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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
ESRA und den PHARISÄERN
Eine zweite geistige Gründung Esras, die wie keine andere dazu geeignet war, dem nachexilischen Judentum seine Gestalt und Geschlossenheit zu geben, entzieht sich, da sie das esoterische Leben betrifft, den äußeren Geschichtsüberlieferungen, kann aber doch mit Deutlichkeit aus dem Verlauf der Entwicklungen geschlossen werden: es ist die Inauguration des Pharisäer*ordens. Wir haben äußere Kunde über die Existenz der Pharisäer ähnlich wie über die Essäer erst aus der Makkabäerzeit [165v-63v]. Aber bei esoterischen ordensartigen Gemeinschaften ist es stets falsch, die Entstehung in die Zeit zu verlegen, in der ihrer zum erstenmal öffentlich Erwähnung getan wird. Daß über esoterische Gruppen vor aller Welt gesprochen wird, ist ein Zeichen dafür, daß ihre echte Blütezeit bereits abgelöst worden ist. Und in der Tat sehen wir, wie das Pharisäertum in der Zeit der Makkabäer und erst recht zur Zeit Jesu* kaum mehr etwas von seinem spirituell-okkulten Ursprung erkennen läßt und statt dessen jener fanatischen Überheblichkeit und haßerfüllten Pedanterie verfallen ist, die den Pharisäer geradezu zu einer lächerlichen Figur macht.
Pharisäer heißt »die Abgesonderten«. Es liegt nahe, daß ihre Gemeinschaft als eine okkult-geschulte Führergruppe gerade in der Zeit ihre sauerteigartige Wirksamkeit begann, als das ganze jüdische Volk, um seine messianische Aufgabe zu retten, mehr als vorher zu einer Schar von »Abgesonderten« werden mußte: nach Ablauf des [babylonischen] Exils.
Esras bedeutungsvolle Rolle innerhalb des jüdischen Schriftgelehrtentums ist immer erkannt worden. Er war nicht der erste Schriftgelehrte. Aber er bedeutete innerhalb der längst bestehenden Kreise der Sopherim* einen entscheidenden Neubeginn, die Hinleitung einer neuen geistigen Substanz in ihre Institution. Es spricht alles dafür, daß er dem theologischen Betrieb seinen reformatorischen Impuls dadurch einverleibte, daß er eine ordensmäßig zusammengeschlossene Kerntruppe unter den Schrftgelehrten stiftete, die durch ihre genau vorgeschriebene okkulte Schulung in der Stille einen Strom unmittelbaren apokalyptischen Geist-Erlebens rege zu halten hatte.
Die Pharisäer haben den esoterischen Charakter und Inhalt ihres Ordens sorgfältig verborgen gehalten. Aber hie und da ist doch etwas darüber durchgesickert. So gibt es Überlieferungen von zehn Heiligkeitsgraden, die auf dem Weg der pharisäischen Exerzitien angestrebt wurden:
1. die Stufe des Lernenden, der durch das ausführliche Studium des Gesetzes Umsicht erwirbt,
2. das Noviziat, gekennzeichnet durch das Symbol des Schurzes,
3. die Stufe der Entsündigung durch genau vorgeschriebene Waschungen und durch die Wassertaufe,
4. das Zölibat, die Loslösung von der Geschlechtlichkeit,
5. die Stufe der inneren Reinheit und Gedankenzucht,
6. ein höherer Grad, dessen Inhalt nicht angegeben werden durfte,
7. die Stufe der Sanftmut,
8. der Abscheu vor jeder Sünde,
9. die Stufe der Heiligkeit,
10. die Fähigkeit, Kranke zu heilen und Tote zu erwecken.⁹³
S.321f
93 Siehe Mead, Fragmente eines verschollenen Glaubens, deutsche Übersetzung von Ulrich, S. 110. Dort wird auf alte Quellen zurückgegriffen, die aber leider nicht näher bezeichnet sind.
S.341
aus «Könige und Propheten»
* zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch