zum IMPRESSUM
Text
zum
Neudenken:
Muttertrieb
Die Gegner der modernen Frauenbewegung freilich sehen in der Mütterlichkeit des Weibes die Verbürgung der Rechte des Kindes. Daher ihre feindliche Haltung gegen die umstürzlerischen Weiber der Emanzipation, die, wie es scheint, nichts Geringeres planen als einen neuen bethlehemitischen geistigen Kindermord.
Daß alle seelischen und physischen Kräfte des Weibes nur der Mutterschaft zu dienen haben, daß auf der Mütterlichkeit ihre Genialität beruhe, wird immer wieder mit den Zeusgebärden souveränen Allwissens der Welt verkündet.[a] Wie sich in Wirklichkeit das Leben der Frau als Mutter der Babies abspielt, will ich hier zu schildern versuchen.
Die Mutterliebe ist ein Naturtrieb.
So recht von Herzen kann ich nicht einmal an diesen, kaum je bezweifelten Naturinstinkt glauben.
Lege ein fremdes Kind statt des eigenen der Mutter, die eben geboren hat, in die Wiege, und sie wird das untergeschobene Geschöpfchen - falls sie von der Vertauschung nichts weiß - in ihr Herz schließen, als wäre es ihr leibliches Kind. Ich kenne Fälle, wo kinderlose Frauen ein adoptiertes Kind mit der denkbar inbrünstigsten Mutterliebe umfaßten. Nicht der Naturinstinkt scheint mir der Grundpfeiler der menschlichen Mutterliebe, eher ist es das Schaffen und Wirken an dem Kinde. Die Mutter fühlt sich als das Schicksal des kleinen hilflosen Geschöpfes, das ihr anvertraut wurde, wobei allerdings die Vorstellung, daß es ihr eigen Fleisch und Blut ist, mitwirkt. Die Vorstellung, sage ich, - nicht die Tatsache.
Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben mag das Gesagte erläutern. Aus irgend welchem Anlaß wohnte eine kleine Nichte einige Monate bei mir. In kürzester Zeit liebte ich das Kind, das ich vorher kaum gekannt hatte (die Eltern lebten in einer anderen Stadt), wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann. Seine Gegenliebe bereitete mir Entzücken, es war mein Geschöpfchen, das ich zu behüten, zu versorgen hatte, für das ich verantwortlich war. Als das Kind mir wieder genommen wurde, entschwand es allmählich aus meinem Gedächtnis und aus meinem Herzen.
S.193
Die Zärtlichkeitsbeweise, die Liebkosungen, die eine Begleiterscheinung der Liebe zu den Babies sind, machen offenbar der Mutter mehr Vergnügen als dem Kinde.
Diese Liebe, die ein so kleines, hirn- und seelenloses Wesen brünstig umklammert, es förmlich in sich saugt in ekstatischer Wonne, bezeichnet das starke sinnliche Element in der Mutterliebe. Die Kinder vor Liebe aufessen, ist eine oft angewandte Redensart.
Und doch - mag man dieser Mutterpassion auch Blindheit, in vielen Fällen Entartung bis zur Affenliebe nachsagen, dennoch ist ein ergreifender Zug in ihr, irgend ein geistiges Prinzip, das ich nicht klar erkenne, ein transcendentales Schauen, als wäre nun ein Schatz, der verborgen im Innersten der jungen Mutter geruht, von dem Kindlein da gehoben, als wäre es eine Antwort auf eine drängend sehnsüchtige Frage. Eine Liebe mit leichtem Anklingen an Mystisches, das das Kind in Zusammenhang bringt mit dem »Woher?« »Wohin?« aller Kreatur, und als ob in der klaren Tiefe dieser fragenden Kinderaugen noch ein Abglanz ruhte von einer andern Welt, aus der sie kommen, Engelsbilder, die irgendwo Flügel verloren, ein Erinnern an den Platonischen Mythus von der Präexistenz der Seele,[b] in der die noch ungeborene die reine Bedeutung der Dinge schaute.
S.196
Hedwig Dohm
aus «Zur Psychologie der Frau»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Ch.M.v.Ziegler: „Das männliche Geschlechte”, aber auch R.Steiner: „Liebe bei Frau und Mann
b] Platon hat diesen pythagoräischen Ansatz in enger Verbindung mit seiner Ideenlehre weiterentwickelt. Nach Platon wäre die Seele wahrnehmendes und handelndes Subjekt sowie Träger des Lebendigen; der Körper wäre hingegen nur Werkzeug, über das die Seele vorübergehend verfügt. Unsterblich sei die Seele und existiere ebenso vor der Körperzeugung wie nach dem Körpertod. Alle Menschenseelen seien in einem erschaffen, sodass jede einzelne eine göttliche Idee verwirkliche, ursprünglich in idealem Zustand. Deren Präexistenz sei eine im Denken; erst durch die Verkörperung tauchten im Denken auch Fühlen und Wollen auf, wobei lediglich dem Denken Unsterblichkeit zukomme. Eine Möglichkeit der Erinnerung an ihre vorgeburtliche Existenz liege für die Seele im Lernen, darin sie sich an ein Wissen aus der Ideenwelt erinnere.