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Neudenken:
Wohlleben und Technik
Bleiben wir also dabei, die menschlichen Notwendigkeiten nur als Funktion des Wohlbefindens gelten zu lassen. Nur dann können wir ermitteln, welcher Art sie sind, wenn wir feststellen, was der Mensch denn unter Wohlbefinden versteht. Und das macht die Dinge unendlich verwickelt. Denn ... woher wollen Sie wissen, was der Mensch alles unter Wohlbefinden versteht oder verstehen wird, unter der Notwendigkeit der Notwendigkeiten, unter der einzigen Sache, die nottut, von der Jesus zu Marta und Maria sprach?[a] (Maria, die für Jesus die personifizierte Technik ist.)
Für Pompejus [b] war es nicht notwendig zu leben, sondern zur See zu fahren, womit er den Wahlspruch der milesischen Gesellschaft der „ἀειναῦταί[aeinaũtai] - der ewigen Seefahrer - erneuerte, zu denen Thales [c] gehörte, der Schöpfer eines neuen kühnen Handels, einer neuen kühnen Politik, einer neuen kühnen Erkenntnis, der abendländischen Wissenschaft.
[...]
Halten wir also fest, daß, während das bloße Leben, das Leben im biologischen Sinn, eine feste Größe ist und für jede Spezies ein für allemal feststeht, das, was der Mensch leben, gut leben oder Wohlleben nennt, ein stets beweglicher, unbegrenzt veränderlicher Begriff ist. Und da das Repertoire der menschlichen Notwendigkeiten eine Funktion des Lebens ist, fallen diese nicht weniger verschieden aus; als Vorrat von Handlungen,[d] hervorgerufen für und angeregt durch das System dieser Notwendigkeiten, wird die Technik auch eine unstete, in ständiger Wandlung befindliche Wirklichkeit sein. Daher ist es auch vergeblich, die Technik als unabhängige oder als von einem einzigen und im voraus bekannten Vektor geleitete Einheit studieren zu wollen. Die Idee des Fortschritts, verheerend auf allen Gebieten, wenn kritiklos angewandt, hat sich auch hier als verhängnisvoll erwiesen. Sie setzt voraus, daß der Mensch immer dasselbe angestrebt hat, anstrebt und anstreben wird, daß seine Lebensziele stets die gleichen geblieben sind und daß der einzige Wechsel im Lauf der Zeiten in dem allmählichen Vorrücken auf das Ziel jenes einzigen desideratum bestanden hat. Aber wahr ist das genaue Gegenteil: die Idee des Lebens, die Vorstellung vom Wohlbefinden, hat sich ungezählte Male gewandelt, und manchmal so tiefgreifend, daß die sogenannten technischen Fortschritte aufgegeben wurden und ihre Spur verloren ging. Andere Male - und das sind bekanntlich die häufigsten Fälle in der Geschichte - wurden Erfinder und Erfindung verfolgt, als handle es sich um ein Verbrechen. Daß wir heute in gesteigerter Form die entgegengesetzte Neigung, den Drang nach Erfindungen, empfinden,[e] darf uns nicht zu der Annahme veranlassen, daß es immer so gewesen sei. Im Gegenteil, die Menschheit hat stets eine geheimnisvolle Weltangst vor Entdeckungen gehabt, als wenn ihnen neben ihren Wohltaten eine schreckliche Gefahr innewohne.[f] Und beginnen wir inmitten unserer Begeisterung für die technischen Entdeckungen nicht auch etwas Ähnliches zu fühlen? Es wäre von ungeheurem und dramatischem Lehrwert, eine Geschichte der Techniken zu schreiben, die, einmal entwickelt, einmal als „ewige Errungenschaften” - κτήματα εἰς ἀεί [ktémata eis aeí] - gefeiert, sich verflüchtigten und vollständig verlorengingen.[g]
José Ortega y Gasset
in „Betrachtungen über die Technik”, 1933
aus «Gesammelte Werke IV»; S.20f
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Jh.12,7
b] Gnæus Pompeius Magnus, der 67v die mediterranen Seeräuber befriedete, 63v den Schwarzmeerkönig Mithridates zurückdrängte sowie das Nabatäerreich und Judäa eroberte
c] Thales von Milet, Philosoph des πάντα ρεῖ (pánta rhei ~ alles fliesst)
d] wie etwa Atmen, Trinken, Essen, Sich-Kleiden und Sich-Fortbewegen
e] und glauben, nur durch sie könnten wir unser Schicksal wenden
f] nämlich die, dass das aktuelle Bewusstsein der jeweiligen Entdeckung nicht standhalten könnte, weder im Beherrschen noch im Verantworten derselben
g] wie zB. der Bau der Pyramiden zu Gizeh