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Merkblatt-
Beilage 54:
Nation Building?
1 Man muß sich die Menschen nach ihrer Art verbindlich machen, nicht nach der unsrigen.[a]
Georg Christoph Lichtenberg
aus «Aphorismen»; S.122
2 [...] Der Präsident George W. Bush [unverständl.] mit einer anderen Dominotheorie an. [unverständl.] also nach[dem] er Bagdad eroberte, davon gesprochen, dort einen "beacon of democracy", einen „Leuchtturm der Demokratie” zu erschaffen und einen Dominoeffekt im Sinne der Demokratie zu schaffen. Also eine Demokratie in Bagdad, das pflanzt sich auf nach [unverständl.] der Iran, die andren Länder sind ja auch imgrunde alle entweder Dynastien oder Militärdikaturen, und dass eben, sagen wir, die Vision von Fukuyama vom „Ende der Geschichte”, dass also alle Probleme der Welt gelöst werden durch die Übernahme des amerikanischen Lebensstils, der amerikanischen politischen Auffassung und der amerikanischen Wirtschaftstheorien, dass das imgrunde im Irak gescheitert ist, aber natürlich in Afghanistan noch viel stärker. Und das ist wahrscheinlich eines der schwersten Folgen dieser Rückschläge, die der Westen im Moment empfindet, äh einsteckt. Dass die Zeit vorbei ist, wo zum Beispiel Atatürk, der Erneuerer der Türkei, der Modernisierer der Türkei, dessen Werk jetzt allmählich abgebaut wird durch eine wachsende islamische Kraft wieder, da sehen wir im Jahr 24 zum Beispiel [unverständl.] „Es gibt nur eine Zivilisation - mit Zivilisation meinte er also die französische, also eine Kultur -, das ist die europäische”. Das ist heute unvorstellbar. [...]
Peter Scholl-Latour am 3.XII.2009
in Siegen in Afghanistan? 3/5; 1:10-2:41
(aufgerufen 2021-09-14 15h20)
3 In der Online-Ausgabe der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 4.IX.2021 (aufgerufen um 15h15) wird von den Erfahrungen dreier Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan berichtet, nämlich des zwischen 2010 und 2013 im Raum Kunduz stationierten Fallschirmjägers Denny Vinzing, des bis 2018 in Kabul dienenden Stabsfernmelders Marco Hochstein und des Unteroffiziers Peter Müller, der von 2010 bis 2011 in Mazar-e-Sharif mit der Ausbildung einheimischer Soldaten betraut war.
Waren die drei vom raschen Fall Afghanistans an die Taliban überrascht? Dazu meint Vinzing: „Mir war schon 2010 klar: wenn wir gehen, ist alles wieder beim Alten”,[b] denn die breite Masse der Bevölkerung wolle einen Schariastaat, sonst wären die Taliban kaum wieder an der Macht. Sein und seiner Kameraden Auftrag sei gewesen, „Land zu nehmen und zu halten”, weswegen er an drei Feuergefechten teilgenommen hatte, darunter jenes am berüchtigten Karfreitag 2010, das deutscherseits drei Tote und mehrere Schwerverletzte hinterlassen hat.
Der heutige IT-Fachmann Hochstein ergänzt: „Die westliche Aufbauarbeit war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und deshalb die Opfer nicht wert”. Afghanistan sei ein Vielvölkerstaat wie das ehemalige Jugoslawien. In einem solchen Land, in dem überdies Stammesgesetze gelten, einen funktionierenden Zentralstaat aufzubauen, sei hoffnungslos. Lediglich die Schnelligkeit des Zusammenbruchs habe ihn überrascht.
Müller, der heute im Vertrieb tätig ist, stimmt seinen Kameraden zu. Das Nation Building hält er ebenfalls nicht für nachhaltig. Allerdings unterscheidet er zwischen der Mission der Bundeswehr und dem zivilen Aufbau: „Die Bundeswehr hat ihren Auftrag erledigt. Sie sollte ein sicheres Umfeld schaffen. Das hat sie. Solange wir da waren, gab es keine Taliban. Jetzt, wo wir weg sind, sind sie zurück.” Seiner Meinung nach habe die westliche Vorstellung vom Nation Building bereits auf dem Balkan versagt: „Als ich für die Bundeswehr in Bosnien war, sah ich das Totalversagen des zivilen Aufbaus”. Im Kosovo sei es dann nicht anders gewesen. Afghanistan findet er jedoch noch viel schlimmer.
4a Gibt es also eine afghanische demokratische Kultur?
Ja ‹demokratisch› im alten Sinne, vor allem auf Stammesebene, wenn die Stammesältesten zusammenkommen [c] und über lokale politische Fragen abstimmen. Aber was heißt eigentlich ‹demokratisch›? Die Form alleine genügt ja nicht. Es geht auf jeden Fall um die Frage, ob die Bevölkerung in irgendeiner Form mitbestimmen kann, und das hängt eminent von der Bildung im Land ab. Hier war es eine Illusion des Westens, unsere gesellschaftlichen und politischen Ideen in ein Land mit einer so eigenen Geschichte und Kultur hineinzudrücken. Das mag äußerlich gelingen, aber innerlich sind die nötigen Entwicklungen noch nicht geschehen.
[...]
4b Wie kann der Westen die Entwicklung in Afghanistan unterstützen?
Der Westen kann da gar nichts unterstützen. Er hat dort nichts zu tun. Ich habe immer noch nicht verstanden, was das Engagement der letzten 20 Jahre dort sollte. Was tun wir da? Diese Kultur hat ihre eigenen Schritte zu gehen, in ihrer Art und Weise, in ihrem Tempo. Vielleicht wird es noch ein Jahrhundert dauern, bis sie dort sind, wo wir glauben, dass wir uns jetzt befinden - aber es wird auf ihre Art und Weise geschehen müssen. Demokratie baut doch auf der Würde und der Gleichheit der Menschen. Wenn nun jemand kommt, der zu wissen meint, wie du werden sollst, dann widerspricht das dieser zutiefst demokratischen Idee. Schauen wir auf Länder, die auch mit der westlichen Besatzung zu tun hatten, wie Algerien oder Ägyptem. Was tun die ersten Menschen in der Bevölkerung, die in Genuss der Segnungen der Bildung kommen? Sie wenden sich gegen die Besatzung! Dieser Übergriff des Westens hat dem Islamismus den Boden bereitet, wie beispielsweise bei der Muslimbruderschaft in Ägypten. Sie studierten und fragten sich dann: «Was tut der Westen hier?» Sie wurden von den Besatzern verfolgt und eingekerkert. [...]
Christine Gruwez
in »das Goetheanum« 37·2021; S.8
5 Ich bin kein Freund überzogener Selbstbezichtigungen [d] des Westens. Aber wir müssen in erster Linie versuchen, unsere ureigenen, zum Teil gravierenden Unzulänglichkeiten in den Blick zu bekommen und sie zu reparieren. Das bedeutet: eine Überwindung der Marskräfte in Richtung eines merkurialen Elements des Austauschs und des Verbindens, ja des Heilens im Großen wie im Kleinen, im globalen Handeln wie im Alltagsleben. Es sind wachsende Qualitäten der Bewusstseinsseele.⁵ Sie sind schon da, entwickeln sich aber nur allmählich. Noch können sie die egogesteuerten Selbstbehauptungstendenzen nicht völlig ersetzen. Auch Gruppen und Personen dürfen und müssen sich schützen. Eine ‹wehrhafte Demokratie› sollte aber wirklich wehrhaft sein, ob in der Auseinandersetzung mit destruktiven Demagogen im Innern oder mit Aggressoren von außen. Dilettantismus, Fehlkalkulationen und Ineffizienz müssen ihren Feinden nicht nur weitere Vorteile verschaffen, sondern - wie wir in den jüngsten Ereignissen gesehen haben - die eigene Glaubwürdigkeit zusätzlich untergraben. Eine ‹wahrhafte Demokratie› muss lernen, Mars in energischer Kombination mit Merkur einzusetzen.
Keine leichte Aufgabe. Denn die Selbstbehauptungskräfte sowohl der Empfindungs- als auch der Verstandes- oder der Gemütsseele entfalten sich instinktiv. Die neuen Qualitäten der fortschreitenden Bewusstseinsseele dagegen müssen bewusst ausgebildet und gepflegt werden. Die nächsten Jahre [e] dürften ausschlaggebend sein, wie gut oder wie schlecht das gelingen wird.
János Darvas
5 Der Übergang von Mars zu Merkur [f] wird in frühen Vorträgen Rudolf Steiners als wichtiges Evolutionsprinzip geschildert: «Man muss sich dabei nur ganz klar sein, das esoterisch die Erde durch die beiden Planeten Mars und Merkur zu ersetzen ist. Es steht nämlich die erste Hälfte der Erdenentwickelung [...] mit dem Mars, die zweite Hälfte [...] mit dem Merkur in einem esoterischen Verhältnis.» (GA 89, S. 73) «Durch die Marskräfte erfährt die Empfindungsseele (Astralkörper) [g] eine Auffrischung. Sie wird zu dem, was in meiner ‹Theosophie› Verstandesseele genannt wird. Durch die vom Merkur geholten Kräfte wird diese Verstandesseele wieder so aufgefrischt, dass sie bei ihrer eigenen Evolutionsstufe nicht stehen bleibt, sondern sich zur Bewusstseinsseele aufschließt.» (GA 89, S. 74)
in »das Goetheanum« 37·2021; S.13
6 »Die Windrose, der es anzuzeigen obliegt, aus welcher der vier Weltecken der Wind der Geschichte bläst, deutet mit der Aufschrift ›Recht schafft Macht‹ ins Paradiesische [h], mit ›Macht schafft Unrecht‹ ins Purgatorische [h], mit ›Unrecht schafft Macht‹ ins Höllische [h], aber mit ›Macht schafft Recht‹ ins alltäglich Irdische, und da es immer wieder der Teufelssturm ist, der über die Menschheit dahinzufegen droht, bescheidet sie sich zumeist gerne mit dem irdischen ›Macht schafft Recht‹, zwar hoffend auf das Paradieses-Wehen - keine Todesstrafe [i] gäbe es dann mehr im weiten Erdenrund -, dennoch wissend, daß das Wunder nicht kommt, wenn es nicht erzwungen wird: Das Wunder ›Recht schafft Macht‹ will, daß zuerst einmal dem Recht die Macht dazu verschafft werden möge.«
Hermann Broch
aus «Politik: Ein Kondensat (Fragment)», Essays II; S.252f
zit. nach «Menschen in finsteren Zeiten»; S.164
Unsere Anmerkungen
a] Die Skepsis gegenüber ideologischen Allgültigkeiten war schon im XVIII.Jahrhundert, dem der wohltönenden Menschenrechtserklärungen, vorhanden - siehe auch H.Arendt zur Technik als Menschheitseinerin.
b] Dieses Phänomen hat sich in unterschiedlich klaren Formen auch nach der Dekolonialisierung Afrikas und Vorderasiens gezeigt, wobei es weniger um einen einfachen Rückfall in alte Sozialgewohnheiten ging, vielmehr um ein Wiederaufflammen unterdrückter Stammeszugehörigkeiten innerhalb von fremdbestimmt willkürlich zusammengeflickten „Staatsvölkern”.
c] in einer dschirga (engl. jirga ~ Ratsversammlung), die zu gewissen Zeiten loja (engl. loya ~ gross), also alle Stämme umfassend sein kann
d] die in sich für fortschrittlich haltenden Kreisen beliebte Selbstgeisselung (self flagellation)
e] eher Jahrhunderte
f] vgl. Erden-Zustand auf Mbl.6
g] vgl. Mbl.5
h] vgl. Dante A.: «Göttliche Komödie»
i] vgl. J.R.R.Tolkien zur Todesstrafe