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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
GEDANKE und GEHIRN
1 [...] Man muß sich klarmachen, was eigentlich im menschlichen Erleben der Gedanke ist, wie sich der Gedanke in das menschliche Erleben hineinstellt.
2 Der grobe Materialist unserer Zeit findet es seinen Intentionen gemäß, davon zu sprechen, daß das Gehirn den Gedanken bildet, respektive, daß das Zentralnervensystem den Gedanken bildet. Für den, der die Dinge durchschaut, ist das geradeso wahr, wie es wahr wäre, zu meinen, wenn man in einen Spiegel hineinschaut, der Spiegel habe das Gesicht gemacht, das man sieht. Aber er macht gar nicht das Gesicht, das man sieht, sondern das Gesicht ist außerhalb des Spiegels. Der Spiegel reflektiert nur das Gesicht, wirft es zurück. Ich habe das sogar schon in öffentlichen Vorträgen wiederholt auseinandergesetzt. In ganz ähnlicher Weise verhält es sich mit dem, was der Mensch an Gedanken erlebt. Wir wollen jetzt von anderen Seeleninhalten absehen. Das Gedankenerlebnis, das in der Seele regsam, real ist, indem der Mensch den Gedanken erlebt, entsteht sowenig durch das Gehirn, wie durch den Spiegel das Bild des Gesichtes produziert wird. Das Gehirn wirkt in der Tat nur als Reflektionsapparat, damit es die Seelentätigkeit zurückwirft und diese sich selber sichtbar wird. Mit dem, was der Mensch als Gedanken wahrnimmt, hat wirklich das Gehirn so wenig zu tun, wie der Spiegel mit Ihrem Gesicht zu tun hat, wenn Sie Ihr Gesicht im Spiegel sehen.
3 Aber etwas anderes ist vorhanden. Der Mensch nimmt, indem er denkt, eigentlich nur die letzte Phase seiner denkerischen Tätigkeit, seines denkerischen Erlebens wahr. Um das klarzumachen, möchte ich wiederum den Spiegelvergleich nehmen. Denken Sie sich einmal, Sie würden sich hinstellen und Ihr Gesicht in einem Spiegel sehen wollen. Wenn Sie keinen Spiegel da haben, können Sie Ihr Gesicht nicht sehen. Sie können noch so lange hinstarren, Ihr Gesicht sehen Sie nicht. Wollen Sie es sehen, so müssen Sie irgend etwas, was an Materie daliegt, so bearbeiten, daß es ein Spiegel wird. Das heißt, Sie müssen es erst zubereiten, damit es das Spiegelbild hervorbringen kann. Wenn Sie das getan haben und dann hineinschauen, sehen Sie Ihr Gesicht. - Dasselbe muß die Seele machen mit dem Gehirn, was ein Mensch mit dem Spiegel machen würde. Es geht der eigentlichen denkerischen Tätigkeit der Wahrnehmung des Gedankens eine solche Tätigkeit voraus, die, wenn Sie zum Beispiel den Gedanken «Löwe» wahrnehmen wollen, erst tief drinnen die Teile des Gehirns so in Bewegung versetzt, daß diese Spiegel werden für die Wahrnehmung des Gedankens «Löwe». Und der, welcher das Gehirn erst zum Spiegel macht, das sind Sie selber. Was Sie als Gedanken zuletzt wahrnehmen, das sind Spiegelbilder; was Sie erst präparieren müssen, damit das betreffende Spiegelbild erscheint, das ist irgendeine Partie des Gehirnes. Sie sind es selbst mit Ihrer Seelentätigkeit, der das Gehirn in diejenige Struktur und in die Fähigkeit bringt, um das, was Sie denken, als Gedanke spiegeln zu können. Wollen Sie auf die Tätigkeit zurückgehen, die dem Denken zugrunde liegt, so ist es die Tätigkeit, die von der Seele aus ins Gehirn eingreift und sich im Gehirn betätigt. Und wenn Sie eine gewisse Tätigkeit von der Seele aus im Gehirn verrichten, dann wird eine solche Spiegelung im Gehirn bewirkt, daß Sie den Gedanken «Löwe» wahrnehmen. - Sie sehen, ein Geistig-Seelisches muß erst da sein. Das muß am Gehirn arbeiten. Dann wird das Gehirn durch diese geistig-seelische Tätigkeit zum Spiegelapparat, um den Gedanken zurückzuspiegeln. Das ist der wirkliche Vorgang, der sich für so viele Leute der Gegenwart so konfundiert, daß sie ihn überhaupt nicht fassen können.
4 Wer im okkulten Wahrnehmen ein wenig vordringt, kann die beiden Phasen seelischer Tätigkeit auseinanderhalten. Er kann verfolgen, wie er zuerst, wenn er irgend etwas denken will, notwendig hat, nicht bloß den Gedanken zu fassen, sondern ihn vorzubereiten; das heißt, er hat sein Gehirn zu präparieren. Hat er es präpariert soweit, daß es spiegelt, dann hat er den Gedanken. Man hat immer, wenn man okkult forschen will, so daß man die Dinge vorstellen kann, zuerst die Aufgabe, nicht gleich vorzustellen, sondern erst die Tätigkeit auszuüben, die das Vorstellen vorbereitet. Das ist es, was so außerordentlich wichtig zu berücksichtigen ist. Diese Dinge müssen wir deshalb ins Auge fassen, weil wir jetzt erst, wenn wir sie ins Auge fassen, die wirkliche Wirksamkeit des menschlichen Gedankens vor uns haben. Jetzt wissen wir erst, wie die menschliche Denkertätigkeit arbeitet. Zuerst ergreift diese Denkertätigkeit das Gehirn, respektive das Zentralnervensystem irgendwo, übt eine Tätigkeit aus, bewegt, sagen wir, meinetwillen, die atomistischen Teile in irgendeiner Weise, bringt sie in irgendwelche Bewegungen. Dadurch werden sie zum Spiegelapparat, und der Gedanke wird reflektiert und der Seele als solcher Gedanke bewußt. Wir haben also zwei Phasen zu unterscheiden: erst vom Geistig-Seelischen aus die Gehirnarbeit; dann kommt die Wahrnehmung zustande, nachdem für diese Wahrnehmung durch die Seele die vorbereitende Gehirnarbeit getan ist. Beim gewöhnlichen Menschen bleibt die Gehirnarbeit ganz im Unterbewußten; er nimmt nur die Spiegelung wahr. Beim okkult forschenden Menschen ist wirklich das vorhanden, daß man zunächst die Vorbereitung erleben muß. Man muß erleben, wie man die Seelentätigkeit hineingießen muß und das Gehirn erst zubereiten muß, damit es sich herbeiläßt, einem den Gedanken vorzustellen.
5 Was ich jetzt auseinandergesetzt habe, geschieht beim Menschen fortwährend zwischen Aufwachen und Einschlafen. Immer arbeitet die denkerische Tätigkeit am Gehirn und macht so für den ganzen Wachzustand das Gehirn zum Spiegelapparat für die Gedanken. Aber es genügt nicht, daß in uns nur das durch Gedankentätigkeit bearbeitet wird, was wir so selbst bearbeiten. Denn das ist, man möchte sagen, eine engbegrenzte Tätigkeit, die da durch das Geistig-Seelische ausgeübt wird. Wenn wir des Morgens aufwachen, den Tag über wachen, abends wieder einschlafen, so besteht die geistig-seelische Tätigkeit, die zum Denken gehört, darin, daß diese Tätigkeit den ganzen Tag über am Gehirn arbeitet und daß dadurch das Gehirn zum Spiegelapparat wird. Aber das Gehirn muß zunächst da sein; dann kann die geistig-seelische Tätigkeit eingraben ihre kleinen Eingrabungen, man möchte sagen, ihre Notizen und Gravierungen ins Gehirn eintragen. Das Gehirn muß also in seiner Hauptform, in seiner Hauptmasse da sein. Aber das genügt nicht für unser Menschenleben.
6 Unser Gehirn könnte nicht von der alltäglichen Lebensarbeit bearbeitet werden, wenn nicht unser ganzer Organismus so zubereitet wäre, daß er eine Grundlage wäre für die Alltagsarbeit. Und diese Arbeit, die dem Menschen seinen Organismus zubereitet, geschieht aus dem Kosmos heraus. So wie wir alltäglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen an der - trivial gesagt - Durchgravierung des Gehirns arbeiten, was es zum Spiegelungsapparat für die alltäglichen Gedanken macht, so muß, wo wir nicht selber gravieren, das heißt, uns Form geben können, vom Kosmos herein uns Form gegeben werden. So wie unsere kleinen Gedanken arbeiten im Gehirn und ihre kleinen Eingravierungen machen, so muß unser ganzer Organismus vom Kosmos herein nach demselben Muster gedanklicher Tätigkeit aufgebaut werden. Und er wird das, weil dasselbe, was in uns an den kleinen Eingravierungen arbeitet, im Kosmos vorhanden ist, diesen Kosmos als Gedankentätigkeit durchwellend und durchwebend. Was uns zum Beispiel zuletzt erscheint an Ideen, was wir haben als Idealismus, das ist als die den Idealismus bewirkende Tätigkeit im geistigen Kosmos vorhanden und kann auf einen Menschen so wirken, daß sie seinen ganzen Organismus so zubereitet, daß er eben zum Idealismus hinneigt. Ebenso werden die anderen Nuancen in den Stimmungen und Zeichen aus dem geistigen Kosmos in den Menschen hereingearbeitet.[a]
7 Der Mensch ist nach den Gedanken des Kosmos aufgebaut. Der Kosmos ist der große Denker, der bis zum letzten Fingernagel so unsere Form in uns eingraviert, wie unsere kleine Gedankenarbeit die kleinen Eingravierungen ins Gehirn während des Alltages macht. Wie unser Gehirn - das heißt nur in bezug auf die kleinen Partien, wo Eingravierungen geschehen können - unter dem Einflüsse der Gedankenarbeit steht, so steht unser ganzer Mensch unter dem Einfluß der kosmischen Gedankenarbeit.
[...]
8 Wir werden aus dem Kosmos heraus gedacht. Der Kosmos denkt uns. Und wie wir in unserer kleinen Alltagsgedankenarbeit kleine Eingravierungen in unser Gehirn machen und dann die Vorstellungen Löwe, Hund, Tisch, Rose, Buch, auf, ab, links, rechts uns zum Bewußtsein kommen als die Spiegelungen dessen, was wir vorher im Gehirn präparieren - das heißt, wie wir durch die Bearbeitung des Gehirns zuletzt wahrnehmen Löwe, Hund, Tisch, Rose, Buch, auf, ab, schreiben, lesen -, so wirken die Wesen der Weltenhierarchien in der Weise, daß sie die große denkerische Tätigkeit verrichten, die Bedeutsameres in der Welt eingraviert als wir mit unserer alltäglichen Denkertätigkeit. So kommt es denn zustande, daß nicht nur die kleinen winzigen Eingravierungen entstehen, die dann als unsere Gedanken sich einzeln spiegeln, sondern daß wir selbst es sind in unserem ganzen Wesen, was wieder den Wesen der höheren Hierarchien als ihre Gedanken erscheint. Wie unsere kleinen Gehirnprozesse unsere kleinen Gedanken spiegeln, so spiegeln wir, indem in die Welt eingraviert wird, die Gedanken des Kosmos. Indem die Hierarchien des Kosmos denken, denken sie zum Beispiel uns Menschen. Wie von unseren kleinen Gehirnpartikelchen unsere kleinen Gedanken kommen, so kommen von dem, was die Hierarchien machen und wozu wir selber gehören, ihre Gedanken. Wie die Teile in unserem Gehirn für uns die Spiegelungsapparate sind, die wir erst für unsere Gedanken bearbeiten, so sind wir, wir kleine Wesen, dasjenige, was sich für ihre Gedanken die Hierarchien des Kosmos zubereiten. Also in einer gewissen Beziehung können wir sagen: Wir können uns dem Kosmos gegenüber so fühlen, wie sich eine kleine Partie unseres Gehirns gegenüber uns selber fühlen könnte. Sowenig wir aber geistig-seelisch das sind, was unser Gehirn ist, so wenig sind natürlich die Wesenheiten der geistigen Hierarchien «wir». Daher sind wir selbständig gegenüber den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und wir können sagen: In gewisser Weise dienen wir ihnen, damit sie durch uns denken können; wir sind aber zugleich selbständige Wesenheiten, die ihr Eigensein in sich haben, wie sogar in gewisser Weise die Partikel unseres Gehirns ihr Eigenleben haben.
9 So finden wir den Zusammenhang zwischen dem menschlichen und dem kosmischen Gedanken. Der menschliche Gedanke ist der Regent des Gehirns; der kosmische Gedanke ist ein solcher Regent, daß zu dem, was er auszuführen hat, wir selber mit unserem ganzen Wesen gehören. Nur müssen wir, weil er vermöge unseres Karma nicht immer alle seine Gedanken in gleicher Art auf uns wenden kann, nach seiner Logik aufgebaut werden. So haben wir Menschen eine Logik, nach der wir denken, und so haben auch die geistigen Hierarchien des Kosmos ihre Logik. Und ihre Logik besteht in dem, was wir als Schema aufgezeichnet haben (Zeichnung). Wie wir zum Beispiel, wenn wir denken, «der Löwe ist ein Säugetier», zwei Begriffe zusammenbringen zu einem Urteil, so denken die geistigen Hierarchien des Kosmos zwei Dinge zusammen, Mystik und Idealismus: Mystik erscheine im Idealismus. Denken Sie sich dieses zunächst als vorbereitende Tätigkeit des Kosmos: Mystik erscheine im Idealismus - so erklingt das schöpferische «fiat», das schöpferische Wort. Die vorbereitende Tat besteht für die Wesen der geistigen Hierarchien darin, daß ein Mensch ergriffen wird, dessen Karma es entspricht, daß sich in ihm die Anlage ausbildet, ein mystischer Idealist zu werden. Zurückgestrahlt in die Hierarchien des Kosmos ist das, was wir für uns einen Gedanken nennen würden, für sie der Ausdruck eines Menschen, der mystischer Idealist ist, der ihr Gedanke ist, nachdem sie sich das kosmische Urteil vorbereitet haben: Mystik erscheine im Idealismus!
10 Wir haben gewissermaßen das Innere des kosmischen Wortes aufgezeichnet, des kosmischen Denkens. Was wir in einem Schema aufgezeichnet haben als kosmische Logik, das stellt uns dar, wie gedacht wird von den geistigen Hierarchien des Kosmos, zum Beispiel: Empirismus erscheine im Zeichen des Rationalismus! - und so weiter. Versuchen wir uns einmal zu vergegenwärtigen, was auf diese Weise im Kosmos gedacht werden kann. Es kann gedacht werden: Es erscheine Mystik im Zeichen des Idealismus! Sie wandle sich! Es werde Empirismus im Zeichen des Rationalismus! - Widerstand! Was weiter kommen würde, würde ein falsches kosmisches Urteil sein. Der Gedanke wird umgelenkt - wir haben ein korrigiertes «falsches Denken», wie wir einen Gedanken verifizieren. Es muß erscheinen der dritte Standpunkt: Voluntarismus im Zeichen des Dynamismus. [...]
11 So spricht die Summe der geistigen Hierarchien im Kosmos. Und unsere menschliche Gedankentätigkeit ist ein Abbild, ein kleines Abbild davon. Welten verhalten sich zum Geiste oder zu den Geistern des Kosmos, wie sich unser Gehirn zu unserer Seele verhält. So können wir hineinblicken in das, was wir allerdings nur mit einer gewissen Ehrfurcht, mit einer heiligen Scheu anschauen sollten. Denn wir stehen gewissermaßen mit einer solchen Sache vor den Geheimnissen der Menschenindividualitäten. Wir lernen begreifen, daß - wenn ich mich bildlich ausdrücken darf - die Augen der Wesen der höheren Hierarchien hinschweifen über die einzelnen Menschenindividualitäten und daß ihnen die Individualitäten das sind, was uns die individuellen Buchstaben eines Buches sind, in dem wir lesen. Das ist das, was wir nur mit einer heiligen Scheu anschauen dürfen. Wir belauschen die Gedankentätigkeit des Kosmos.
Berlin, 23.Jän.1914 ♀
aus «GA 151»; S.72ff
a] vgl. Weltanschauungsstimmungen