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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zur
UNIVERSITÄTSBILDUNG
1 Für mich ist Emersons Axiom, daß gute Bücher die beste Universität ersetzen, unentwegt gültig geblieben, und ich bin noch heute überzeugt, daß man ein ausgezeichneter Philosoph, Historiker, Philologe, Jurist und was immer werden kann, ohne je eine Universität oder sogar ein Gymnasium besucht zu haben. Zahllose Male habe ich im praktischen Leben bestätigt gefunden, daß Antiquare oft besser Bescheid wissen über Bücher als die zuständigen Professoren, Kunsthändler mehr verstehen als die Kunstgelehrten, daß ein Großteil der wesentlichen Anregungen und Entdeckungen auf allen Gebieten von Außenseitern stammt. So praktisch handlich und heilsam der akademische Betrieb für die Durchschnittsbegabung sein mag, so entbehrlich scheint er mir für individuell produktive Naturen, bei denen er sich sogar im Sinn einer Hemmung auszuwirken vermag. Insbesondere an einer Universität wie der unsern in Wien mit ihren sechs= oder siebentausend Studenten, die durch Überfüllung den so fruchtbaren persönlichen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler von vornherein hemmte und überdies durch allzugroße Treue zu ihrer Tradition gegen die Zeit zurückgeblieben war, sah ich nicht einen einzigen Mann, der mich für seine Wissenschaft hätte faszinieren können.
Stefan Zweig
aus «Die Welt von Gestern»; S.138f
2a Die Universität! Die eine Multiversität war, eine Spezialität, eine Ansammlung von Spezialitäten. Dem, der Wahrheit suchte, war dieses Herumstreichen um die Regionen der geistigen Wirklichkeit trostlos und peinvoll. [...]
2b Bahuni yo veda na sa kimcij janati purushah;
Etad ekam yo janati sa vidyat sarvani narah.
„Wer vieles weiß, der weiß nichts; wer das Eine erkennt, der weiß alles.” In diese Worte der geliebten Sanskritsprache faßte ich die Position und Negation gegenüber der Universität, ihren Darbietungen und ihren Forderungen, zusammen.
Ludwig Kleeberg
aus «Wege und Worte»; S.70f
3a Die Universität sollte nicht der Ort sein, wo Wissen gehortet, sondern der Ort, wo Wissen begriffen wird; Wissen aber, das begriffen wird, läßt sich auch erweitern, und indem es sich erweitert, stellt es dem Begreifen wieder neue Aufgaben. Jedes Wissen aber, das begriffen wird, stellt eine Schöpfung dar dessen, der da begreift und, bei aller Hochachtung der Traditionen, der Überlieferungen, der Konventionen, insofern primäre Kultur im Gegensatz zur sekundären nicht ein Besitz ist - und sei er auch ein solcher nur im Wissen, wie man vielleicht etwas machen könnte, ein Gedicht etwa, eine Sonate, ein Bild, eine philosophische Überlegung usw., und welches man nur nicht macht, weil man es nicht zu machen vermag; ein Wissen also, das ich nicht geringschätze, aber als etwas Nachträgliches auch nicht überschätze -, sondern, insofern Primärkultur vorerst etwas anderes ist, nicht ein Besitz, vielmehr ein Besitzergreifen, nicht ein Wissen, aber ein Wagen, nicht ein Nachträgliches, hingegen ein Vorangehendes, ein Begreifen durch das Machen eines Gedichtes, einer Sonate, eines Bildes, einer philosophischen Überlegung usw., ohne die Sicherheit des Gelingens, ja ohne vorheriges Wissen des Resultats; ist es so, dann wäre nicht im Wissen, sondern in der Methode des Begreifens eine Universität, die Begreifen lehrt, in die Kultur integriert, wie ich sie begreife, sei sie nun künstlerisch oder wissenschaftlich irgendwelcher Art, ja sogar geisteswissenschaftlich, in eine Kultur des Experiments, der Überprüfung des Wissens, der Kritik, der Denkmodelle, der Antiideologien, der fiktiven Netze, ausgeworfen, Vermutetes und Unvermutetes zu fangen, verbunden mit dem Instinkt freilich für die ganze Fragwürdigkeit einer auch so begriffenen Kultur, denn was immer für den Menschen eine Chance ist, vermag sein Unglück zu werden, nichts sichert die Menschheit ab.
3b Gewiß, eine Universität unter diesen Voraussetzungen liegt nicht durchaus im Interesse unserer Leistungsgesellschaft, Wissen läßt sich büffeln, Begreifen braucht Zeit, und wer der Jugend Zeit stiehlt, läßt sie nicht reifen, fleißig kann jeder sein, aber zur Produktivität braucht es eine gewisse Faulheit, ohne die sich die Gelehrten nicht zu sammeln vermögen, sie kommen allzu schnell als Frühgeburten zur Welt.
Friedrich Dürrenmatt
aus «Denken mit F.D.»; S.87f
4a Vielleicht hat Humboldt geahnt, dass all seine Forschungen im Kern am Leben vorbeigingen, denn er konnte im Toten das Lebendige nicht finden und sollte auf ewig ein materialistischer Monist bleiben. Als solcher hat er der Menschheit unendlich viele neue, an die Wahrnehmung der Materie gebundene Erkenntnisse gebracht, ihr aber auch einen lebensverachtenden Grundzug eingefügt. Er wurde gefeiert, aber vielleicht hat er bei allen Ehren, die ihm zugeteilt wurden, geahnt, dass er die Welt mit seiner Art der Anschauung doch nicht zusammenhalten konnte - sie splitterte sich, wie heute zu besichtigen ist, in zahllose Spezialgebiete auf. Der Blick auf das universale Ganze wird an den Universitäten nicht gepflegt - wohl auch, weil den zersplitterten Fachdisziplinen weiterhin nicht das »Werdende« anstelle des »Gewordenen« als Forschungsziel gesetzt wird. Die Natur - und gar das Lebendige darin - kommt nur als konkurrierende Denkansätze, als mathematische Modelle, als Simulationen, letztlich als digitalisiertes Design vor.
4b Es gibt auf dieser Erkenntnisstufe keine Aussagen über die Natur mehr - was als zentrale Signatur der »Zweiten Wirklichkeit«, welche die naturwissenschaftlich-mechanistische Sichtweise uns übergestülpt hat, eingesehen werden muss. Was heute, nur konsequent, darin mündet, Computerchips zu entwickeln, die als Gehirnimplantate dienen können, um nun sogar unseren inneren Dialog den Rechnern zugänglich zu machen.
4c Heute sucht eine instrumentell und digital verstärkte Wissenschaft nach Verifizierungen in den Phänomenen der Natur, die ihren mathematischen Modellen nahekommen.[a] Dann wird das Modell gefeiert, weit davon entfernt, zu erkennen, dass dies prinzipiell zu wenig ist, um das Lebendige zu erfassen - was aber niemanden bis heute sonderlich interessiert, und der modernen Wissenschaft weiterhin den Zugang zu den Phänomenen des Lebendigen verstellt, was wiederum den Siegeszug des ahrimanischen Geistes um die Welt weiter befeuert.
Otto Ulrich
in »die Drei« 12/2019; S.39f
a] Eine besondere Pervertierung besteht darin, das menschliche Gehirn mit Computermodellen erklären zu wollen, da doch der Mensch mit seinem Gehirn jene Modelle erst konstruiert hat.