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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zur
INITIATIONSDIALEKTIK
1 Wenn wir zurückgehen hinter die Begründung des Christentums, finden wir zwei Arten, zwei Formen der Initiation: die Initiation des Nordens, die in jenen in Stockholm gehaltenen Vorträgen näher charakterisiert worden ist, und die Initiation des Südens, die besonders dadurch charakterisiert worden ist, daß angeknüpft worden ist an die Initiationsvorgänge der altägyptischen Kultur. Von zwei Seiten her haben sich für den Menschen der alten Welt die Möglichkeiten ergeben, in die geistige Welt einzudringen. Wenn der zu Initiierende im alten Ägypterlande die geistige Welt hat erreichen wollen, so stieg er herunter in die Untergründe der eigenen Seele, stieg herunter hinter all das, was im gewöhnlichen Seelenleben als Gedanke, Gefühl, Wollen und so weiter vorhanden ist. Dort fand er das, woraus die Seele selbst hervorgegangen ist: das göttlich-geistige Dasein der Welt. Also ein Heruntersteigen unter diejenigen Regionen der Seele, die vom Ich durchglänzt und durchdrungen sind, war das Wesentliche der ägyptischen oder der südlichen Initiation überhaupt. Dagegen war ein Heraustreten des Menschen, ein Aufgehen in den Erscheinungen der Welt in ekstatischer Art dasjenige, worauf es in der nördlichen Initiation, vor allem in den germanischen Druiden- und Trottenmysterien [auch im Schamanismus], ankam. Dann wurde auch schon charakterisiert, wie in dem, was wir die christliche Initiation nennen, diese zwei Arten der Initiation zusammengeflossen sind, und wie gleichsam die christliche Initiation die höhere Einheit darstellt der ekstatischen Initiation des Nordens und der mystischen Versenkung bei der Initiation des Südens. Damit aber ist auf einen tiefen Grund der Weltengeheimnisse hingewiesen, der durch alles Dasein geht. Im Grunde ist alles Besprechen, selbst einer so großen gewaltigen Tatsache wie das Zusammenfließen der beiden Initiationsformen des Altertums in die christliche Initiation, ein Beispiel für ein noch umfassenderes großes Gesetz, das alles Dasein der Menschen durchdringt und zu gleicher Zeit alles Dasein der äußeren Welterscheinungen, so weit es der Mensch erkennen kann, durchwebt. Das findet sich nämlich überall, daß uns entgegentreten wie Gegensätze die Glieder einer Zweiheit.[a] Diese Glieder einer Zweiheit sehen wir wie Gegensätze sich gegenübertreten in der nördlichen und in der südlichen Initiation. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Gegensätze, man könnte auch sagen Polaritäten, uns im Weltendasein entgegentreten. Und das andere, wie diese beiden Initiationsformen zusammenströmen und gleichsam eine geistige Ehe eingehen in der christlichen Initiation, ist ein Beispiel dafür, wie Gegensätze, überhaupt Zweiheiten in der Welt, sich vereinigen. Das geschieht unaufhörlich, daß sich Einheiten in Zweiheiten teilen, um die Entwickelung weiterzufördern, und daß sich Zweiheiten wiederum zur Einheit vereinigen. In äußerlicher Weise konnten wir hindeuten zunächst auf eine große, gewaltige, gleichsam über die Menschheitsentwickelung hin reichende Tatsache, die diese Spaltung einer Einheit in die Zweiheit und der Wiederzusammenströmung der Zweiheit in die Einheit darstellt.[b]
2 Wir haben öfter hineingeleuchtet in das lemurische Zeitalter, das unter anderem auch die große Tatsache der Weltenentwickelung gesehen hat, da der Mond sich aus unserer Erde herausspaltete. Aber es sah dieses Zeitalter auch noch die ersten Anfänge dessen, was wir im heutigen Sinne der Menschheitsentwickelung den Gegensatz von Mann und Weib nennen;[c] während wir in den der lemurischen Zeit vorangehenden Weitenaltern eine Einheit der Geschlechter finden würden. So haben wir eine ursprüngliche Einheit auseinandertretend in Mann und Weib. Wir haben aber auch schon darauf hingedeutet, daß in der Zukunft diese Zweiheit sich wiederum in der Einheit vereinigen werde, daß wiederum eine Einheit aus dieser Zweiheit entstehen werde. Das ist in äußerlicher Weise die Andeutung von umfassenden Tatsachenreihen, die in dieser Beziehung der Zwei zur Eins oder der Eins zur Zwei liegen.
3 Was uns so in der Menschheitsentwickelung entgegentritt, ist aber im Grunde der Ausdruck, die Abbildung eines noch größeren kosmischen Gegensatzes, der in einer Einheit wurzelt, als Zwei uns im heutigen Weltenleben entgegentritt und in einer fernen Zukunft sich wieder in eine Einheit auflösen wird. Es ist notwendig, daß wir jeden Gedanken, der uns durch Geisteswissenschaft heute gegeben wird, in seiner vollen Tiefe nehmen, daß wir uns nicht angewöhnen, die anthroposophischen Gedanken in derselben oberflächlichen Art hinzunehmen, wie andere Gedanken und Begriffe, die heute durch die Welt schwirren und die durch das Hastende und Oberflächlich-Banale unserer gegenwärtigen Kultur hingenommen werden. Die anthroposophischen Gedanken müssen so tief wie möglich genommen werden. Daher darf auch ein solcher Gedanke, wie er öfter ausgesprochen wird und gleichsam verborgen liegt in allen unseren Lehren: daß der Mensch als eine kleine Welt, als Mikrokosmos herausgeboren ist aus dem Makrokosmos,[d] aus der großen Welt, nicht bloß als ein abstrakter Gedanke leicht hingenommen werden, sondern dieser Gedanke hat unendlich vielen, hundert- und hundertfachen Inhalt. Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß die Welt tiefer ist, als man gewöhnlich glaubt, und daß, wenn man einen Gegensatz oder eine Wahrheit einmal in einer Richtung begriffen hat, man keines wegs die letzte Wahrheit über diese Beziehung oder diesen Gegensatz begriffen hat, sondern man muß geduldig überall Umschau halten, um, wenn etwas nach der einen Seite gilt, es auch kennenzulernen nach der anderen Seite.
Berlin, 9.Mär.1910 ☿ (aus «GA 116»; S.101ff)
a] vgl. R.Wilhelm zu Jang und Jin
b] siehe auch Mbl.15
c] vgl. Mbl-B.36i
ad] vgl. R.Steiner zur Entsprechung von Mikro- u. Makrokosmos
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit111600101.htm