zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
ELIAS°
1 Dieser Umschwung sollte sich in der damaligen Zeit vollziehen. Wenn solche Umschwünge in der Zeit vor sich gehen sollen, müssen immer Persönlichkeiten da sein, in deren Seelen sich so etwas zuerst vollzieht, in die gleichsam hineinwirken kann dasjenige, was als ein neuer Impuls, eine neue Kraft in der Geschichte auftreten soll. Wenn das Wort nicht mißverstanden wird, kann man sagen: Es war durch das Völkerschicksal diejenige Individualität, die mit dem Namen des Propheten Elias bezeichnet wird, ausersehen, um den Jahve°-Gedanken in einer solchen Weise zuerst in der eigenen Seele zu erfassen. - Dazu war notwendig, daß in der Seele dieser Persönlichkeit ganz besondere Kräfte aus den verborgenen Untergründen und Tiefen aufstiegen, die vorher nicht bei den Menschen, auch nicht bei den Lehrern der Menschheit waren. Eine Art mystischer Einweihung erster Art, durch welche die Kunde von einem solchen Gott hereinziehen konnte, mußte sich in der Wesenheit des Elias abspielen. Daher ist von ungeheurer Wichtigkeit, um dieses Hereindringen des Jahve-Gedankens in der charakterisierten Weise zu zeigen, daß man in die Seele desjenigen Mannes hineinschaue, in dem zuerst der Geist verkörpert war, der in solcher Art durch seine Einweihung, durch seine Durchdringung mit den verborgenen Kräften der Seele, wie es für den ersten, tonangebenden Geist notwendig war, den Jahve-Gedanken möglich machen sollte.
2 Mit dem, was solche Persönlichkeiten als einen bedeutsamen Ruck nach vorwärts zuerst in ihrer eigenen Seele erleben, stehen sie ja allein da. Aber sie versammeln Schüler um sich. Das, was man die großen religiösen oder Propheten-Schulen innerhalb Palästinas, was man die Initiations- oder Mysterienstätten bei anderen Völkern nennen kann, das gehört zu solchen Schulen. So war denn der Prophet Elias, wenn wir diesen Namen gebrauchen wollen, ebenfalls von einigen Schülern umgeben, die nur von unten zu ihm aufblickten, aber doch in einer gewissen Weise wenigstens wußten, um was es sich handelte, wenn sie auch nicht sehr tief in seine Seele hineinschauen konnten. Die andern Menschen aber wußten nicht, wo derjenige steckt, in dem solches vorging. Man mußte sich nur sagen: Er ist da, es geht etwas vor. - Was wir vielleicht in unserer Sprache, wenn der Name nicht mißbraucht wird, eine Art Gerücht nennen würden, verbreitete sich. Das Gerücht verbreitete sich, daß der Prophet da sei, aber man wußte nicht wo. Denn solche Propheten, solche bedeutsamen Geister hatten eine ganz bestimmte Kraft. Es mag das, was ich hiermit sage, wenn man nur auf unsere Zeit blickt, etwas grotesk erscheinen, für den aber, der die Eigentümlichkeiten alter Zeiten kennt, braucht es durchaus nicht grotesk zu sein. Eine ganz besondere Kraft hatten diese Persönlichkeiten, eine Kraft mit einer großen und einschneidenden Wirksamkeit, die sich da und dort zeigt, nicht bloß in den Schauergefühlen, sondern auch in Positivem, das sie sozusagen den Seelen einträufeln, um dadurch so zu wirken, daß man eigentlich nicht weiß, wo die äußere Persönlichkeit steckt. Die äußere Persönlichkeit solcher Geister ist zuweilen eine recht unscheinbare. Die Schüler wissen es. Irgendwo, vielleicht in einer höchst unscheinbaren äußeren Stellung, tritt die äußere Persönlichkeit auf.
3 Und siehe da: in jener Zeit war die äußere Persönlichkeit, die der Träger des eben charakterisierten Geistes war, ohne daß Ahab°, der König von Samaria, eine Ahnung davon hatte, eigentlich sein Nachbar. Er war in seiner unmittelbaren Nähe. Aber König Ahab wußte nichts davon. Er suchte die Persönlichkeit, von der er so sprechen konnte, wie es jetzt charakterisiert worden ist, überall, nur nicht in dem schlichten Besitzer eines kleinen Gutes, das in seiner unmittelbaren Nähe war. Denn wo diese Persönlichkeit zu gewissen Zeiten war, warum sie zuweilen abwesend war, darüber machte sich der König keine Gedanken. [Achabs Gemahlin] Jesabel° wußte es, teilte aber zunächst ihr Geheimnis dem Ahab nicht mit. Sie behielt es aus Gründen, die wir nachher erkennen werden, eben für sich. Diejenige Persönlichkeit nun, welche eigentlich der äußere physische Träger des Elias ist, wird auch in der Bibel mit einem Namen genannt. Sie heißt dort Naboth°[a], so daß wir in Wahrheit nach den geisteswissenschaftlichen Forschungen in dem biblischen Naboth den physischen Träger der geistigen Individualität des Elias zu sehen haben.
4 Es kam in jener Zeit der Hungersnot, wo viele eben hungern mußten, in gewisser Weise auch über Naboth die Not. In solchen Zeiten, wo nicht nur der Hunger wirkt, was in der damaligen Zeit allerdings der Fall war, sondern wo auch das unendliche Mitleid mit den Hungernden, mit den Bedrängten wirkt, sind die Verhältnisse besonders günstig, daß in dem durch sein Schicksal oder durch sein Karma dazu Vorbereiteten jene verborgenen Seelenkräfte hereinkommen können, durch die er zu einer solchen Mission sich aufschwingen kann, wie es angedeutet worden ist. Machen wir uns nun klar, was in einer solchen Seele vorgeht, was also in Naboths Seele vorgegangen ist.
5 Was vorgeht, sind zunächst rein innerliche Vorgänge, ist eine bedeutsame Selbsterziehung oder Selbstentwickelung der Seele zu höheren geistigen Höhen. Was die Seele innerlich erlebt an Aneignung von Kräften, durch die sie hineinschaut in die geistigen Welten, um aus ihnen wieder herunterzutragen, was als Impulse der Menschheitsentwickelung eingepflanzt werden soll, ist außerordentlich schwer zu schildern, läßt sich außerordentlich schwer in Worte kleiden, weil es nicht einmal dem, der so etwas erlebt, so zum Bewußtsein kommt, namentlich in jenen alten Zeiten nicht so zum Bewußtsein kam, daß er es in genaue, scharf konturierte Begriffe hätte bringen können. Man macht eine hellseherische Entwickelung der Seele durch in verschiedenen Stufen. Bei einer solchen Wesenheit wie Naboth geht natürlich das voraus, daß sie zuerst das bestimmteste innere Erlebnis hat: In mir soll aufleuchten die Kraft, die jetzt in die Menschheit hereinkommen soll. Ich soll ihr ein Gefäß sein. - Dann aber kommt das andere Erlebnis: Ich muß nun alles daransetzen, daß ich mich dieser Kraft würdig mache, daß die Kraft in mir in richtiger Weise sprechen kann, daß ich mir die entsprechenden Eigenschaften aneigne, die mir die Fähigkeiten geben, das zu erleben, was ich erleben muß, damit ich die Kraft in der richtigen Weise den Mitmenschen mitteilen kann.
6 So muß eine solche Persönlichkeit mancherlei Stufen durchmachen. Wenn eine entsprechende Stufe dann erreicht ist, treten für die eigene Seele gewissermaßen bestimmte Zeichen auf, die nicht etwa Träume sind, aber innere Erlebnisse, auch nicht nur Visionen, denn es liegt ihnen die Realität der Entwickelung der eigenen Seele zugrunde. Es treten Bilder auf, welche die Anzeichen dafür sind: Jetzt bist du in deiner Seele so weit, daß du es wagen kannst, zu wirken. - Die Bilder als solche brauchen nicht viel zu tun zu haben mit dem, was die Seele in Realität durchmacht. Sie sind bloße Symbole in der Weise, wie auch der Traum symbolisiert. Es sind aber in einer gewissen Weise typische Symbole, wie wir auch unter gewissen Umständen bestimmte Träume haben, so zum Beispiel bei pochendem Herzen den Traum eines glühenden Ofens. So treten bestimmte visionartige Erlebnisse auf, wenn die betreffende Seele wieder dieses oder jenes an hellseherischer Kraft sich angeeignet hat. Bei jenem Naboth trat das zuerst auf, daß er durch ein solches Bild erkannte: «Du bist es, durch den verkündet werden soll, daß man vertrauen kann auf den alten Jahve-Gott und vertrauen muß, auch wenn der äußere Schein des geschichtlichen Verlaufes durch die Not, die hereingebrochen ist, dawiderspricht. In Ruhe muß man warten, bis die Zeiten wieder besser werden, denn dem Ratschluß des alten Jahve-Gottes entspricht es, Not und auch wieder Glück zu bringen. Aber niemals darf das Vertrauen schwinden.» Daß dieses durch ihn Auszusprechende eine unerschütterliche, überzeugende Kraft in seiner Seele ist, das wurde dem Naboth klar. Es stand vor ihm lebendig als etwas, was mehr war als eine bloße Vision. Es stand vor seiner Seele der Gott selber, wie er sich ihm vorstellen konnte in einem Gesicht und zu ihm sprach: «Gehe zum König Ahab und sage: Es muß vertraut werden auf den Jahve-Gott, bis er wiederum regnen läßt»,-das heißt, bis wieder bessere Zeiten kommen. Da wußte dieser Mann seine Mission, wußte, daß er sich jetzt der weiteren Ausbildung der Seelenkraft zu widmen hatte, die zu voller Entwickelung das bringen kann, was ihm so vor dem geistigen Auge stand, und er entschloß sich dazu mit allen Opfern, soweit es nur möglich war, einer derjenigen zu sein, die am meisten der Not der damaligen Zeit, auch dem Hunger, ausgesetzt waren. Er hungerte wahrlich nicht - ich betone, daß hier nicht etwa eine Hungerkur zur Erlangung geistiger Erkenntnis anempfohlen werden soll -, um in höhere Welten hinaufzusteigen, er hungerte aus keinem andern Impulse, als die andern hungerten, nicht nur um das Schicksal der andern zu teilen, sondern es sogar in einem erhöhten Maße zu teilen. Seine Seele aber war in einer unausgesetzten inneren Kontemplation dem Gotte hingegeben, der sich ihm in der geschilderten Art offenbart hatte, und er wandte seine Gedanken nicht von diesem Gotte ab. Wir würden heute in der Geisteswissenschaft sagen: Seine ganze Meditation war, daß er mit voller Willkür diesen Gedanken in den Mittelpunkt seiner Seele brachte. - Daß er damit richtig handelte, zeigte sich ihm wieder in einem Zeichen, in einem inneren Gesichte, das wieder mehr war als eine bloße traumhafte Vision, indem vor ihm in aller Lebendigkeit das Bild des Gottes stand, der ja in seiner Seele lebte und ihm sagte: «Harre aus, ertrage alles! Derjenige, der die Menschen und auch dich ernährt, wird dir das Nötige geben. Nur unbedingtes Vertrauen in den ewigen Bestand der Seele mußt du haben!» Das Bild trat auf, als ob er - ein Einsiedler, der die Sache mehr in bildhafter Realität darstellte - hinginge an den Bach Krith°, dort sich verberge und sich von dem Wasser des Baches, solange eines da war, tränkte und sich nährte von dem, was ihm der Gott schickte, was er eben unter der Not der Zeit noch haben konnte. Es erschien ihm als Bild einer besonderen Gnade des Gottes, daß ihm die Raben diese Nahrung zubrachten. So hatte er in diesem Gesicht eine Bekräftigung dessen, was er wieder in seinem Inneren als die Hauptsache zu durchleben hatte.
7 Dann sollte er eine höhere Stufe in bezug auf die verborgenen Seelenkräfte erleben. Siehe da, er versuchte noch tiefer, so würden wir heute sagen, in jene Meditation sich hineinzuversenken, von der er ausgegangen war, und die wir schon charakterisiert haben. Diese Meditation, dieses innere Erleben nahm dann folgenden Charakter an. Er sagte sich: Wenn du überhaupt der Vision gewachsen sein sollst, welche da von einem ganz neuen Gottesbild hereinleuchtet, so mußt du im Grunde genommen innerlich, auch in den tiefsten Kräften deiner Seele, ein ganz anderer werden, als du bis jetzt gewesen bist. Du mußt eigentlich die Seele, die in dir lebt, überwinden, ablegen, und du mußt aus deinen tieferen Seelenkräften heraus in einer neuen Art dasjenige beleben, was du zwar hast, was aber so als dein eigentliches Ich nicht bleiben darf, wie es ist. - So arbeitete er unter dem Einfluß dieses Gedankens an seiner Seele intensiv, in innerer Arbeit, an einer Umwandlung, an einer Umgestaltung seines eigenen Ich, damit es würdig werden konnte, sich dem Gotte gegenüberzustellen, der sich ihm offenbart hatte. Wiederum ergab sich für ihn eine Art Gesicht, eine Art Vision, aber eben etwas, was viel mehr ist als eine Vision und doch viel weniger Wert hat, denn den eigentlichen Wert haben die inneren Seelenvorgänge. Es ergab sich ihm das Gesicht, daß sein Gott, der sich ihm offenbart hatte, ihn nach Sarepta° schickte, daß er dort eine Witwe° antraf, die einen Sohn° hatte. Jetzt erscheint ihm die Art und Weise, wie er leben soll, gleichsam personifiziert in dem Schicksal dieser Witwe und ihres Sohnes. Die haben kaum mehr etwas zu essen, so tritt die Vision vor seine Seele. Das letzte, was sie haben, wollen sie noch anwenden und dann sterben. Er aber sagt jetzt das, was er im Grunde genommen zu seiner eigenen Seele von Tag zu Tag, von Woche zu Woche im einsamen Nachdenken gesagt hatte, wie in einem Traum, wie in einem Gesicht zu dieser Witwe: «Sorget nicht, bereitet ruhig aus dem Mehl, das Ihr noch habt, das Mahl, das bereitet werden soll für Euch und auch für mich. Vertrauet für alles, was kommen soll, auf den Gott, der Glück und Unglück bringen kann, an dem man nie irre werden darf!» Und siehe da, es zeigte sich ihm im Traum, im Gesichte, war in der Vision ausgedrückt, daß der Mehlbehälter und der Ölkrug nicht leer wurden, sondern sich immer wieder füllten. Sein ganzer Seelenzustand drückte sich im Gesichte so aus, als er gleichsam für diese Persönlichkeit reif geworden war, als ob diese Persönlichkeit hinzöge in das Haus der Witwe und in dem oberen Stockwerk dieses Hauses wohne. Aber die innere Realität ist die, daß die eigene Seele gleichsam ein höheres Stockwerk besteigt, zu einer höheren Stufe ihrer Entwickelung hinaufgelangt. Jetzt aber tritt ihm im Gesicht entgegen, wie der Sohn jener Frau stirbt. Das ist nichts anderes als die symbolische Widerspiegelung dafür, wie er überwunden, gleichsam getötet hat, was sein Ich bisher war. Die unterbewußten Kräfte seiner Seele fragen ihn: «Was sollst du jetzt tun?» Er steht gewissermaßen ratlos da. Da nimmt er sich selbst zusammen durch die Kraft, die bisher in ihn geflossen ist, und versenkt sich weiter in das, was ihm zum Sichversenken gegeben ist. Da stellt sich dar, daß, nachdem der Sohn dieser Witwe gestorben ist, diese Frau ihm Vorwürfe macht, das heißt sein eigenes seelisches Unterbewußtsein ihm Vorwürfe macht und ihm Besorgnis einjagt: Das alte Ich-Bewußtsein ist nun fort, wie nun weiter? - Im Bilde dargestellt ist es so, daß er den Sohn zu sich kommen läßt, sich kühn in seine Seele weiter vertieft und dadurch den toten Sohn wieder zum Leben bringt. Das gibt ihm Mut zur weiteren Belebung des neuen Ich aus dem alten Ich.
8 So reifte er heran. So reifte seine Seele heran, daß sie in sich die Kraft haben konnte, nun auch wirklich vor die äußere Welt hinzutreten und zu verkündigen, was dieser äußeren Welt zu sagen war, vor allen Dingen vor den König Ahab hinzutreten, um zur Entscheidung zu bringen den Sieg der neuen Jahve-Auffassung gegenüber demjenigen, was aus der Schwäche der Zeiten an deren Stelle getreten war, und dessen Repräsentant der König Ahab war.
9 Von irgendwoher - jedenfalls hatte Ahab keine Ahnung, woher der Mann kam - kam dieselbe Persönlichkeit an König Ahab heran, der in seinem Reiche sorgend herumging und sich die Not besah. Da traf er auf diesen Mann. Und es machte sich etwas geltend in Ahabs Seele bei den Worten, die dieser Mann zu ihm sprach, obwohl er durchaus nicht wußte, daß es sein Nachbar war, als ob das Schauervolle jetzt in einem besonderen Maße vor ihm stünde, was er immer empfunden haue, wenn von jenem Geiste gesprochen wurde, der in der Bibel mit dem Namen des Propheten Elias genannt wird. «Bist du etwa der Mann, der Israel verwirrt? » fragte ihn Ahab. «Nein», antwortete Naboth-Elias, «sondern du selbst bist es, der Unglück und Unheil bringt über Israel. Die Entscheidung muß herbeigeführt werden, welchem Gotte sich nunmehr unser Volk zuwenden soll.»
Berlin, 14.Dez.1911 ♃ (aus «GA 61»; S.200ff)
° zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch
a] vgl. E.Bock zu Naboth
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit106100200.htm