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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Raphael KLEIMANN zur
LINDE
Schenkender, nährender Großmut, das ist auch das Signum der vielbesungenen Linde [tilia], des Lieblings und Inspirators der Romantik, Sammelpunkt der Dorfkultur als Tanz-, Liebes- und Gerichtsbaum. Wie anders ist nun das Schenken der lieblichen Linde als das des saftigen Apfels. Mehr in Luft und Duft, in der Ekstase des Mittsommers, in dem schier unerschöpflichen Nektarstrom und der summenden Wolke von Bienen seine Erfüllung findend. Dabei ist Kraft und Erdergreifung immer zugegen, werden Ströme von Wasser und darin gelösten Mineralien beständig emporgehoben in das dichte Laubwerk mit seinen bis ins letzte Glied fein durchformten Harmoniegestalten. Verwandelt tropft es dann im weiteren Umfeld des Stammes ätherisch [klebrig] herab, gleichsam ein Pflanzenmanna.
Fragt man nach dem Ursprung dieser schenkenden Kraft, so kann man Erstaunliches erleben. Nicht ein klarer Planetenarchetypus steht dahinter wie der seelenraumbildende Mond bei der Kirsche oder beim Ahorn der Jupiter in seiner Gestaltung peripherer Lichtmembranen. Hier wirken die Wandler einmal alle gemeinsam, umgeschmolzen zu einer höheren harmonischen Kraft.
Am meisten treten bei der Linde die sonnennächsten Planeten hervor: Venus in der generös schenkenden Gebärde und der verwandelnde Merkur, sogar äußerlich sichtbar im lebendigen Flechtwerk der Borke, das ätherisch sich durchdringende Auf und Ab der Bildekräfte anzeigend, und in der lebendigen Asymmetrie der herzförmigen Blätter. Dazu kommt - gar nicht im Kontrast hierzu, sondern wie selbstverständlich integriert - der Mars, der dem mineralischen und wässrigen Erdenraum zu durchdringen hilft.
Wie kann die Linde all dies zugleich leisten? Wo hat das Harmonievermögen seinen Ursprung?
Befragt man die komplexe Kraftgestalt der Ätherströme auf eine innere Anwesenheit, so kann man - von der Imagination zur Inspiration aufsteigend - erstaunt eine Himmelsheimat erleben, die in dieser Form einzigartig unter den Bäumen scheint. Ich möchte sie ‹Himmelfahrtssphäre› nennen. Sie ist weit oberhalb des Baumes wahrnehmbar als Urbild des Herzens - als Geste, als Gefühl, als strömende Bewegung mehr denn als geschlossene Form -, mit einem hohen Linden-Baumwesen in der Mitte, in schenkender, hüllender, großzügig ausgreifender Gebärde. Es ist eine subtil sich vermehrende Ansammlung von Leichtekräften, die in dem alle Naturreiche stetig durchdringenden Auferstehungsgeschehen urständet. In diesem Sinne ist sie eine Sphäre der Freiheit, natürlich-göttlich-menschlich zugleich. Sie lässt einerseits eine goldwarme Lichtsubstanz «zu freiem Wollen schenkend»[a] herunterrieseln. Zugleich aber wächst sie aus Menschenkraft, indem Ich mit Ich am Äthergewand des Christus in den Naturreichen webt.
in »Das Goetheanum« 44·2020; S.13
a] siehe Grundsstein C10f