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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von Emil BOCK zu
DANIEL
1 Daniel°, der wie einst Joseph° in Ägypten am Königshof der babylonischen Fremde zu königlichen Würden aufsteigt, den Geistimpuls des prophetischen Judentums dem morsch werdenden Baum des mesopotamischen Lebens aufpfropfend, ist der Apokalyptiker unter den Propheten. Er ist Träger eines königlichen Geistesmutes, der auch in den mitternächtlichen Bereich der Gegenmächte vorzudringen wagt, um dort das verzauberte Gold des Geistes zu heben. Die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits ist gesprengt, die apokalyptische Kommunion des Geist-Erlebens tut sich auf als letzte Stufe der großen Vierheit [Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel].
S.293f
2 Zwei polarisch-verschiedene Seelenschulungen und Mysterienerziehungen stoßen aufeinander. Dem dionysisch-rauschhaften und leibgebundenen Geist, dem die babylonische Kultur ihren Ursprung verdankt, entspricht eine Schulung, die sich bis in die Ernährung hinein dionysischer Mittel bedient [Dan.1,5]. Als man anfängt, diese auf sie anzuwenden, tritt erst ganz deutlich in Erscheinung, daß Daniel und seine Freunde bereits von der Heimat her in einer geistigen Erziehung und Schülerschaft darinnenstehen: sie gehen den asketischen Weg der Nasiräer°, die sich des Fleisch- und Weingenusses völlig enthalten [Dan.1,8]. Und die babylonischen Zuchtmeister müssen staunend erkennen, daß die nasiräische Erziehung nicht nur die gleichen, sondern weit bessere und echtere Erfolge zeitigt als die ihre [Dan.1,15]. Ein reiches Weisheitsleben und eine große Vertrautheit mit dem Reiche des Übersinnlichen blüht aus den judäischen Jünglingen, insbesondere aus Daniel, hervor. Ein Geist kündigt sich an, dem Babylonien nicht gebend, sondern empfangend wird gegenüberstehen müssen.
S.302
3 Waren die drei Gefährten im Feuerofen scheinbar allein ohne Daniel, so ist Daniel in der Löwengrube [Dan.6,17ff] scheinbar allein ohne seine Gefährten. Die Zeit ist fortgeschritten. Daniel ist einer der obersten Fürsten im medisch-persischen Herrschaftbereich geworden. Der König, hier Darius genannt, will ihn sogar über das ganze Reich setzen, »denn es war ein hoher Geist in ihm«. Die Satrapen sind neidisch auf den Fremdling. Sie nötigen den Herrscher zur Einführung des Cäsarenkultus, der alle religiöse Verehrung auf den Königsthron konzentriert, und können nun Daniel wegen seines nach Jerusalem° gewendeten Gebetes vor Gericht ziehen. Der König selbst bemüht sich vergebens um Daniels Rettung: man wirft ihn, als die Sonne° untergeht, in den Löwenzwinger°. Das Wunder geschieht: der schützende Genius steht Daniel bei, und die Löwen° werden zahm vor der geistigen Macht, deren Nähe sie verspüren. Als die Sonne wieder aufgeht, schreitet Daniel unversehrt dem König, der die Nacht° über um ihn gebangt hat, entgegen. Die Ankläger werden den Löwen vorgeworfen, die sie sofort als willkommene Beute zerreißen. Sowohl Daniel wie der von ihm verkündeten Gottheit wird höchste Verehrung gezollt. Ausdrücklich wird hinzugefügt, daß Daniel jetzt auch in den Lebenskreis des Perserkönigs Kyros°, des aufsteigenden Adlers,[a] eintritt (6,29).
4 Wieder ist, was ein Martyrium hat sein sollen, zu einer Mysterienprobe und -stufe geworden und damit zu einer noch höheren Bewährung und Entzauberung der geistigen Kraft. Wie sich einst Simson°, indem er den Löwen überwand, als Herrscher über alle niederen Kräfte erwies, so hat jetzt Daniel in einem noch höheren Sinne die Löwenprobe bestanden: es ist, als ob aus seiner Seele wie von der Harfe des Orpheus ein Klang hervorgedrungen wäre, der alles Wilde bezähmt.[a]
5 Von Urzeiten her empfanden die medisch-persischen Völker den Sonnen-Löwen als ihr Zeichen, ein besonderes Verhältnis zu den königlich-kosmischen Kräften der Sonne damit zum Ausdruck bringend. Daß Daniel zwischen Untergang und Aufgang der Sonne die Löwen meisterte, muß den Medern und Persern als ein Zeichen dafür erschienen sein, daß er im Besitze ihrer eigenen höchsten Mysterien und Geistgeheimnisse war. Für falsches Anbeten hatte man ihn strafen wollen; jetzt steht er vor ihnen als die Verkörperung des eigenen Tempelprinzipes: der Anbetung durch die Kraft des Löwen. Daniel steht vornean unter denen, die das Schicksal der Propheten an sich erfahren: äußere Schicksale wirken wie Wiederholungen von Einweihungserlebnissen, die in früheren Erdenleben durchgemacht worden sind, und siehe, die Geistfrüchte alter Mysterienschülerschaft sind wie durch einen Zauber von neuem gereift.
6 Die ersten Christen haben an den Wänden der Katakomben und auf den Sarkophagen neben dem Jona-Schicksal immer wieder die beiden danielischen Martyrien dargestellt: die drei Jünglinge im Feuerofen und Daniel in der Löwengrube. Die Ahnung des Zusammenhanges mit den babylonisch-persischen Mysterien brachte man zum Ausdruck, indem man die Geprüften mit der persischen Mithrasmütze abbildete, die Hände betend zum Geist erhoben. In den Tagen der cäsarischen Christenverfolgungen waren die gottesgerichtartigen Martyrien der Prophetenzeit bereits zu grausamen Blutopfern vergröbert: in den neronischen Gärten verbrannten die Märtyrer wirklich als lebende Flammen, und [später] in der Arena des Kolosseums wurden sie wirklich von den Löwen zerrissen, Aber gerade der Blick auf die danielischen Geistessiege gab dem Urchristentum immer wieder die Gewißheit der inneren Kraft, die allen Tod überwindet.
S.304f
7 Offenbar befand sich Daniel in Ekbatana am Hofe des medischen Herrschers, als im Jahre 553 Kyros dort Einzug hielt und Medien seinem persischen Herrschaftsbereich einverleibte. Dann mag er in der Umgebung des Kyros aus nächster Nähe dessen majestätisch-adlerhaften Aufstieg begleitet haben. Daniel war nicht bei den Verbannten seines Volkes in Babylonien. Dafür mag er im Jahre 539 als einer der Ratgeber des Kyros beim Einzug in Babylon dabei gewesen sein. Die Bibel sagt: »Daniel erlebte das erste Jahr des Königs Kyros«. Damit ist doch wohl das Jahr nach der Besitzergreifung Babyloniens gemeint, in welchem den Judäern die Rückwanderung und der Wiederaufbau des Tempels° erlaubt wurde.
[...]
8 Daß in die Politik des Kyros weitgehend geistige Impulse hineingewirkt haben, liegt auch für die äußere Geschichtsüberlieferung offen zutage. Wir sahen bereits im verborgenen Hintergrunde des geradezu als messianisch erlebten Kyros-Aufstieges Führergestalten von überragender Größe auftauchen. Wir stießen auf den großen Geist, der als der Verfasser der Gatas des Zarathustra damals in Persien die Reformation und Erneuerung des Zarathustrismus bewirkt hatte, und auch auf die Gestalt des - vielleicht damit identischen - großen Lehrers Nazaratos oder Zarathas, der der wiederverkörperte Zarathustra selber war. Nun zeigt uns die Bibel unter den Gestalten, auf die der geistige Kyros-Impuls zurückgeht, auch den Propheten Daniel. Ist Daniel vielleicht nach jener Geisterstunde im Palast des biblischen Belsazar° [Dan.5] selber ausgezogen, um die Wege des Kyros so zu lenken, daß er schließlich als der gottgesandte Befreier in Babylonien Einzug halten konnte? Wenn uns die geschichtliche Überlieferung erkennen läßt, daß die babylonische Priesterschaft und Bevölkerung selbst den siegreichen Perserkönig freudig begrüßt habe, müssen wir da nicht denken, daß geistig eben durch solche Männer wie Daniel den politischen Ereignissen vorgearbeitet worden ist?
9 Nicht zuletzt legt sich uns der Gedanke nahe, daß zwischen dem großen Lehrer Nazaratos und Daniel eine enge Beziehung und Zusammenarbeit bestanden haben muß. Einige Jahre vor der Rückwanderung der Juden scheint Nazaratos aus dem medisch-persischen Gebiet, wo Daniel damals weilte, nach Babylonien gekommen zu sein, um der Lehrer der dort lebenden jüdischen Propheten und später des Pythagoras zu werden. Damals mag Daniel da zurückgeblieben sein, wo Nazaratos vorher gewirkt hatte. [...]
S.308ff
10 [...] Man könnte hier von »michaelischen Lebensläufen« sprechen. Menschliche Individualitäten wachsen als Träger des michaelischen Zeitgeistes über das Menschenmaß hinaus, so daß ihre Biographien ein unmittelbarer Ausdruck der übermenschlichen Erzengel-Geschichte werden.
S.311
11 Daniel, der selber vielleicht sehr Wesentliches dazu beigetragen hat, daß es zur Wiedererrichtung des jerusalemitischen Tempels kam, entfaltet ein apokalyptisches Zukunftsbild [Dan.12], aus dem hervorgeht, daß der Neubau des Heiligtums keineswegs das Ende der Bedrängnis bedeutet, sondern daß gerade dann erst der Widersacher zu seinen größten Triumphen schreiten wird. Geheimnisvolle Zeitenzyklen werden sich erfüllen, und in ihrem Verlauf wird es geschehen, daß auf die erste Zerstörung des Tempels eine zweite, viel weitreichendere folgt. Eine dämonische Schändung des Allerheiligsten steht der Menschheit bevor: »Der Greuel der Verwüstung« wird da aufgerichtet werden, wo die Gottheit selber wohnen sollte.
[...]
12 Daniel sieht die Kämpfe und Verwirrungen voraus, die es im Geistgebiet und auf der Erde geben muß als Folgen jenes Kampfes zwischen Widder° und Ziegenbock°, zwischen den alten frommen Weltanschauungen und dem heraufziehenden seelenlosen Ahrimanismus. Da kommen die antichristlichen Impulse auf. Der Tempel [ὁ νάος] des Menschenwesens wird entweiht, indem sich darin das egoistische niedere Ich statt des gottbegnadeten Genius [Gottesfunkens] einrichtet. Die lebendig-organisch gewachsene Kultur wird zur mechanischen Zivilisation entstellt, in der nicht das Göttliche, sondern der Götze der Zahl und des Geldes regiert. Der Antichrist selbst als geistige Potenz ist der »Greuel der Verwüstung«, sowohl im einzelnen Menschen als auch in den großen sozialen Zusammenhängen. Die griechische Bibel gebraucht hier einen Ausdruck, der weit deutlicher und drastischer ist als die übliche deutsche Übersetzung: τὸ βδέλυγμα ἐρημώςεως (to bdélygma eremóseos): »das Scheusal der Vereinzelung«. Das Auseinanderfallen aller tragenden Gemeinschaftsbildungen, das egoistische Prinzip, wird anfangen, gleich einem gewaltigen Dämon umzugehen, wenn die Menschheit sich in ihrem Erkennen der ganz irdisch und berechnend gewordenen Intelligenz verschreibt. Wo einst das Göttliche waltete, herrscht jetzt dieses kalte Machtgespenst.
S.313ff
aus «Könige und Propheten»
° zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch
a] vgl. Mbl-B.1a: Anm.3