zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
SLAWENTUM und GEISTSELBST
1 [...] Erinnern wir uns daran, daß der Ätherleib in der indischen Kultur, der Empfindungsleib in der persischen Kultur, die Empfindungsseele in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, die Verstandes- oder Gemütsseele in der griechischlateinischen Kultur, die Bewußtseinsseele in unserer, noch nicht abgeschlossenen Kultur zur Entwickelung kommt.[a] Nun folgt aber das Ergreifen des Geistselbst durch die Bewußtseinsseele, so daß hineinleuchtet das Geistselbst in die Bewußtseinsseele, was als Aufgabe der sechsten Kulturstufe nach und nach vorbereitet werden muß. Diese Kultur, die im eminentesten Sinne eine empfängliche Kultur sein muß, denn sie muß hingebungsvoll das Hereindringen des Geistselbst in die Bewußtseinsseele abwarten, wird vorbereitet durch die Völker Westasiens und die vorgeschobenen slawischen Völker Osteuropas. Die letzteren sind aus gutem Grunde mit ihren Volksseelen vorgeschoben, aus dem Grunde, weil alles, was in Zukunft kommen wird, in einer gewissen Weise seine Vorbereitung vorher erfahren muß, sich schon hineinschieben muß, um die Elemente für das Spätere abzugeben. Im höchsten Grade interessant ist es, diese vorgeschobenen Posten einer für die späteren Epochen sich vorbereitenden Volksseele zu studieren. Daher das Eigenartige der für uns zunächst östlich wohnenden slawischen Völker. Ihre ganze Kultur mutet den Westeuropäer an als sich im Vorbereitungsstadium befindend, und in sonderbarer Weise schieben sie vor, durch die Medien ihrer vorgeschobenen Posten, dasjenige, was dem Geiste nach etwas ganz anderes ist, als irgendeine Mythologie. Es würde verkennen heißen dasjenige, was von Osten herüber vorgeschoben wird als zu erwartende Kultur, es würde diese Kultur verkennen heißen, wenn man sie vergleichen wollte mit dem, was die westeuropäischen Völker in sich haben, die einen geradlinig fortlaufenden Impuls, der noch im alten Hellsehen seine Wurzel und Quelle hat, besitzen. Das Eigenartige, wodurch sich die Seele dieser osteuropäischen Völker darlebt, das drückt sich in dem ganzen Verhältnis aus, das diese Völker immer offenbarten, wenn ihre Beziehungen zu den höheren Welten in Betracht kamen. Diese Beziehung ist, wenn wir sie mit dem vergleichen, was sich in unseren Mythologien, in Westeuropa, zeigt, mit den sonderbaren, bis ins Individuelle ausgearbeiteten Götterfiguren, etwas ganz anderes. Sie tritt uns so entgegen, daß wir das, was sie uns gibt als unmittelbaren Ausfluß des Volkswesens vergleichen können mit unsern verschiedenen Planen oder Welten, durch die wir uns vorbereiten zum Begreifen einer geistigen, höheren Kultur. Da finden wir zum Beispiel im Osten folgende Vorstellung: Empfangen hat der Westen aufeinanderfolgende, nebeneinanderliegende Welten. Wir haben da zunächst ein deutliches Bewußtsein von einer Welt des kosmischen Vaters [ὁ πατήρ]. Alles dasjenige, was in Luft und Feuer, was überhaupt in den Elementen, die in und über der Erde sich finden, schöpferisch tätig ist, das tritt uns wie in einem großen, umfassenden Gesamtbegriffe, der zugleich Gesamtempfindung ist, entgegen als der Begriff des Himmelsvaters. So wie wir uns etwa die Welt des Devachan unsere Erde befruchtend denken, so tritt uns diese Himmelswelt, diese väterliche Welt, von Osten her entgegen, und sie befruchtet dasjenige, was als Mütterliches [ἡ μήτηρ] empfunden wird, den Geist der Erde. Wir haben keinen anderen Ausdruck und kein anderes Mittel, als den gesamten Geist der Erde unter dem Bilde des Befruchtetwerdens des mütterlichen Erdenwesens uns zu denken. Da stehen sich dann zwei Welten gegenüber, nicht einzelne, individuelle Götterfiguren. Und als eine dritte Welt steht jenen zwei Welten dasjenige gegenüber, was man als das Segenskind der beiden empfindet. Das ist nicht ein individuelles Wesen, nicht eine Empfindung der Seele, sondern etwas, was das Erzeugnis des Himmelsvaters und der Erdenmutter ist. So wird, aus der geistigen Welt heraus, das Verhältnis von Devachan zur Erde empfunden. Was da entsteht als der Segner, als der Frühling und als das, was da sprießt und sproßt im materiellen Leibe, das wird durchaus als Geistiges empfunden, und was da sproßt und sprießt in der Seele, das wird empfunden als die Welt, die zugleich empfunden wird als Segenskind vom Himmelsvater und der irdischen Mutter. So universell diese Vorstellungen auch sind, wir finden sie bei den vorgeschobenen slawischen Völkern, die nach Westen vorgedrungen sind. Als so universelle Empfindung finden wir das bei keiner westeuropäischen Mythologie. Da finden wir klar ausgearbeitete Göttergestalten, aber nicht dasjenige, was wir in unsern geistigen Planen darstellen; diese finden wir mehr in dem Himmelsvater, in der irdischen Mutter und dem Segenskinde des Ostens. In dem Segenskinde ist wieder eine Welt darinnen, die eine andere durchdringt. Das ist die Welt, welche allerdings schon individuell vorgestellt wird, weil sie an die physische Sonne mit ihrem Licht geknüpft ist. Dieses Wesen, das uns vielfach in der persischen Mythologie entgegengetreten ist, hat auch - allerdings in einer anders ausgebildeten Empfindungs- und Vorstellungsform - das slawische Element; es hat das Sonnenwesen, das seine Segnungen hineingießt in die anderen drei Welten, so daß das Schicksal des Menschen eingesponnen ist in die Schöpfung, in die gegebene Erde, durch die Befruchtung der Erdenmutter mit dem Himmelsvater und durch das, was hineinspinnt der Sonnengeist in diese beiden Welten. Eine fünfte Welt ist das, was alles Geistige umfaßt. Es empfindet das osteuropäische Element in allen Naturkräften und Geschöpfen die zugrunde liegende geistige Welt. Aber die müssen wir uns in einer ganz anderen Empfindungsnuance denken, vielleicht mehr mit den Naturwesen, Naturtatsachen und Naturschöpfungen verknüpft.
2 Wir müssen uns vorstellen, daß diese östliche Seele in der Lage ist, in einem Naturvorgange Wesen zu sehen, nicht bloß das Äußerlich-Physisch-Sinnliche, sondern das Astral-Geistige. Daher die Vorstellungen einer ungeheuren Anzahl von Wesenheiten in dieser eigenartigen geistigen Welt, die sich höchstens vergleichen läßt mit der Welt der Lichtelfen. Die geistige Welt, welche von den geisteswissenschaftlichen Vorstellungen als die fünfte Welt angesehen wird, ist ungefähr die Welt, die da aufdämmert dem Volksgemüte des Ostens. Ob Sie sie mit diesem oder jenem Namen benennen, darauf kommt es nicht an, aber darauf kommt es an, daß die Empfindungen nuanciert und schattiert sind, daß die Vorstellungen, durch welche dieser fünfte Plan oder diese fünfte geistige Welt charakterisiert worden ist, sich in der Welt des Ostens findet. Mit dieser Empfindung arbeitete diese Welt des Ostens demjenigen Geiste vor, der das Geistselbst in die Menschen hineinbringen soll, für jene Epoche, wo aufsteigen soll die Bewußtseinsseele zum Geistselbst im sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum, der unseren fünften ablösen wird. In einer höchst eigenartigen Weise tritt uns das nicht nur in den Schöpfungen der Volksseelen entgegen, die so sind, wie ich sie eben charakterisiert habe, sondern auch in einer wunderbar vorbereitenden Weise in den mancherlei anderen Äußerungen Osteuropas und seiner Kultur.
3 Es ist sehr merkwürdig und im höchsten Grade interessant, wie dieser Osteuropäer seine Anlage für Empfänglichkeit dem reinen Geiste gegenüber dadurch ausdrückt, daß er die westeuropäische Kultur mit großer Hingebung aufnahm, dadurch prophetisch andeutend, daß er noch Größeres mit seinem Wesen wird vereinigen können. Daher auch das geringe Interesse, das er den Einzelheiten dieser westeuropäischen Kultur entgegenbringt. Er nimmt das sich Darbietende mehr in großen Zügen und weniger in den Einzelheiten auf, weil er sich vorbereitet, dasjenige sich anzueignen, was als Geistselbst in die Menschheit hineintreten wird. Insbesondere interessant ist es zu sehen, wie unter diesem Einfluß im Osten ein viel fortgeschrittenerer Christus-Begriff [ὁ χριστός] hat zustande kommen können als in Westeuropa, soweit er dort nicht durch die Geisteswissenschaft zustande gekommen ist. Von allen ihr Fernstehenden hat den fortgeschrittensten Christus-Begriff der russische Philosoph Solowjow. Er hat einen solchen Christus-Begriff, daß er nur von Schülern der Geist-Erkenntnis verstanden werden kann, weil er ihn immer weiter hinaufentwickelt und in unendlicher Perspektive zeigt, so daß von ihm gezeigt wird, daß das, was heute die Menschen davon erkennen, nur der Anfang ist, weil der Christus-Impuls erst wenig der Menschheit offenbaren konnte von dem, was er in sich enthält. Aber wenn wir in bezug auf den Christus-Begriff hinschauen, wie er zum Beispiel bei Hegel gefaßt ist, so werden wir finden, daß man sagen kann: Hegel faßt ihn so, wie die feinste, die sublimierteste Bewußtseinsseele ihn fassen kann. Ganz anders aber tritt uns der Christus-Begriff bei Solowjow entgegen. Da wird die Zweigliedrigkeit im Christus-Begriffe klar, und es wird alles dasjenige abgelehnt, was in den verschiedensten theologischen Streitigkeiten zum Ausdruck gekommen ist und was im Grunde genommen auf tiefen Mißverständnissen beruht, weil gewöhnliche Begriffe nicht ausreichen, um den Christus-Begriff in seiner zweifachen Wesenheit verständlich zu machen, nicht ausreichen, um zu verstehen, daß das Menschliche und das Geistige darin genau unterschieden werden müssen. Gerade darauf beruht der Christus-Begriff, daß genau gefaßt wird, was geschah, als in den Menschen Jesus [יהשוה] von Nazareth, der ausgebildet hatte alle erforderlichen Eigenschaften, der Christus hineinkam. Da hat man dann zwei Naturen darinnen, die zunächst erfaßt werden müssen, obwohl sie sich auf einer höheren Stufe wieder in eine Einheit zusammenfassen. So lange hat man den Christus nicht in seiner vollen Gestalt erfaßt, als man diese Zweigliedrigkeit nicht erfaßt hat. Dies kann aber nur dasjenige philosophische Erfassen, das vorausahnt, daß der Mensch selber in eine Kultur hineinkommen wird, wo seine Bewußtseinsseele in dem Zustand sein wird, daß das Geistselbst ihm zukommen kann, so daß der Mensch sich in dieser sechsten Kulturperiode als eine Zweiheit fühlen wird, bei der die höhere Natur die niedere in Zaum und Zügel halten wird.
4 Diese Zweigliedrigkeit trägt Solowjow in seinen Christus-Begriff hinein und macht ausdrücklich geltend, daß der Christus-Begriff nur dann einen Sinn haben kann, wenn man eine göttliche und eine menschliche Natur annimmt, die nur dadurch, daß sie real zusammenwirken, daß sie nicht eine abstrakte, sondern eine organische Einheit sind, begriffen werden können. Solowjow erkennt bereits, daß in diesem Wesen zwei Willenszentren vorgestellt werden müssen. Wenn Sie die Solowjowschen Theorien von der wahren Bedeutung der Christus-Wesenheit nehmen, wie sie durch das Vorhandensein des nicht bloß gedachten, sondern spirituell wirklichen indischen Einflusses entstanden, dann haben Sie da den Christus so, daß in ihm ausgebildet ist in den drei Leibern das Moment des Fühlens, das Moment des Denkens und das Moment des Wollens. Sie haben da ein menschliches Fühlen, Denken und Wollen, in das sich hineinsenkt das göttliche Fühlen, Denken und Wollen. Das wird die europäische Menschheit erst ganz verarbeiten, wenn sie zur sechsten Kulturstufe hinaufgestiegen sein wird. Prophetisch ist das in wunderbarer Weise zum Ausdruck gekommen in dem, was bei Solowjow als Christus-Begriff wie die Morgenröte einer späteren Kultur voranleuchtet. Daher geht diese Philosophie des östlichen Europa mit solchen Riesenschritten über das Hegeltum und den Kantianismus hinaus, und man fühlt, wenn man in die Atmosphäre dieser Philosophie kommt, plötzlich etwas wie einen Keim einer späteren Entfaltung. Das geht deshalb so weit, weil dieser Christus-Begriff als ein prophetisches Voranleuchten, als die Morgenröte der sechsten nachatlantischen Kultur empfunden wird. Dadurch wird das ganze Christus-Wesen und die ganze Bedeutung des Christus-Wesens für die Philosophie in den Mittelpunkt gerückt, und es wird dadurch zu etwas ganz anderem als dem, was die westeuropäischen Begriffe davon zu geben vermögen. Der Christus-Begriff, soweit er auf nicht geisteswissenschaftlichem Gebiete ausgearbeitet ist und begriffen wird als lebendige Substanz, die hineinarbeiten soll wie eine geistige Persönlichkeit in alles staatliche und soziale Wesen, - der empfunden wird wie eine Persönlichkeit, in deren Dienerschaft sich der Mensch als «Mensch mit dem Geistselbst» befindet, diese Christus-Persönlichkeit wird in einer wunderbar plastischen Weise ausgearbeitet in den verschiedenen Auseinandersetzungen, die Solowjow gibt über das Johannes-Evangelium und seine Eingangsworte [Jh.1,1-3]. Wiederum nur auf geisteswissenschaftlichem Felde kann sich ein Verständnis für das finden, wie bei Solowjow tief erfaßt wird der Satz: «Im Urbeginne war das Wort oder der Logos», wie anders das Johannes-Evangelium gerade erfaßt wird durch eine Philosophie, bei der gefühlt werden kann, daß sie eine keimende Philosophie ist, daß sie in einer merkwürdigen Weise in die Zukunft hineinweist.
Kristiania, 16.Jun.1910 ♃
aus «GA 121»; S.173ff
a] siehe Mbl.5 u. Mbl.7