zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Volker HARLAN zu
SAL, MERKUR und SULPHUR
1 [...] Beuys zeichnet [...] eine Reihe von kleinen Figuren, die er in steter Metamorphose zu einem abschließendem Diagramm zusammenfasst, das das Urdiagramm der 20 Jahre später entfalteten Plastischen Theorie ist. In der Außenform zeigt es Abbreviaturen der drei Bildeprinzipien: oben eine kleine in sich kreisende Figur, unten die Außenkante von etwas kristallin Erstarrtem, in der Mitte den Rand eines Tropfens. Die Innenzeichnung gibt wieder, was Steiner als Bildetendenzen der dreigliedrigen Pflanze charakterisierte: oben ein Kreis, der nach innen hin strahlt, unten eine starre Form, die nach außen strahlt, in der Mitte dynamische Linien, die nach unten tropfenförmig geschlossen und nach oben hin geöffnet sind. Diese drei Zeichen wiesen darauf hin, dass die Blüte als vom kosmischen Umkreis her gebildet gedacht werden muss, dass die Wurzel wie Kristalle von innen nach außen wächst und dass in den Blättern metamorphosierte Formen zwischen beiden Prinzipien entstehen.
2 Das Sal genannte Prinzip ist ein Prinzip des sich Abgrenzens von der Umgebung, der Erstarrung aus dem Flüssigen, der Erhaltung des Vergänglichen, des Bleibens und Bewahrens [bei Beuys das Bestimmte, die Form].
3 Merkur ist das Prinzip des flüssig-flüchtig Beweglichen, der Verwandlung, der Gestaltung und Umgestaltung, der Bildung und Umbildung, der Metamorphose. Er ist proteusartig [bei Beuys die Bewegung].
4 Sulfur ist das Prinzip des Verbrennens, Verflüchtigens, das zum Ding gewordene Stofflichkeit zerstäubt, zu Staub und Asche werden lässt und die vorher gebundenen Imponderabilien Licht und Wärme frei werden und ausstrahlen lässt [bei Beuys das Unbestimmte, das Chaos].
5 Die Pflanze zeigt diese Bildeprinzipien in der Art, wie Beuys sie 1977 während der Documenta 6 in Kassel typisierend auf eine Wandtafel skizziert: die Zentralwurzel zeigt nach unten in die Schwere und gliedert in Reihen untereinander in gleichen Winkeln Seitenwurzeln ab; die Blätter durchlaufen eine Metamorphose von rundlichen Formen unten, die sich zu größeren, gegliederten Formen entfalten und dann in Hochblättern zusammenziehen; einfache Blüten bilden radiäre Gestalten, oftmals in Gelb- und Rottönen leuchtend, in deren Mitte die Fruchtsamenanlage liegt. Die Pflanzenbildung vollzieht sich den drei alchemistischen Gestaltungsprinzipien gemäß.
in »Das Goetheanum« 19·2021; S.11