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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
ESRAS BIBELREDAKTION
Wie Hesekiel* entstammte Esra* dem hohenpriesterlichen Geschlecht der Zadok-Söhne, die später zu der religiösen Partei der Sadduzäer* wurden. Aber in der Zeit [597v-515v] als in dem tempellosen Volk* alle priesterlichen Betätigungen ruhten, gab er sich mit all seiner Kraft der Ausbildung und Ausgestaltung des Schriftgelehrtentums hin. Die Bibel nennt ihn »den Priester, den Schriftgelehrten, der ein Lehrer Israels* war in den Worten des Herrn und in allen seinen Geboten« (Esra 7, 11). Die Schriftgelehrsamkeit, die unter den Judäern in Anlehnung an die babylonischen Weisheitsschulen gepflegt wurde, damit man im vorgelesenen und ausgelegten Bibelwort einen Ersatz für den Kultus hatte, wurde durch den umfassenden und eindringenden Geist Esras auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit emporgehoben.
Die grundlegende Tat, die Esra hier zu erfüllen hatte, war die Schaffung des alttestamentlichen Kanons. Aus der unübersehbaren und ungeordneten Fülle heiliger Schriften, die überall unter den Juden im Umlauf waren, wählte er diejenigen aus, die fortan als Bestandteile der Bibel selber gelten sollten, gab ihnen die endgültige, zugleich strenge übersichtliche Form, deren sie für den kultischen Gebrauch bedurften, und fügte sie zu der geistentsprechenden Gesamtkomposition zusammen. Bei diesem Werke durfte keine Willkür im Spiele sein; nur einer, der in hohem Grade die Fähigkeit besaß, Geistiges zu erkennen und zu unterscheiden, war dazu imstande. Es galt nicht nur zu erkennen, welche Schriften wirklich aus göttlicher Offenbarung stammten. Denn es gab naturgemäß in großer Zahl Bücher, die zwar aus höheren als bloß menschlichen Erkenntnisquellen entstanden waren, in denen aber der imaginativ-bildhafte Charakter überwog und noch gar nicht unter der Kontrolle des ichhafteren, formgebenden inspirativen Bewußtseins gestellt war* Die bloß bis zum imaginativen Bilderwogen emporreichenden Schriften konnten nur zum apokryphen Umkreis der »Heiligen Schrift«, nicht aber zur Bibel selbst gehören. Das Vorhandensein eines echten inspirativen Einschlags war die Vorbedingung für die Aufnahme einer Schrift in den biblischen Kanon, weil nur dadurch der Text einer klar-gedanklichen Auffassung zugänglich wurde. Esra hätte die zur Festsetzung des Bibelkanons notwendige geistige Souveränität und Autorität nicht besessen, wenn er nicht selbst Herr über das imaginative und inspirative Bewußtsein gewesen wäre. So wurde er zu dem, der den abschließenden Strich unter die geistige Entwicklung des Alten Bundes zu ziehen hatte. Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, in neue Höhen der Offenbarung emporzuwachsen, sondern den Rest des messianischen Volkes [im wesentlichen den Stamm Juda*] samt den ihm gegebenen geistigen Gütern zu einem möglichst reinen Gefäß für das erwartete messianische Gotteswesen zu gestalten und als ein solches zu bewahren, bis die Zeit erfüllt sein würde.
* Hier liegt die Anschauung zugrunde, daß eine unterscheidungslose Inspirations-Dogmatik für die Erkenntnis der biblischen Schriften nicht ausreicht. Die von Rudolf Steiner immer wieder dargestellte Dreistufigkeit des übersinnlichen Erkennens: Imagination (bildhaft), Inspiration (worthaft), Intuition (wesenhaft), muß auch angewendet werden bei der Frage, wie die biblischen Schriften entstanden sind. In den Kanon des Alten und des Neuen Testamentes sind nur solche Schriften aufgenommen, in denen das inspirative mindestens anfangsweise zu dem imaginativen Element hinzugetreten ist, (Siehe Emil Bock: »Das Evangelium. Betrachtungen und Übersetzungen«, Band I: »Komposition - Inspiration«.)
aus «Könige und Propheten»; S.320f
* zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch
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