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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
TEMPELSCHÄNDUNG und MAKKABÄER
1 Seinen Höhepunkt erreicht der dämonische Haß, der dadurch verrät, daß er sehr gut weiß, wo das Herz des wahren Messianismus schlägt, in der Schändung des [Jerusalemer] Tempel°s durch die Errichtung des Zeus-Antiochus-Bildes an uralt-heiligster Stätte (im Jahre 168v). Nun ist die dunkle Widersachermacht, die im Geistgebiet gegen das Kommen des Messias ankämpft, der Antichrist, in Menschengestalt sichtbar abgebildet. Ein Welten-Symbol hat der Tyrann gestiftet, das dem jüdischen Volke einen unendlichen Schrecken einjagt, das aber zugleich die gewaltigste Aufrüttelung und Befeuerung seiner seelischen Kraft bedeuten muß. Ist doch das Geheimnis, obwohl man nicht davon zu sprechen wagt, allen bekannt: bevor der Christus kommt, muß sich der Antichrist offenbaren; und wenn die Gegenmacht auf den Plan tritt, so ist die Ankunft des Messias° nicht mehr fern.*
* Der griechische Name Christos [ὁ χριστός] ist die genaue Übersetzung des hebräischen Wortes Messias.
2 Wir stehen an einem Punkte der Geschichte, wo mehr noch als sonst das Schwergewicht und die Realität des Geschehens nicht in der Ebene der irdischen Sichtbarkeit, sondern im Überirdischen liegt. Geisterkämpfe spielen sich ab, in denen sich auch äußerlich imponierend und laut und anspruchsvoll nur die eine Seite darstellt, auf der die Mächte stehen, die dem wahren Fortschritt widerstreiten. Die Menschen, die auf der anderen Seite kämpfen, sind von außen gesehen unscheinbar und still. Die Geschichte geht hier wieder einmal nicht durch die auftrumpfenden Machthaber weiter, die jeden Widerstand rücksichtslos niederschlagen können, sondern durch die stillen, schweigenden Gestalten, die sich der Macht nicht beugen und ihre geistergebene Stärke und Treue mit Leid und Tod besiegeln. Der protzige Tyrannenwille wird geistig besiegt durch die Opfer, die er aus dem Weg zu räumen vermeint, indem er ihr Blut vergießt.
3 Als die eigentlichen Träger des fortschreitenden geschichtlichen Werdens, als die siegreichen Bahnbrecher der Zukunft und des in ihr keimenden Götterwillens werden uns in den Makkabäer°-Büchern einige wenige, zumeist nicht einmal mit Namen genannte Menschen gezeigt, die, als der anti-messianische Greuel in Jerusalem° seinen Höhepunkt erreicht, den Märtyrertod erleiden: ein 90jähriger Greis und eine betagte Witwe mit ihren sieben Söhnen.
4 Das Mysteriendrama dieses stillen, aber bis in alle Himmel hinein leuchtenden Geistessieges ist im zweiten Makkabäerbuch (im 7. Kapitel), als solle von einem Geheimnis der Schleier nicht völlig hinweggezogen werden, nur als eine Episode mit kurzen Strichen geschildert. Erst das apokryphe vierte Makkabäerbuch handelt ausschließlich davon und zeigt, wie hell und befeuernd das Vorbild gerade dieser Märtyrerschar um die Zeitenwende und noch zur Zeit der Christenverfolgung gewirkt hat.
5 Ein Geheimnis umwebt die Gestalten, die da nacheinander unter den schrecklichsten Folterungen ihr heldenmütiges Bekenntnis ablegen und schließlich mit dem qualvollsten Tode besiegeln. Nur der Greis, der den sieben Männern und Jünglingen im Märtyrium vorangeht, wird mit Namen genannt. Sein Name Eleasar° ist die hebräische Form des im Neuen Testament gräzisierten Namens Lazarus. Von ihm wird gesagt, daß er unter den Weisen und Gelehrten der Juden einen hohen Rang einnahm und daß seine Gestalt, als er vor seine Peiniger hintrat, in leuchtendem Würdeglanz erstrahlte. In ihm erleidet einer den Tod, dessen Seele gleich der des alten Simeon im Tempel ganz und gar von dem Geiste der stillen, frommen Messias-Erwartung erfüllt ist. Die sieben Söhne der alten Witwe werden nicht mit Namen genannt. Wir fühlen zwar, daß jeder von ihnen eine völlig eigengeprägte Individuallität ist und daß sie zusammen wie die Töne einer Oktave auf bedeutungsvolle Art eine Ganzheit bilden, aber wir vermögen die Wesensumrisse der einzelnen durch den leise darüber ausgebreiteten Schleier nicht deutlich zu erkennen. Dafür wird durch die ganze Art der Darstellung eine Ahnung in uns wachgerufen: sind diese sieben Männer wirklich nur im äußeren, zufälligen Sinne Söhne einer Witwe, oder sollen wir durch das äußere Bild hindurch im Seelisch-Geistigen die Wahrheit dieser Bezeichnung noch einmal wiederfinden? Sind sie nicht vielleicht auch »Söhne der Witwe« im Sinne der Mysterien, in denen die Eingeweihten so bezeichnet wurden?¹⁴ Vielleicht sendet in den sieben Söhnen der Witwe und ihrer Mutter eine ganz dem Geist hingegebene messianische Strömung, die es neben den pharisäischen Kreisen noch gibt, die aber sonst durchaus in der Mysterienverborgenheit verbleibt, ihre edelsten Vertreter in die Arena der Geschichte, wo sie dann stellvertretend für ihr ganzes Volk Folterung und Tod erleiden. Wenn die Makkabäerbücher hervorheben, die Peiniger hätten versucht, ihre Opfer zur Übertretung der Speisegesetze zu zwingen, so mag das ein Hinweis darauf sein, daß Eleasar und die Witwe mit ihren Söhnen dem stillen Lebenskreise des Essäerordens angehörten, in welchem ja wie bei den Nasiräern die Einhaltung bestimmter Ernährungsgebote zu den vornehmsten Seelenübungen gehörte.
6 An der Geschichte von den sieben Söhnen der Witwe läßt sich eine wichtige Figur des geschichtlichen Werdens erkennen. Es gibt in dem Geschehen vor und nch dem Christus-Ereignis eine stille, aber bedeutungsvolle Symmetrie. Die Märtyrer des apostolischen Zeitalters haben ihre Entsprechung im letzten Abschnitt der alttestamentlichen Entwicklung. Die Vorgänge der Makkabäerzeit sind wie eine prophetische Vorausspiegelung dessen, was im Urchristentum geschah. Das Ereignis von Golgatha ist die geistdynamische Mitte. Das Herannahen der Christuswesenheit an die Erdenverkörperung wird von ähnlichen Zeichen der Zeit begleitet wie ihr erstes menschheitliches Wirken nach dem Durchgang durch den Erdentod. Der Gedanke an das baldige Kommen des ersehnten Heilandes gab den Märtyrern am Ende des Alten Testamentes die Kraft, dem Tode mutig und froh ins Auge zu schauen. Was konnte ihnen der Tod anhaben, der sie doch in die Welt einführte, die zu verlassen sich der Christus eben anschickte, in der er aber noch wesenhaft anzutreffen war? Halfen nicht die grausamen Henker den geistergebenen Seelen, dem Messias entgegenzugehen und ihn als von der Menschheit ausgesandte Boten zu empfangen? Die Märtyrer der Makkabäerzeit starben für den Christus, der im Kommen war; die des Urchristentums für den, der nun schon wieder über die menschliche Gestalt, in der er verkörpert gewesen, hinauswuchs.
S.65ff
14 Siehe »Moses und sein Zeitalter«: »Die Geburt der Messiaserwartung«. Der Baumeister Hieram und der Prophet Elias als »Söhne der Witwe« siehe »Könige und Propheten« S. 148f und S. 187.
S.359
aus «Cäsaren und Apostel»
° zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch
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