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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von Hermann PFROGNER zum
SITZ des MUSIKALISCHEN
1 Würden wir eine der alten Hochkulturen [nach dem eigentlichen Lebenssitz des Musikalischen im Menschen] fragen, dann würden wir zweifellos in der einen oder anderen Form auf die »musica humana« verwiesen werden, jene »Musik im Menscheninnern«, die ein getreues Abbild der »musica mundana«, der »Weltenmusik« ist.[a] Dort, würde man sagen, und nirgends anderswo ist der Sitz aller musikalischen Disposition im Menschen zu suchen. Als einschlägiges Beispiel darf etwa Platos vorerwähnter, pythagoräisch tingierter Bericht von der Erschaffung der Weltseele als Modell der Individualseele¹ gelten. Wir sollten uns tunlichst vor der Überheblichkeit hüten, heute über solche Anschauungen achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen. Gerade die analytische Psychologie, etwa eines C. G. Jung, hat uns gelehrt, wieviel den alten Überlieferungen vom Bau der Welt und des Menschen abgewonnen werden kann, wir brauchen da nur an die Archetypenlehre² zu denken. Mag in jenen altehrwürdigen Darlegungen mitunter auch ein guter Schuß abstrakter Spekulation stecken, irgendwo findet sich doch immer wieder ein konkreter Wahrheitskern, den es nur freizulegen gilt, um in der Sache einen Schritt weiterzukommen.
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2 Hier kommen wir einen nächsten Schritt weiter, wenn wir einen speziellen Einzelbereich als Beispiel ins Auge fassen, indem wir zur Hilfe heranziehen, was R. Steiner über die von ihm so genannten »inneren Bewegungen« ausgeführt hat¹³. Diese haben ihrerseits mit der menschlichen Lebensorganisation, also dem besagten »Lebensleib« zu tun [b] und bekunden sein Vorhandensein und Wirken innerhalb des physischen Körperbereichs. R.Steiner bezeichnet die »inneren Bewegungen« in diesem Sinne als »Wirkungen des Ätherleibes in der physischen Welt«¹⁴. R. Steiner unterscheidet hier sieben verschiedene innere Bewegungsarten. [...]
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3a Stellen wir auf Anhieb, unter Wiederaufgreifen der besagten »inneren Bewegungen«, diese innere bewegungsmäßige Siebenheit der »musica humana« einerseits und die vorzitierte Siebenheit der »musica instrumentalis« sich gegenüber, dann resultiert zunächst ohne jede weitere zusätzliche Kommentierung:
Musica humana | Musica instrumentalis
»innere Bewegungen« | Intervallbewegungen

Aufrechtbewegung

[Saturn]

Prim
Denkbewegung [Jupiter] Quart
Sprechbewegung [Mars] große Sekund
Blutbewegung [Sonne] kleine Terz
Atembewegung [Merkur] große Terz
Drüsenbewegung [Venus] kleine Sekund
Reproduktionsbewegung [Mond] Tritonus
Wir haben, wie an sich deutlich zu lesen steht, die Wortbezeichnung »Intervallbewegung« gewählt, um klarzustellen, daß es hier um die »melodische«, die sukzessive Intervallform geht, die »Intervallgebärde« [...], nicht aber um die simultane Intervallform, den vertikalen Zweiklang.
3b Das »Tertium comparationis«, das die Nebeneinanderstellung der beiden vorstehenden Siebenheiten rechtfertigt, ist ihre mit Notwendigkeit gegebene [planetarische] Reihenfolge, »wenn man auf den Ursprung sieht«. [...] Wir haben auf der einen Seite einen beispielhaft gewählten Teilbereich der »musica humana«, die sieben »inneren Bewegungen«, auf der anderen Seite die diatonischen Intervalle in ihren Kleinformen, wie sie in der Quint-Quartgeneration »urständen«. Weder gehen die »inneren Bewegungen« über einen Teilbereich der »musica humana« hinaus, noch lassen die diatonischen Intervalle sich lediglich vom Aspekt der Quint-Quartgeneration anschauen. Auch steht die Quint-Quartgeneration nicht am Anfang aller Tonsysteme, [...]
3c [...] Das auch in dieser Hinsicht alles eher als »dunkle« Mittelalter hatte auch für dieses Verhältnis einen ebenso hellen wie durchdringenden Blick, wenn es erklärte, »musica humana« sei »musica naturalis«, hingegen »musica instrumentalis« sei »musica artificialis²⁵«, oder auf gut deutsch ausgedrückt: beide unterscheiden sich voneinander wie Natur und Kunst. Das bedeutet, hier gibt es [...] nur innere Entsprechungen im wohlverstandenen Sinne, unter wachester Beachtung eben jenes Trennungstrichs [zwischen „musica humana” und „musica instrumentalis”]. Im Grunde geht es auch hier wieder einmal um die nie verstummende, allen Zeiten sich immer wieder neu stellende Frage, wie Natur sich zur Kunst verhalte, und Kunst ihrerseits zur Natur - eine Frage, die unserer Ansicht nach nur von Seiten der Kunst her beantwortet werden kann. Was die äußere Natur um uns her betrifft, so möchten wir zur Bekräftigung dessen keinem kompetenteren Gewährsmann das Wort erteilen, als Claude Debussy. Dieser äußert sich in einem Interview zu Henri Malherbe für die Zeitschrift »Excelsior« am 11. Februar 1911 über den Zusammenhang zwischen äußerer Natur und Musik folgendermaßen:²⁶ »Wer wird das Geheimnis des musikalischen Schöpfungsvorgangs verstehen? Das Geräusch der Meereswogen, das Rund des Horizonts, der Wind in den Blättern und der Schrei des Vogels, alles dies hinterläßt in uns die vielfältigsten Eindrücke. Und plötzlich, ohne daß man im geringsten daran denkt, stellt sich einem eine dieser Erinnerungen wieder ein und wandelt sich in die Sprache der Musik. Sie trägt ihre Harmonie in sich. Keinerlei Anstrengung wird etwas Besseres und Genaueres ausfindig machen können.«
S.515ff
4 Wenn wir zuvor in Hinblick auf den musikalischen Schaffensprozeß vom unbewußten Erleben dessen sprachen, was aus dem Lebensleib, ja allem Lebendig-Organischen heraufwirkt ins Seelische, um dort, entsprechend den letztlich im Sphärenharmonischen heimischen Gesetzlichkeiten des Unterbewußten, in Töne und Intervalle umgeprägt zu werden, so bezieht sich das selbstverständlich auf alles solchermaßen intervallisch sich Ausgestaltende - ob große oder kleine Intervalle - und unter welchem Aspekt immer es im übrigen angeschaut werden möge. Tut in dem besagten Heraufwirken des Lebensleibes ins Seelische sich doch mit zwingender Deutlichkeit kund, daß alles Musikalische, was seine Lebendigkeit angeht, in unserem Lebensorganismus seinen eigentlichen Sitz habe, so wie denn auch R. Steiner ebenso nachdrücklich wie unmißverständlich erklärt: »Musik lebt innerlich im Ätherleibe«³³, womit sich J. Handschins unserem Buch vorangestellter Satz, daß Musik »etwas ist, was in uns lebt«³⁴, auf schönste verbindet. Nicht beim »Bewußtsein« ist demnach anzusetzen, wenn man den »Grundlagen der Musik« auf die Spur kommen möchte [...], sondern Musik ist »Kunst des Ich«³⁵, das - um es nochmals zu sagen - seinerseits eintaucht ins Unterbewußte und, sich bewegend in dessen letztlich im Sphärenharmonischen heimischen Gesetzlichkeiten, unbewußt erlebt, was aus dem Lebensbereich heraufschlägt ins Seelische, um das also im Seelischen Erlebte seinerseits dort umzuprägen in die jenen Gesetzlichkeiten gemäßen Töne und Intervalle. Natürlich gilt letzteres nicht bloß für das aus dem Lebensbereich Heraufschlagende, sondern ebenso für alles, was das Seelische selbst von außen oder innen unmittelbar erlebnishaft berührt.
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¹ Sextus Empirikus, adv. Math. IV; R. Schäfke, Geschichte der Musikästhetik, S. 24
² Vgl. Stichwort »Archetypus« im Glossar zu C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, S. 410
[...]
¹³ R. Steiner, 137/11. VI. 1912, S. 156 ff.
¹⁴ ebendort, S. 180
[...]
²⁵ H. Hüschen: Musik, MGG IX/col. 981
²⁶ H. Rutz: Cl. Debussy, Dokumente seines Lebens und Schaffens, München 1954, S. 144
[...]
³³ R. Steiner, 283/7. III. 1923, S. 115
³⁴ J. Handschin: Der Toncharakter, S. 36
³⁵ R. Steiner, 275/29. XII. 1914, S. 45
S.669
aus «Lebendige Tonwelt»
a] vgl. »TzN Dez.2006«
b] siehe Mbl.5 u. Mbl.17a