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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
VOGEL- und MENSCHENGESANG
1 Aber wenn man diese alten Menschen, die die Anleitungen [zu Reigentänzen und Volksgesängen] hatten, gefragt hätte: Ja, wie kommt man denn eigentlich darauf, solche Gesänge, solche Tänze zu bilden, durch welche das, was ich geschildert habe, entstehen kann? - dann hätten diese alten Menschen wiederum eine für den modernen Menschen höchst paradoxe Antwort gegeben. Sie hätten zum Beispiel gesagt: Ja, vieles ist überliefert, vieles ist schon da, das haben noch ältere gemacht! - Aber in gewissen alten Zeiten hätten die Menschen so gesagt: Man kann es auch heute noch lernen, ohne daß man etwas auf eine Tradition gibt, wenn man nur das, was sich offenbart, weiter ausbildet. Man kann auch heute noch lernen, wie man sich der primitiven Instrumente bedient, wie man die Tänze formt, wie man die Gesangsstimme meistert. - Und nun kommt eben das Paradoxe, was diese alten Leute gesagt hätten. Sie würden gesagt haben: Das lernt man von den Singvögeln.[a] - Aber sie haben eben in einer tiefen Weise verstanden den ganzen Sinn dessen, warum eigentlich die Singvögel singen.
2 Das ist ja längst vergessen worden von der Menschheit, warum die Singvögel singen. In der Zeit, in der der Verstand alles beherrscht, in der die Menschen intellektualistisch wurden, gewiß, die Menschen haben sich ja auch da Gesangskunst, poetische Kunst bewahrt, aber den Zusammenhang des Singens mit dem ganzen Weltenall haben sie in der Zeit des Intellektualismus vergessen. Und selbst jemand, der begeistert ist für die musische Kunst, der die musische Kunst hinausstellt über alles Banausisch-Menschliche, der sagt aus diesem späteren intellektualistischen Zeitalter heraus:
Ich singe, wie der Vogel singt,°
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
3 Ja, das sagt der Mensch eines gewissen Zeitalters. Der Vogel selber würde es nämlich niemals sagen. Der Vogel würde niemals sagen: «Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet.» Und ebensowenig hätten es die alten Mysterienschüler gesagt. Denn wenn in einer bestimmten Jahreszeit die Lerchen, die Nachtigallen singen, dann dringt das, was da gestaltet wird, nicht durch die Luft, aber durch das ätherische Element in den Kosmos hinaus, vibriert im Kosmos hinaus bis zu einer gewissen Grenze; dann vibriert es zurück auf die Erde, und dann empfängt die Tierwelt dieses, was da zurückvibriert, nur hat sich dann mit ihm das Wesen des Göttlich-Geistigen des Kosmos verbunden. Und so ist es, daß die Nachtigallen, die Lerchen ihre Stimmen hinausrichten in das Weltenall (rot) und daß
Skizze der Tafelzeichnung © 1980 by R.Steiner Verlag
dasjenige, was sie hinaussenden, ihnen ätherisch wieder zurückkommt (gelb) für den Zustand, wo sie nicht singen, aber das ist dann durchwellt von dem Inhalte des Göttlich-Geistigen. Die Lerchen senden ihre Stimmen hinaus in die Welt, und das Göttlich-Geistige, das an der Formung, an der ganzen Gestaltung des Tierischen teilnimmt, das strömt auf die Erde wiederum herein auf den Wellen dessen, was zurückströmt von den hinausströmenden Liedern der Lerchen und Nachtigallen.
4 Man kann also, wenn man nicht aus dem intellektualistischen Zeitalter heraus, sondern aus dem wirklichen, allumfassenden menschlichen Bewußtsein heraus redet, eigentlich nicht sagen: «Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet», sondern man müßte dann sagen: Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle hinausströmt in Weltenweiten, kommt als Segen der Erde wiederum zurück, befruchtend das irdische Leben mit den Impulsen des Göttlich-Geistigen, die dann weiterwirken in der Vogelwelt, und die nur deshalb in der Vogelwelt der Erde wirken können, weil sie den Weg hereinfinden auf den Wellen desjenigen, was ihnen hinausgesungen wird in die Welt.
5 Nun sind ja nicht alle Tiere Nachtigallen und Lerchen; es singen auch selbstverständlich nicht alle hinaus, aber etwas Ähnliches, wenn es auch nicht so schön ist, geht von der ganzen tierischen Welt in den Kosmos hinaus. Das verstand man in jenen alten Zeiten, und deshalb wurden die Schüler der Mysterienschulen angeleitet, solches Gesangliche, solches Tänzerische zu erlernen, das sie dann aufführen konnten am Johannifest, wenn ich es mit dem modernen Ausdruck nennen darf. Das sandten die Menschen in den Kosmos hinaus, natürlich in einer jetzt nicht tierischen, sondern vermenschlichten Gestalt, als eine Weiterbildung dessen, was die Tiere in den Weltenraum hinaussenden.
6 Und es gehörte noch etwas anderes zu jenen Festen: nicht nur das Tänzerische, nicht nur das Musikalische, nicht nur das Gesangliche, sondern hinterher das Lauschen. Erst wurden die Feste aktiv aufgeführt, dann gingen die Anleitungen dahin, daß die Menschen zu Lauschern wurden dessen, was ihnen zurückkam. Sie hatten die großen Fragen an das Göttlich-Geistige des Kosmos gerichtet mit ihren Tänzen, mit ihren Gesängen, mit all dem Poetischen, das sie aufgeführt hatten. Das war gewissermaßen hinaufgeströmt in die Weiten des Kosmos, wie das Wasser der Erde hinaufströmt, das oben die Wolken bildet und als Regen wieder hinabträufelt. Also erhoben sich die Wirkungen der menschlichen Festes Verrichtungen und kamen jetzt zurück, selbstverständlich nicht als Regen, aber als etwas, was sich als die Ich-Gewalt dem Menschen offenbarte. Und es hatten die Menschen eine feine Empfindung für jene eigentümliche Umwandelung, welche gerade um die Johannifesteszeit mit der um die Erde herum befindlichen Luft und Wärme geschieht.
Dornach, 7.Apr.1923 ♄
S.60ff
° «Ich singe, wie der Vogel singt»: Goethe, im Gedicht «Der Sänger».
S.163
aus «GA 223»
a] siehe dazu den musikalischen Ansatz von Olivier Messiaen