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Neudenken:
Zwillinge
Dem Schützen [Sagittarius, SGR] gegenüber stehen die Zwillinge [Gemini, GEM], die eng aneinandergelehnt als Knaben oder Jünglinge dargestellt werden. Eindeutige, zielgerichtete Bewegungen zeigte das Haus des Schützen. Der Charakterzug der Zwillinge ist dagegen zwei-deutig. Als Doppelgestalt treten sie auf, zwei gleichwertige und doch voneinander verschiedene Wesen. Aus der Einheit wird die Zweiheit. Der Große Hund [Canis Maior, CMa] und der Kleine Hund [Canis Minor, CMi] gehören zu ihnen, als Gegensätze durch die unterschiedliche Größe kenntlich. Zwischen den Hunden steht zart schimmernd das Einhorn [Monoceros, Mon]. Es ist ein spätbenanntes Sternbild, doch voll geheimnisvoller Aussage. Und im Süden des Hauses prangt die funkelnde Pracht des Achterschiffes [Puppis, Pup].
Die Zweiheit und Gegensätzlichkeit ist der Charakterzug dieses Himmelshauses.[a] Von dieser Tendenz ist das ganze Gebiet durchdrungen. Die Zwillinge sind das Tierkreissternbild, das dem [aktuellen] Polarstern [αUMi] räumlich am nächsten ist. Es ragt am weitesten nach Norden. Zu Häupten der Zwillinge sind kaum Sterne zu sehen, nur einzelne sehr lichtschwache. Kein anderes Tierkreishaus ist im Norden derart dunkel und sternenarm, ja man kann sagen, daß dies überhaupt der finsterste Winkel des Himmels ist.[b] Im Süden dagegen, wie könnte es anders sein, strahlen die allerhellsten Sterne, die am Firmament zu finden sind: Der Sirius [αCMa c] im Großen Hund und der Canopus [αCar] im Schiff [Carina, Car]. Dem dunklen Norden steht der strahlende Süden gegenüber.
Und in diese Gegensätze des Hauses fügen sich die hauseigenen Sternbilder ein. Der Große Hund mit dem hellen Sirius steht im Süden, der Kleine Hund mit dem nicht ganz so hellen Prokyon [αCMi] hält sich nördlicher. Auch bei den Zwillingen steht der strahlende Pollux [βGEM] südlicher als der milder leuchtende Castor [αGEM]. Diese beiden Kopfsterne haben ihre Namen von den Dioskuren [οἱ Διόσκοροι], dem berühmten griechischen Zwillingspaar. Obgleich sie Zwillinge waren hatten sie verschiedene Väter. Castor [ὁ Καστορ d] war sterblich und Pollux [ὁ Πολυδεύκης], als Sohn des Zeus [ὁ Ζεύς], unsterblich. Als Castor zu Tode kam, tröstet Zeus seinen Sohn Pollux mit dem Versprechen, daß beide gemeinsam abwechselnd einen Tag im Himmel [ὁ οὐρανός] und einen Tag im Reich der Schatten [ὁ αἵδης] weilen dürfen, auf ewig vereint. Und endlich versetzte Zeus sie miteinander an den Himmel, Pollux der lichterfunkelnden und Castor der lichtarmen Seite zu.
Im Hause des Krebses [Cancer, CNC] waren Geburtsmotive und frühkindliche Stimmung zu finden. Die Zwillinge dagegen sind im Knabenalter. Bei den zwei Knaben sind die zwei Hunde. Der Hund stammt nicht aus freier Wildbahn. Er ist vom Menschen gezähmt und gezüchtet und zum Haustier geworden. So stehen gezüchtete Tiere hier am Himmel.
Und zwischen diesen beiden gezüchteten Tieren steht in der Mitte des Hauses zartschimmernd das Einhorn. Es ist ein Fabeltier, ein Urbild [Archetyp]. Schreckliche Dinge werden von ihm erzählt, seine Wildheit bedroht den Menschen, wird es aber gezähmt, so ist es sanft und fromm, ein Bild der Reinheit. Wie dieses unheilstiftende Tier zu bändigen ist, erfahren wir aus dem Märchen »Das tapfere Schneiderlein«.
S.79f
Während der Frühlingspunkt [] der Sonne bei den Zwillingen weilte,[e] begann sich auf Erden die urpersische Kulturepoche zu entfalten. Auch von dieser Kultur [f] blieben aus ihrer Blütezeit keine Zeugnisse erhalten, doch lebt die Menschheit heute noch von den Früchten dieser Zeit. Die spätere persische Religion, deren Lehre in den Gathas des ZARATHUSTRA (um 600 v.Chr.) in dem Avesta überliefert wurde, hatte ihre geistigen Wurzeln und Quellen in dieser uralten Epoche. Diese Gesänge künden von dem Geist, der die alte Kultur beseelte:
Und ich will reden
Von den beiden Geistern
Im Urbeginn der Welt;
Von denen der Heilige
Also sprach zum Argen:
Nicht stimmen unsere Lehren,
Unsere Willensentschlüsse,
Unsere Seelen in irgendeiner
Harmonie zusammen,
Nicht unsere Worte,
Nicht unsere Taten,
Nicht alle unsere Weisheiten.
Und immer arbeitet
Mir entgegen der Urverderber.
Doch seine bösen Absichten
Suche ich wieder gut zu machen
Durch die Kraft der Wahrheit,
O Ahura Mazda!
Gerechter Ausgleich komme zu mir,
Sei mir Stütze und Halt,
Bestimme jenem den Untergang
Durch den Geist des Guten.²⁷
Die Menschheit kam der Erde näher. Die Menschen nahmen die äußere Welt nicht nur ernst, sie ergriffen und gestalteten sie. Ihnen standen noch magische Kräfte aus der geistverbundenen Vergangenheit zur Verfügung, die verwandelnd in die Natur einwirken konnten. Die alten Perser verehrten das hohe Sonnengottwesen Ahura Mazda oder Ormuzd, als dessen Kleid sie die äußere Natur ansahen. Ihm zu dienen und ihn zu verehren, hieß, die Natur zu pflegen und zu verwandeln. Aus Wildgewächsen wurden damals Nahrungspflanzen gezüchtet; auch unser Getreide stammt aus dieser Zeit. Wilde Tiere wurden zu Haustieren gezähmt und neue Arten entwickelten sich. Doch mit dem Eintauchen in die Erdenwelt begegneten die Menschen auch den Widersachermächten.
Dem Lichtgott Ahura Mazda [g] stand der Gott der Finsternis Angra Manju oder Ahriman [h], der Urverderber entgegen. Die Menschen erlebten sich im Kraftfeld von Gegenmächten. Sie lernten die Zweiheit, die Gegensätze, kennen, wie es die erwähnte 10. Gatha ausspricht.
S.81f
27 Zarathustra, aus: Zend-Avesta (10. Gatha Yashna 45), übertragen von Hermann Beckh
Elke Blattmann
aus «Geheimnisvolle Sternenwelt»
Unsere Anmerkungen
a] und seines Regenten Merkur
b] weil GEM dem Zentrum der Milchstrasse im SGR gegenübersteht, also hinausblicken lässt in den sternarmen intergalaktischen Raum
c] das Zarathustra-Gestirn Tischtrja
d] Sohn der Leda (ἡ Λήδα) und des Tyndareos (ὁ Τυνδάρεος), genannt der Rossebändiger
e] vgl. Mbl.7
f] siehe Kulturbegriff
g] siehe Ahura Mazda
h] vgl. Mbl.16