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Neudenken:
Baumliebe
Es kann aber auch das Erleben zwischen Mensch und Natur viel stiller, viel »natürlicher« sein. Ich entdeckte sehr spät in meinem Leben, dass ich beste Freunde sichtbar-unsichtbar ganz nahe von meiner Wohnung hatte. Natürlich wusste ich schon lange, dass es in meiner Stadt den viele Kilometer langen Englischen Garten gab. Aber nie hatte ich mir Zeit genommen, mich ihm mit Aufmerksamkeit zuzuwenden. Und wenn ich dort einmal spazieren gegangen war, dann mit Gästen, mit denen ich dann über alles Mögliche sprach, ohne mich dabei auf die Natur ringsum wirklich einzulassen. Eines Tages begab ich mich allein dorthin. Da war es mir, als würde ich von einem bestimmten Baum angesprochen. Es war Spätherbst und der Baum hatte sein Laub schon abgeworfen. Mit zwei großen Rindenwulsten schaute er mich an. Ich blieb stehen und bewunderte das kahle Geäst, das wie ein Geweih aus dem Stamm mit dem Gesicht herauswuchs. Lange ließ ich dieses Baumwesen [a] auf mich wirken. Da floss auf einmal eine Welle von Liebe zwischen mir und dem Baum, ganz kurz nur. Aber das war der Anfang eines neuen Umgangs mit den Wesen, die unsichtbar zwischen der sichtbaren Natur und dem Menschen sich bemerkbar machen wollen. Von nun an ging ich so oft wie möglich in den Englischen Garten. Immer mehr Bäume sprachen mich an. Sie begleiteten mich durch alle Zustände im Jahreslauf, vom kahlen Geäst zu den zarten Knospen, die in lichtem Grün ihre Blättchen herausließen. Dann die volle Blätterpracht des Sommers, die sich im Herbst gold und rot färbt, bis sie braun werden und die Erde bedecken. Der Baum, an dem ich dafür erwachte, war eine Englische Ulme [b] mit herzförmigen Blättern. Wenn ich in seine Nähe kam, war mir, als würde er mir schon freudig zurufen, mich begrüßen und auf ein Gespräch hoffen. Ich erzählte ihm dann, wie ich seine zarten Veränderungen wahrnehme, mich daran freue und ihn auch bewundere.
Einmal war ich beim Gehen in meine Gedanken vertieft. Da war es mir, als würde mich jemand rufen. Ich drehte mich um und sah, dass ich an meinem Baum-Freund achtlos und ohne Gruß vorübergegangen war. Ich kehrte um und holte das Versäumte noch nach. Freude entstand da zwischen uns. Doch nicht nur Bäume und die kleinsten Wiesenblumen oder Sträucher traten in ein Verhältnis zu mir ein, sondern jedes Gebiet dieses wilden Parkgeländes hat so etwas wie einen eigenen Geist. Da gibt es verschiedene Baumgruppen, die wie eine Tanz-Choreographie erscheinen. Es gibt Wiesen, von Büschen und Bäumen umgeben, die als eigenes Gebilde eine Seele haben, jedes wieder anders. Wer das erleben will, muss verweilen können und innerlich im äußeren Sehen lauschen und ein Verhältnis schaffen zu diesem Stück Erde. Wer das oft und oft wiederholt, kann die Erfahrung bestätigen, die Hans Müller-Wiedemann [c] in ein Gedicht gebracht hat:
Liebesübung
Gehe den einen Weg viele Male,
Nicht zu wissen, aber zu grüßen
den Baum an der Wegkehre,
vertraut werden
mit der Wiese im Grund
und auch der Lichtung,
die immer wieder
auftut den Himmel.
Gehe den Weg viele Male
bis er dein wird.
So übt sich die Liebe.
[d]
Irene Johanson
aus «Was Engel uns heute mitteilen wollen»; S.55ff
Unsere Anmerkungen
a] eine Dryade oder Baumnymphe
b] Ulmus minor var. vulgaris
c] der Arzt und Heilpädagoge Müller-Wiedemann aus der Camphill-Gemeinschaft
d] vgl. A.de Saint-Exupéry zur Zähmung des Fuchses