signum akadémeias
SCRIPTVM ⁜ XXVI
Kreislauf des Geschehens
Die acht Grundzeichen des Buchs der Wandlungen
Richard Wilhelm
1 Wenn wir das Buch der Wandlungen [ji dchīng] und seine Philosophie verstehen wollen, so müssen wir davon ausgehen, daß es ursprünglich ein Orakelbuch war, das auf gewisse Fragen mit Ja und Nein antwortete. Die Antwort „Ja” wurde mit einem geraden Strich bezeichnet und die Antwort „Nein” mit einem geteilten Strich. Aber schon in sehr früher Zeit ist das chinesische Denken [a] über das bloße Orakel hinausgegangen und hat diese ganz einfache Methode dahin entwickelt, daß aus ihr allmählich eine Methode des Weltverständnisses geworden ist. Und zwar ist das Entscheidende an diesem chinesischen Denken das, daß man, während man in Europa [b] das reine Sein zugrunde legt, in China das Wesen im Wandel erkannte. Es ist das eine Zwischenstellung zwischen dem Buddhismus und der Seinsphilosophie. Der Buddhismus, der alles Sein in bloßen Schein auflöst, und die Seinsphilosophie, die das Sein als das Wirkliche faßt hinter dem Schein des Werdens, sind sozusagen zwei polare Gegensätze. Das chinesische Denken sucht nun die Vermittlung darin, daß das Gegensätzliche sich trifft in der Zeit und daß zwei Zustände, die an sich nicht vereinbar sind, dadurch vereinbar werden, daß sie zeitlich einander folgen und der eine in den anderen umschlägt. Das ist im wesentlichen der Grundgedanke des Buchs der Wandlungen, daß Gegensatz und Gemeinschaft hergestellt werden durch die Zeit.
2 Wieso ist es nun notwendig, daß wir einen Gegensatz zugrunde legen? Es ist ein Erfahrungserlebnis, daß alles, was wir erfahren, sich in Gegensätzen bewegt. Ja, zum Erleben ist es eben notwendig, daß solche Gegensätze vorhanden sind. Es muß der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt vorhanden sein, sonst ist Bewußtsein, sonst ist Erfahrung überhaupt nicht möglich. Es muß der Gegensatz zwischen Licht und Dunkel vorhanden sein, sonst ist ein Sinneseindruck überhaupt nicht möglich. Und so müssen überall die Gegensätze vorhanden sein, damit an ihnen das Bewußtsein sich entzündet. Die Gegensätze sind aber nach dem Buch der Wandlungen nicht etwas Dauerndes, sondern es sind Wandelzustände, die ineinander übergehen können. Und dadurch wird nun der Gegensatz als solcher relativiert. Es handelt sich nur darum, die richtige Stellung zu finden, um den Gegensatz zu verstehen: dann wird man nicht am einen Pol des Gegensatzes haften bleiben und dem anderen Pol dauernd negativ gegenüberstehen, sondern dann wird man, mit der Zeit fließend, die Gegensätze selbst erleben. Und worauf es ankommt, das ist die innere Anpassung an diese äußeren Gegensätze. Denn wenn es gelingt, das Innere immer in Harmonie mit der Umwelt zu erhalten, so wird die Umwelt trotz aller Mannigfaltigkeiten uns nichts mehr anhaben können. Und das ist vielleicht der Kernpunkt dessen, was Konfuzius zum Buch der Wandlungen von sich aus hinzugetan hat. Er wird in China als derjenige unter den Weisen bezeichnet, der der zeitgemäßeste war, und es ist von ihm ein Ausspruch vorhanden, daß es sich darum handle, nicht daß man eine bestimmte Haltung unter allen Umständen gewaltsam durchsetzt - denn eine solche Durchsetzung einer bestimmten Haltung wird natürlich die Gegenhaltung erzeugen und damit den Kampf verewigen, ohne daß auf der einen oder anderen Seite der endgültige Sieg sein kann; der Moment des Sieges ist ja gesetzmäßig dann wieder der Moment des Umschlags -, sondern daß man sich mit der Umwelt in Harmonie setzt, daß man im Reichtum sich so benimmt, wie es sich für den Reichen geziemt, daß man in der Armut sich so benimmt, wie es sich für den Armen geziemt, daß man unter Barbaren [c] sich so benimmt, wie es sich unter Barbaren geziemt, und so jede Lebenslage dadurch ausgleicht, daß man die Harmonie zwischen der Umwelt und dem eigenen Innern herstellt.[d]
3 Dazu ist es natürlich notwendig, daß man einen Standpunkt findet, der das möglich macht, und dieser Standpunkt ist der zentrale.[e] Wir haben gesehen: die Zeit ist dasjenige, was es ermöglicht, daß Gegensätze erlebt werden können und daß durch das Erleben der Gegensätze überhaupt Erlebnisse möglich werden. Aber wir sehen nun auf der anderen Seite, daß es wichtig ist, daß wir uns nicht durch die Zeit allein tragen lassen, sondern daß wir einen Ruhepunkt haben, von dem aus die Zeit für uns erst zur Wirklichkeit wird. Denn indem wir von der Zeit hinweggespült werden, hinweggerissen von Moment zu Moment, nur gleichsam in der Phantasie die Vergangenheit reproduzieren oder in Furcht und Hoffnung die Zukunft vorausnehmen, sind wir Objekte unter Objekten, und wir werden mechanisch bewegt durch unser Schicksal, wie eben alle rein mechanischen Objekte durch Stoß und Gegenstoß bewegt werden. Wenn es dagegen gelingt, ohne sich aus der Zeit zu entfernen, die Zeit zu erleben mit ihren Gegensätzen von einem zentralen Punkte aus: dann beginnt sich der Kreis zu schließen, und wir erleben nun die Zeit als Ewigkeit, die eben darin besteht, daß die Zeit harmonisch wird. So ist der Spruch aufzufassen: „Bewirke zentrale Harmonie”, der in dem Buch „Maß und Mitte” sich findet; das ist der Spruch, in dem eigentlich das Geheimnis der konfuzianischen Lehre ausgesprochen ist.
4 Gehen wir nun auf die Gegensätze ein, die im Buch der Wandlungen niedergelegt sind, so müssen wir, damit uns das Verständnis klar wird, uns darüber Rechenschaft geben, daß diese Gegensätze ganz abstrakt sind. Es sind wohl Symbole gegeben in einzelnen Bildern, aber hinter jedem Bild zeigt sich eine unendliche Spiegelung von Reflexen. Ich will nur als Beispiel ein derartiges Bild anführen: das Yin-Symbol. Das kann die Ehefrau sein, es kann aber auch der Sohn sein, es kann der Minister sein, es kann unter Umständen auch das Gefühlsmäßige sein gegenüber dem Intellektuellen. Es kann aber ebensogut die vegetative Natur unseres Wesens sein, die anima gegenüber dem animus. Es kann dann wieder in der Frau umgekehrt das Männliche sein, das jede Frau ja in sich auch als abgeleitet enthält [so wie der Mann das Weibliche]. Kurzum, es wird immer das sein, das irgendwie das Abgeleitete gegenüber dem Ursprünglichen ist. So formen sich diese Gegensätze. Es ist überall die Beziehung vorhanden; es ist nicht der fixierte Begriff, sondern es ist die Begriffsbeziehung, die Begriffsfunktion, innerhalb deren diese Gegensätze sich bewegen. Und dadurch ist es eben auch möglich, sie zur Gemeinschaft zu bringen. Denn sie fordern einander heraus.
5 Die Grundlage alles Daseins wird im Buch der Wandlungen dargestellt als Tai Gi [daì gi]: ⚊, das ist der große Pol, der Eintritt in die Erscheinung, die Eins,[f] die Setzung, kurz, ebenso wie im Westen dasjenige, von dem alles Weitere ausgeht. Aber das Geheimnis des Buchs der Wandlungen ist nun eben das, daß, indem die Eins gesetzt ist, schon der Gegensatz gegeben ist. Goethe sagt einmal, daß jede betonte Behauptung sofort den Widerspruch aus sich erzeugt. Ebenso ist damit, daß im Raum eine Eins gesetzt ist, ein Strich, schon der Gegensatz gegeben; denn nun ist der Raum in ein Oben und ein Unten geteilt oder, wenn man den Strich aufrecht stellt, in ein Rechts und ein Links oder ein Vorn und ein Hinten. Die sechsfache Ausdehnung des Raumes,[g] wie es chinesisch heißt, ist mit diesem einen Strich, mit der Position als solcher, schon gegeben. Das Abgeleitete tritt als polare Zweiheit durch diese Setzung in die Erscheinung. Innerhalb der Welt des polaren Gegensatzes wird nun wieder der primäre, positive Pol durch einen ungeteilten (Yang-)Strich bezeichnet und der sekundäre, negative Pol durch einen geteilten (Yin-)Strich. Zusammen mit der Ursetzung erhalten wir daher eine Dreiheit als Grundlage der Wirklichkeit. So heißt es bei Lau Dsï: Die Eins erzeugt die Zwei, die Zwei erzeugt die Drei, und die Drei erzeugt alle Dinge.
6 Das wird nun als der Anfang gesetzt für alle Erscheinungen, und das Nichthandeln, das ja im Taoismus [Dauismus] und ebenso im Konfuzianismus eine große Rolle spielt, ist nicht der Quietismus in unserem Sinne, sondern es ist die Bereitschaft, innerhalb der Erscheinungen die Rolle zu spielen, die durch Zeit und Umwelt dem Menschen jeweils gegeben ist.
7 Die möglichen Kombinationen von drei entweder geteilten oder ungeteilten Linien sind 2³ = 8. Daher benützt das Buch der Wandlungen für die weitere Abbildung der gestaltenden Kräfte der Wirklichkeit eben diese acht möglichen Ursymbole oder Grundzeichen (Ba Gua [ba gua]).
8 Wenn wir die Yanglinie als stark und die Yinlinie als weich (positiver und negativer Pol) bezeichnen, so bekommen wir folgende acht Zeichen [Trigramme] aus ihrer Kombination.
9 Zunächst das Zeichen ☰, das die Bezeichnung Kiën, das Schöpferische, hat. Wir haben hier drei ungeteilte Striche, die als solche stark sind. Das ist das Starke, das Ungeteilte, das in der Tendenz geradlinig nach vorwärts Strebende. Der Gegensatz dazu sind die drei geteilten Striche ☷, das ist Kun, das Empfangende. Und wenn Kiën die Zeit ist, so ist Kun der Raum, das sechsfach Ausgedehnte, während die Zeit das Eindimensionale ist insofern, als die Bewegung immer vorwärts gerichtet ist. Es gibt keine rückwärtsgerichtete Bewegung für Kiën, das Schöpferische.[h] Die Bewegung kann aufhören. Wenn sie erlahmt, hört die Bewegung einfach auf. Aber wenn das Schöpferische sich bewegt, bewegt es sich direkt vorwärts. Dagegen Kun, das Räumliche, bewegt sich nicht, oder vielmehr die Bewegung ist eine innere. Sie wird aufgefaßt als ein Sich-Teilen, und der Ruhezustand wird aufgefaßt als ein Sich-Schließen, also nicht eine Bewegung, die auf das Objekt gerichtet ist, sondern eine in sich geschlossene Bewegung.
10 Das ist der Grundgegensatz, der in der Welt vorhanden ist: diese beiden Prinzipien des Schöpferischen und des Empfangenden. Gott und Natur würde es Goethe nennen, Himmel und Erde sind das geläufigste Bild, das wir diesem Gegensatzpaar beiordnen können. Aber man muß sich immer im klaren darüber sein, daß das nur Bilder sind, die gleichsam den Gedanken zum Anhaltspunkt dienen, die aber nicht irgendwie fixiert werden dürfen. Es muß alles fortwährend beweglich, flüssig, sich wandelnd bleiben. So kann z. B. das eine das Geistige sein, das andere das Materielle; das eine kann innerhalb des Geistigen das Intellektuelle sein, das Schöpferische, das andere das Gefühlsmäßige. Es eröffnen sich unendliche Perspektiven; es kommt immer auf die Beziehungen an, in denen die beiden Zeichen zueinander stehen.
11 Wenn das Zeichen Kiën ☰ als Vater und das Zeichen Kun ☷ als Mutter bezeichnet wird, so werden diesen Zeichen die sechs Kinder beigeordnet, und zwar zunächst, indem die Mutter sich einen Strich vom Vater, vom Schöpferischen, holt, der älteste Sohn ☳, der seiner Substanz nach der Mutter ähnlich sieht (die Söhne schlagen nach dieser Auffassung der Mutter nach, die Töchter dem Vater, aber natürlich auch wieder nur in sehr übertragenem Maße; man könnte ja auch von Großeltern sprechen usw.). Der zweite Sohn ☵ und der dritte ist ☶. Die Töchter sind nun umgekehrt. Da ist die älteste Tochter ☴. Das väterliche Prinzip ist oben hingestellt, als entscheidender Strich das Weibliche. Dann haben wir die mittlere Tochter ☲ und die jüngste Tochter ☱. Wir haben also:
Kiën [dchián], das Schöpferische [Himmel],
Kun [khun], das Empfangende [Erde],
Dschen [tschèn], das Erschütternde [Donner],
Kan [khan], das Abgründige [Wasser],
Gen [gèn], das Stillehalten [Berg],
Sun [chsùn], das Sanfte [Wind],
Li [lí], das Klare, das Haftende [Flamme],
Dui [duÌ], das Heitere [See].
12 Der älteste Sohn, Dschen ☳, ist die Ätherenergie, das Erschütternde, die Elektrizität, die sich z. B. im ersten Frühjahr im Boden regt.
13 Beim zweiten Sohn, Kan ☵, haben wir die Energie auf ein anderes Gebiet übertragen, das ist das Wasser, und zwar das Wasser, das in Bewegung ist: „Zum Himmel steigt es, vom Himmel kommt es, ewig wechselnd.”[i] Es ist der Wasserfall, der in die Tiefe sinkt, zerstäubt, als Wolke emporsteigt und als Regen wieder herabfällt. Das ist das Abgründige,[k] insofern es keine Grenzen kennt, sondern sich ohne Bedenken in die Tiefe stürzt. Die Bewegung zeigt sich in dem einen zentralen Strich der Aktivität, begrenzt von den beiden geteilten Linien.
14 Die Bewegung findet ihre Grenze im dritten Sohn, Gen ☶, das ist der Berg, das Stillehalten. Hier ist das Starke oben und das Weiche unten, und hier zeigt sich nun die Bewegung vegetativ. Denn der Berg hat in China einen ganz anderen Sinneszusammenhang, als wir ihn im Europäischen haben. Der Berg wird in China aufgefaßt mit der Umwelt, mit den Wäldern, die darauf wachsen, mit allen Pflanzen, die er sprießen läßt, mit allen den Tieren, die er erzeugt, mit den Wolken, die er weit über das Land hinaussendet, das er durch sie mit dem nötigen Naß versieht: der Berg wird aufgefaßt als Lebenszentrum. Das ist die Idee, die diesem Zeichen Stillehalten zugrunde liegt. Indem hier das Himmlische gleichsam auf Erden konzentriert ist - unten das Irdische und oben das Himmlische -, werden die atmosphärischen Einflüsse herabgezogen, und das Leben kommt in Harmonie.
15 Eine ähnliche Bewegung findet sich bei den drei Teilzeichen, die die Töchter darstellen. Das erste ist das Zeichen Sun ☴, das Sanfte, das Eindringende. Das Bild ist hier der Wind. Der Wind ist überall, in alle Fugen Eindringende, nicht mit Gewalt, sondern eben das, was allgegenwärtig ist, weil es sozusagen unkörperlich ist. Es ist nun interessant, dieses Zeichen mit seinem Gegenzeichen zu vergleichen. Dort im Zeichen Dschen ☳ haben wir die elektrische Erschütterung, den Donner (in Europa würden wir sagen „Blitz”, es ist aber genau dasselbe gemeint), und hier im Zeichen Sun ☴ haben wir das Eindringen der Luft. Es ist also hier etwas mehr dem Materiellen Zugekehrtes als beim ersten Zeichen, und es ist daher auch in der Art der Bewegung, obwohl das auch ein sehr bewegtes Element ist, doch wieder anders: es ist nicht aktiv, sondern es ist sich anpassend, reaktiv, es schmiegt sich, fügt sich und setzt sich dadurch in seiner Energie durch. Sun ist z. B. auch das Holz, das mit seinen Wurzeln überall eindringt und alles ansaugt, was an Lebenssäften im Erdreich vorhanden ist, und sie dann emporführt.
16 Eine sehr merkwürdige Konstellation haben wir im Zeichen Li ☲. Hier sind die beiden starken Striche außen und der dunkle, der schwache Strich innen. Das ist die Flamme, ist das Haftende. Denn die Flamme ist nicht etwas, das selbständig besteht, sondern es muß etwas da sein, das brennen kann: dann erst kann die Flamme sich zeigen. Man sieht hieraus, wie dynamisch im Chinesischen das alles aufgefaßt ist. Wenn wir vom Element Feuer reden, so denkt man in Europa häufig die Elemente als Stoffe [l] oder hat sie wenigstens so gedacht: es gibt einen Luftstoff, einen Feuerstoff, einen Wasserstoff und einen Erdstoff. Es war jedenfalls diese Auffassung in Europa in weiten Kreisen vorhanden. In China gibt es keinen Feuerstoff in diesem Sinne, sondern das Feuer ist ein Vorgang, der auf einer Verbindung von anderen Dingen beruht: es muß Holz vorhanden sein, damit die Flamme entstehen kann. Daher hat das Haften an etwas auch die Bedeutung Beruhen auf etwas und damit: die Klarheit, das Licht. Auch hier haben wir den Gegensatz zu Kan ☵. Und da kommen wir, wenn wir das ins Kosmische übersetzen, auf etwas sehr Merkwürdiges. Hier handelt es sich um eine Sonne, die als solche auf dem Himmel beruht. Die Sonne ist für uns wohl die Quelle des Lichts. Aber die Sonne ist für den Chinesen nichts Primäres, sondern sie ist sozusagen die Konzentration des himmlischen Lichts; das, was vom Himmel an Licht auf die Erde herniederstrahlt, ist für uns in der Sonne konzentriert. Aber die Sonne beruht auf der himmlischen Kraft als solcher. Ebenso wie Kan der Mond ist. Es gibt dementsprechend in China Hohlspiegel, mit denen man „das Feuer von der Sonne holt”, und Konvexspiegel, die gewöhnlichen magischen Spiegel, mit denen man, wie es heißt, „das Wasser vom Monde holt”. (Es handelt sich um eine mißverstandene Naturbeobachtung: indem man in kühlen Herbstnächten den glatten Spiegel nach dem Monde zu richtet, sammelt sich natürlich das Wasser des Taus auf ihm, ganz ähnlich wie das Feuer sich beim Brennspiegel sammelt, wenn man ihn auf die Sonne richtet.)
17 Die jüngste Tochter, Dui ☱, das Heitere, ist auch gleichsam das Ende der Bewegung. Hier haben wir das Weiche oben, das Starke ist durch das Weiche verschönt. Es ist ein lächelnder Mund, der hier symbolisiert ist, das lächelnd Heitere, das aber als Heiteres doch auf einer schwermütigen Grundlage beruht. Und hier ergibt sich eine merkwürdige Beziehung. Während Dschen der Frühling ist, ist Dui der Herbst. Der Herbst ist heiter, er ist die Erntezeit, da die Früchte eingeheimst werden. Aber der Herbst ist trotz der Heiterkeit auch die Zeit des Gerichts. Denn da fängt der Tod an. Und in dieser letzten, alles vergoldenden Heiterkeit liegt eine gewisse Strenge verborgen, die sich zunächst noch nicht zeigt, die aber im Innerlichen doch schon vorhanden ist. Als Natursymbol hat dieses Zeichen Dui den See. Es ist aber nicht der See als Wasser gefaßt (denn das Zeichen ist auch dem Metall beigeordnet), sondern es ist der See unten am Berg. Es können auch die Dünste sein, die sich aus dem See erheben und auf der Erde lagern, das nichtbewegte Wasser, das dunstige Wasser, der See, der Sumpf, kurz, alle die Erscheinungen des Wassers, die von dem anderen Symbol für Wasser, Kan, von dem aktiven Wasser, sehr wesentlich verschieden sind: das Ruhende im atmosphärischen Wasser. Gen ☶ ist das Ruhende im Irdischen, das aber durch das Himmlische lebensfähig ist, Dui ☱ dagegen ist das Ruhende des atmosphärischen Wassers, das durch das Irdische heiter gestaltet ist. Das ist ebenfalls ein ganz charakteristischer Gegensatz.
18 Die acht Zeichen finden sich je nach der Betrachtungsweise, der sie unterstellt werden, im Buch der Wandlungen in verschiedener Reihenfolge angeordnet.
19 Ein sehr fruchtbare Meditationsanordnung, die den Prozeß der Lebensentwicklung in seinem geschlossenen Kreislauf darstellt, ist in einem alten Mantram des Abschnitts Schuo Gua [schua gua], Besprechung der Zeichen, Kap.2, §5, gegeben¹.
20 Die bildliche Darstellung mit beigeschriebenen Himmelsrichtungen und Tagesstunden ist nach der europäischen Auffassung (Norden oben) wiedergegeben.
Schua Gua Mandala
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¹ Vgl. das Buch der Wandlungen, Bd. I, S. 202ff. [S.246ff], Eugen Diederichs Verlag, Jena 1924.
[...]
aus «Der Mensch und das Sein»; S.155ff
ADNOTATIONES
a] siehe auch GRANET, M.: «Das chinesische Denken»
b] vor allem in Deutschland
c] vgl. A.Borst zur Barbarei
d] vgl. 1Kor.9,19-22
e] vgl. H.Pfrogner zu Tönen und Tao
f] vgl. G.Scholem zum Aleph als Offenbarung
g] vgl. Mbl.05: Anm.1
h] wohl aber für die Zeit, deren Strom nur im Irdisch-Physischen vorwärts in die Zukunft fliesst, im Lebendig-Seelischen jedoch rückwärts in die Vergangenheit
i] siehe J.W.v.Goethe: „Gesang der Geister über den Wassern
k] vgl. Abgrund
l] eigentl. als Substanzen, die sich bis in die Aggregatzustände manifestieren