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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Otto ULRICH zum
HUMBOLDTSCHEN VERMÄCHTNIS
1 Der Siegeszug der herrschenden Technikgläubigkeit, mit ihrem Kern der Menschenverachtung, nimmt mit Alexander von Humboldt Fahrt auf - was seine Tragik ausmacht, aber auch seine nachwirkende Größe. Denn seine Sicht auf die Welt, auf die Erde - denn das war sein zentrales Anliegen, eine »lebendige Erkenntnis des Weltganzen«¹ - prägte sein wissenschaftliches Verständnis. Womit er als Generalist und Weltbürger seiner Zeit zwar voraus war, aber doch nur in Fußstapfen wandelte, die nicht tiefer drangen, als Oberflächen gekonnt in Zusammenhänge zu bringen - was heute digital verstärkt, allgemein üblich ist, aber entschieden zu wenig, um zu erkennen, von welchem Zeitgeist unsere Gegenwart schon seit dem 17. Jahrhundert vorangetrieben wird.
1 Andrea Wulf: ›Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur‹, München ¹¹2015, S. 56.
2 Humboldt wurde zum Multiplikator eines naturwissenschaftlichen, im Kern materialistischen - oder wie er es nannte, »physikalischen« - Weltbildes, mithin einer gottlosen [a] Welt, was ihm viel Ärger mit der Katholischen Kirche einbrachte. Er hat mit dieser Weltsicht eine Zukunft heraufbeschworen, die uns heute umgibt, aber auch einen Aufbruch, [...] Als einer, der das Lebendige zwar suchte, aber mit seinen Datensammlungen nicht fand, hat Humboldt an den Fundamenten einer »Zweiten Wirklichkeit« [b] gebaut, die heute, voll entfaltet, uns noch weiter vom Lebendigen entfremdet, und die nun eine weitere Steigerung mit dem finden soll, was als »Transhumanismus«[c] verkündet wird. Er hat jenen, die auf seinen Schultern stehen, seine materialistische Blickrichtung weitergereicht und damit, wie es Werner Heisenberg wohl bestätigen würde, »nicht an einem Bild der Natur gearbeitet, sondern an einem Bild unserer Beziehungen zur Natur«² - was heute durch die Digitalisierung zu neuen Stufen der Abgrenzung wie der Verfügbarmachung von »Natur« führt.
2 Zitiert nach Jochen Kirchhoff: ›Giordano Bruno‹, Reinbek bei Hamburg 2003.
3 Dabei brauchte sich Humboldt nicht, wie sein richtungsweisender Bruder im Geiste Julien Offray de la Mettrie - der 1748 mit seinem Epochenbuch ›L'Homme Machine‹ den Menschen als Maschine, befreit von Gott, Moral und Staat sah - zu verstecken oder gar zu flüchten. Er war ein Weltstar am Himmel des 19. Jahrhunderts. Das Geistesleben der Hauptstadt Preußens wurde durch ihn zum Leuchten gebracht, es ging so weit, dass Berlin vorübergegend sogar Paris den Rang streitig machen konnte, Hauptstadt des geistigen Europa zu sein.
4 Wenn La Mettrie den Menschen, kalkuliert provokant, als Maschine darstellte, so besorgte Humboldt dasselbe im Weltmaßstab: Die Erde, die Natur akribisch, geradezu erbsenzählend, in ihrem materialistischen Kern zu erforschen - auch und gerade durch fortwährendes Töten von Fröschen, Schlangen, Vögeln, Schmetterlingen, Eidechsen, Insekten ... Immer ging es darum, das Leben zu überwinden, um im Toten dann anatomisch nach Strukturen dessen zu suchen, was einmal lebendig zusammengewirkt hatte. Das war, wenn man so will, sein Markenkern: Die Natur ist nicht mehr die Natur an sich, sondern sie wird der menschlichen [d] Fragestellung ausgesetzt. Fortan wird Natur durch eine derart verfahrende Naturwissenschaft [e] »gegängelt«³, [...] es gibt keine gesicherten Aussagen über das Lebendige mehr, sondern »Natur« wird zu einem »Objekt« des zumeist noch interessengeleiteten Zugriffs [...]
3 Friedhelm Dörmann: ›Zu Rudolf Steiners Leitsätzen 183-185‹ in Rudolf Bind u. a.: ›Ahriman. Profil einer Weltmacht‹, Stuttgart 1997.
5 Es sei deshalb nachgefragt: Für was genau wurde Alexander von Humboldt geehrt, was genau hat er der Welt gebracht, die noch heute davon zehrt, auch wenn die damals präsentierten wissenschaftlichen Daten und Erkenntnisse zumeist wohl überholt sind oder weiterentwickelt wurden? - Nicht überholt, sondern weiterwirkend in den Köpfen ist, dass er, der sich zeitlebens auf der Seite des Idealismus wähnte, »selbst die Periode des Idealismus ausleitete und zugleich wider Willen dem weiteren Weg des Materialismus den Weg öffnete«⁵, [...] Schiller, der zusammen mit Goethe 1794/95 in Jena viele Stunden Gespräch mit Alexander von Humboldt verbrachte, schätzte dessen Ideen und Arbeiten nicht sehr. Einmal äußerte er sich über dessen wissenschaftlichen Ansatz:
5a Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfaßlich und in allen Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstab macht. Kurz, mir scheint er für seinen Gegenstand ein viel zu grobes Organ und dabei ein viel zu beschränkter Verstandesmensch zu sein. Er hat keine Einbildungskraft, und so fehlt ihm nach meinem Urteil das notwendigste Vermögen zu seiner Wissenschaft - denn die Natur muß angeschaut und empfunden werden, in ihren einzelsten Erscheinungen wie in ihren höchsten Gesetzen.⁶
5 Johannes Hemleben: ›Das haben wir nicht gewollt. Sinn und Tragik der Naturwissenschaft‹, Stuttgart 1982, S. 163.
6 Zitiert in Andrea Wulf: op.cit., S. 56f.
S.37ff
Absätze 6-8 (4a-c)
9 In der empirisch gestützten Humboldtschen Praxis ist die Wissenschaft vom Sinnlichen ebensowenig zu trennen wie die Analyse von der Synthese [f], wobei das Zergliedern von Zusammenhängen das Maß aller Dinge ist⁷ - womit sich Humboldt als prominenter Vorgänger heutiger Trendsetter erweist, die auf einen Transhumanismus setzen. Diese greifen, wie ihr Vorbild, systematisch zu kurz, denn sie verlängern, was sich selbst überwinden wird, nämlich eine Vergangenheit, die sich materiell niedergeschlagen hat, nennen dies Zukunft, erkennen aber nicht oder leugnen, dass Zukunft, ans Lebendige gebunden, erfordert, dass dieses nicht technisch verstanden wird.
7 Ottmar Ette & Oliver Lubrich: ›Die andere Reise durch das Universum. Nachwort‹, in Alexander von Humboldt: ›Kosmos. Entwurf einer physischen Weltanschauung‹, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt a.M. 2004, S. 905ff.
10 Die Pioniere des Transhumanismus nutzen aus, was Konsequenz des naturwissenschaftlichen Zugriffs auf die Natur ist. Sie fragen etwa, wie es ermöglicht werden kann, dass sich Datensysteme an unser Inneres herantasten. Auch das ist Signatur, eine Einladung, da die Natur gewissermaßen abgeschafft wurde, nun auch den Menschen abzuschaffen, indem er als digitaler Abzug neu erfunden wird.[g] Das ist der Grund, warum ausgerechnet die ›Alexander von Humboldt Stiftung‹ von der Bundesregierung den höchst dotierten Forschungspreis Deutschlands erhielt, »langfristige Perspektiven« zu entwickeln, und »in die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz nicht nur technische sondern auch gesellschaftliche, rechtliche und ethische Dimensionen mit einzubeziehen«, wie dies der Präsident der Humboldt Stiftung, Hans-Christoph Pape, formuliert.⁸
8 Pressemitteilung vom 8.Aug.2019 Nr.15/2019
S.40
in »die Drei« 12/2019
a] bzw. gottleeren
b] eigentl. Tatsächlichkeit (vgl. »Tzn Jän.2004«: Anm.b)
c] siehe Mbl-B.47
d] um das Geistig-Seelische reduzierten
e] engl. irreführend "science" genannt
f] vgl. Mbl.3: Anm.2+3
g] Als Vorläufer dienen bereits die sogenannten digitalen Avatare.
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