin, fühlt sich nicht als ihr Herr, hat sein Selbst als einen Punkt [c] außer ihnen, leidet und geht in Nihilismus unter. Er rechtfertigt sich mit Krankheit (z. B. „Nerven”), in welcher Kategorie er alles Seelische als unfrei unterbringen kann. In dem Maße als diese Sphäre des Unfreien für ihn wächst, verliert er das Bewußtsein des Sinnes und des Selbst.
Dem Verlust des Selbst in der überflutenden Macht des bloß Notwendigen bäumt sich der Einzelne entgegen. Freiheit ist ihm Lebensbedingung, und er wagt es gegen den Naturmechanismus zu existieren. Er vergewaltigt und ignoriert ihn. [...] Das ethische Bewußstsein widersetzt sich dem, daß Anlage, Schicksal es bestimmen sollen. Der Mensch will im Drang nach Freiheit zu sich selbst kommen, nur Schuld [d] bei sich gelten lassen, er lehnt Rechtfertigungen durch Unfreiheiten ab. Er beruft sich nicht auf seine Nerven, seine Krankheit, seine Begabung, sein Schicksal. Nur soweit Schuld für ihn ist, weiß er sich frei, und darum erweitert er die Grenzen der Schuld und seiner Aufgabe unermeßlich. Er will das Unfreie als sein Eigen übernehmen und dadurch frei machen.
Dieses „Übernehmen” (KIERKEGAARD [e]) ist der eigentliche lebendige Prozeß zwischen dem Einzelnen und dem Notwendigen. Der bloß platonisch Kontemplative, der asketisch nur Verneinende tritt aus der Welt des Notwendigen heraus und muß es büßen, indem das Verneinte und Verdrängte in anderer Gestalt immer wiederkehrt. Durchdringend wirkt nur das in Freiheit Übernehmen, das so irrational, so paradox ist wie alles Leben.
Der Gegensatz von N o t w e n d i g k e i t ist M ö g l i c h k e i t. Freiheitsbewußtsein habe ich in dem Maße, als ich Bewußtsein der Möglichkeit habe. Diese Möglichkeit hängt entweder von mir ab oder vom Schicksal. [...] Das Lebendige, Paradoxe ist nun die Einheit von Möglichkeit und Notwendigkeit. Wer in der Möglichkeit lebt und sie zugleich in der Notwendigkeit begrenzt, ist der „Wirkliche” [e ...]
Karl Jaspers
aus «Psychologie der Weltanschauungen»; S.393f
Unsere Anmerkungen
a] deren Erkenntnis die Not des Getriebenwerdens wendet
b] Das Naturgeschehen als Mechanismus aufzufassen, geht ua. auf Offray de La Mettries «L'Homme machine» zurück.
c] vgl. Mbl.15
d] im Sinn von Verantwortung (vgl. Mbl.9)
e] Sören Kierkegaards Gedanke des Aufsichnehmens um der Wirklichkeit (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b) als „Einheit von Möglichkeit und Notwendigkeit” willen