zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Jacob BURCKHARDT zu
NATURWISSENSCHAFT, TECHNIK und POLITIK
1 Um 1900 herum hat ein großer Teil der naturwissenschaftlich Geschulten ihre durch strengste Denktätigkeit überlegene Methodik sowie die Präzision erreichter Erfahrung doktrinär als eine Wahrheit schlechthin postuliert. Diese »Wahrheit« hat sich den vielgestaltigen metaphysischen Symbolen entgegengesetzt und hat vorerst ihre eigene Stellung mit dem Namen »Positivismus« bezeichnet. Dadurch hat sie, wie im Falle aller Ismen, auch einen kämpferisch-politischen Weg eingeschlagen. Seither hat sie sich mit Rückschlägen unwiderstehlich weiterentwickelt. Ihre akzelerierte Entwicklung trug jedoch unvermeidlich in sich selbst Widersprüche und führte bisweilen zur Auflösung schon erreichter Ergebnisse. Gerade unter den bedeutendsten Vertretern der Forschung stellten Zweifel am Positivismus sich ein. Ein großes, vorsokratisch anmutendes Staunen folgte wie eine kurze Fermate, und der Gedanke tauchte auf, daß das immer reicher werdende naturwissenschaftliche Wissen näher zur Erkenntnis führe, wie gewaltig noch unser Nichtwissen sei. Jedoch schon bald klang diese Ahnung, in deutlichem Zusammenhang mit politisch-sozialen Einflüssen, wieder ab. Schon sprach man von »Neopositivismus«, und augenblicklich, der politischen Komponente dieses Begriffes wegen, entstand aufs neue Abwehr. Sie ging von einer Richtung aus, die weder mit »rechts« noch mit »links« charakterisiert werden kann. Sie entstand gewissermaßen aus einer neuen Dimension.
2 Wissenschaft erfordert Ordnung. Jede Ordnung aber, und mit ihr die unerläßlichen Reste von Autorität, werden heute von bestimmten Gruppen prinzipiell abgelehnt. [...] Alle Grundsätze werden verworfen. Zur Durchführung von Ordnungsprinzipien, welcher Art immer, ist ein gewisses Maß an Macht unerläßlich. Macht aber wird abgelehnt. Die Übertreibung der Macht durch sich selbst hat sie geächtet. In den dreißiger und vierziger Jahren hat sich eine so unheilvolle Übertreibung äußerster Art auf einer sehr niedrigen Ebene vollzogen, so daß jetzt alle Ordnung schaffenden und bewahrende Werte kompromittiert sind, und dies in einem Augenblick, in dem die Vertreter europäischer Gesittung überall ihre Vorherrschaft über Völker anderer Kontinente aufgeben mußten und begannen, es als ihre Aufgabe anzusehen, als Lehrer und Helfer aufzutreten. Gerade dieses Bestreben wird durch die unausrottbare innere Gegensätzlichkeit des heute vorhandenen Ideengehalts europäischen Ursprungs weitgehend erschwert.
3 Wiederholen wir: Die exakte Wissenschaft ist eine grandiose und auch eine Hoffnung schenkende Macht. Nach der Selbstzerfleischung der [Europäer] im Laufe unseres Jahrhunderts war ein Großteil der damaligen Generation bereit, die Ergebnisse dieser Wissenschaft - wie ihre Großväter um 1900 herum - als einen allen gemeinsamen absoluten Wert des Fortschrittes aufzufassen. Die Leistung der im Verhältnis zur Gesamteit so schmalen Gruppe naturwissenschaftlich-technischer Schöpfer erschien vorerst als gemeinsame und unvergleichliche Tat.
4 Alles wurde als eine Art von Kollektivleistung der abstrakten Menschheit betrachtet, die es erlaubt, nun an Stelle menschlicher Pflichten unbegrenzte Menschenrechte [a] zu fordern. Aus diesem Bewußtsein wurde vorerst ein Stolz bezogen, der jeden einstigen Stolz zunichte machte. Aber gerade dieses sich mit der Einsicht der wirklichen Forscher nicht deckende triumphale Massengefühl mußte innerhalb dieser Massen bald zu einem Rückschlag führen; ja vorerst, als alle an allem Anteil zu haben glaubten, wurde die große, aus dem Programm der französischen Revolution herausgegriffene These der Gleichheit, auf Grund einer durch alle Massenmedien so eindrücklich gemachten Herrschaft über die Naturkräfte, derart stark zur Dominante, daß schließlich wieder ein Zusammenstoß zwischen dem Gleichheitsstreben und dem ewigen Freiheitsbedürfnis nicht ausbleiben konnte.
5 Plötzlich entdeckte man, daß man gar nicht gleich sei, daß man nämlich am neuerworbenen Wissen des Zeitalters gar keinen Anteil habe. In der Tat, die meisten Angehörigen des 20. Jahrhunderts müssen ihre Lebenszeit verbringen, ohne die neuen Erkenntnisse, die über das Universum gewonnen wurden, wirklich verstehen zu können. Das Latein der einstigen Gelehrten, dieses Privileg ist durch die mathematische Sprache der Wissenschaft ersetzt worden.[b] Das Ergebnis dieses Vorganges besteht in einer viel größeren Ungleichheit als jeder andern, die auf geistigem Gebiete früher jemals bestanden hatte.
6 Naturwissenschaft bis zur Medizin mit ihrem überraschenden Können sowie jede höhere Technik übertreffen die Einsicht der meisten, und gerade dies bewirkt nun so stark und so oft das Gefühl beinah der Erniedrigung. Manche sehen in ihrer Unkenntnis der heutigen Ergebnisse sowie der Mittel, durch die sie erreicht wurden, eine der größeren Gefahren für die Gegenwart, und auch mit diesen Gefahren hat der politische Weise sich auseinanderzusetzen.
7 Ein besonders sichtbares Charakteristikum der auf mathematischem Wege erreichten stupenden Möglichkeiten liegt auf dem Gebiet der Schnelligkeit, also des Phänomens, das schon mit merklicher Unruhe von großen Geistern des letzten Jahrhunderts bedacht worden ist. Die Distanz hat ihr ursprüngliches Verhältnis zur Fortbewegungsmöglichkeit des Menschen verloren. [...] In solchen Aussprüchen macht sich die Tendenz zu einer Relativierung bestimmter technischer Errungenschaften bemerkbar. Meist wird dies zwar noch nicht bewußt, auch wurden derartige Regungen dem rechtzeitig sich einstellenden Wort »Kulturpessimismus« untergeordnet. Immerhin, neben schrankenloser Begeisterung stellt sich ein Unbehagen ein, gewisse Schauer angesichts der Resultate von Chemie und Physik, durch Popularisierung entstandene Angstgefühle machen sich bemerkbar, ohne daß dadurch präzise Reaktionen entstünden, deren deutliche Absicht es wäre, den Vorgang, dem wir und die ganze Natur ausgeliefert sind, seiner möglichen Folgen wegen einzuschränken oder zu lenken.
8 Ähnlich verhält es sich mit der Abneigung angesichts der unerläßlich gewordenen Maschinen, die das menschliche Denkvermögen beschleunigen oder angeblich ersetzen.[c] Auch ihrer Anwendung im Dienste statistischer und analytischer Methoden gegenüber entsteht Mißtrauen, das Mißtrauen gegen die Leistung des Computers; den Nichteingeweihten erscheint er unheimlich. Eine Unzufriedenheit gegenüber den finanziellen Anforderungen, die die Förderung von Wissenschaft und Technik stellt, wird sichtbar.[d]
in „Philosophen und Staatsmänner (1960)” aus «Gesammelte Werke 2»; S.368ff
a] vgl. Ph.Sarasin zur Menschenrechtsidee
b] vgl. G.Galilei dazu
c] siehe R.Halfen zur Anthropomorphisierung der Technik
d] vor allem im Hinblick auf die existenzielle Not vieler Millionen Menschen, die zu lindern Naturwissenschaft und Technik zwar immer wieder versprechen, nicht jedoch vermögen
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit028180368.htm