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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Paul K. FEYERABEND zur
GESICHTSWIRKLICHKEIT
1 Tische und Stühle sind aber beileibe nicht die wichtigsten Alltagsobjekte, sondern dies sind Menschen und vor allem ihre Haltung, wie sie sich in ihrem Gang und in ihrem Gesicht ausdrückt. Wir wollen daher einen genaueren Blick auf Gesichter werfen.
2 In seinem Buch Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, Jena: Fischer 1900, 3, Fußnote 1, beschreibt Ernst Mach das folgende Phänomen:
Als junger Mensch erblickte ich einmal auf der Strasse ein mir höchst unangenehmes widerwärtiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht wenig, als ich erkannte, dass es mein eigenes sei, welches ich an einer Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte Spiegel wahrgenommen hatte. - Vor nicht langer Zeit stieg ich nach einer anstrengenden nächtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermüdet in einen Omnibus, eben als von der andern Seite auch ein Mann hereinkam. »Was steigt doch da für ein herabgekommener Schulmeister ein«, dachte ich. Ich war es selbst, denn mir gegenüber hing ein grosser Spiegel.
3 Wie sollen wir diese Erscheinung deuten? Sollen wir sagen, daß der erste Sinneseindruck, da er vorurteilsfrei war, uns den wirklichen [a] Charakter Ernst Machs zeigt? Oder sollen wir den zweiten Sinneseindruck bevorzugen, der das Ergebnis lebenslangen Beobachtens ist?
4 Vor einiger Zeit besuchte ich eine Freundin, die ich fast fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte. Ich läutete, die Tür wurde geöffnet, und ich sah mich einer rundlichen, kleinwüchsigen, grauhaarigen Frau gegenüber. „Sie hat eine Haushälterin”, dachte ich - aber nur für einen Augenblick, denn schon bald erkannte ich sie wieder. Sofort wuchs das altbekannte Aussehen, das Gesicht wirkte wieder jünger und beinahe so wie vor fünfzehn Jahren. Welcher Sinneseindruck spiegelte die »Wirklichkeit« wider? Der erste Sinneseindruck, der der von einer unbekannten Frau war, aber zum Lebensalter paßte - oder der zweite Sinneseindruck, der falsch war, aber auf Lebenserfahrung beruhte und viele Erlebnisse enthielt, die wir geteilt hatten? Und was war mit meinen Träumen, in denen sie mit einem völlig anderen Gesicht auftauchte, aber deutlich erkennbar war? Wie verhält es sich bei Photographien, Zeichnungen, Ikonen, die ein und dieselbe Person darstellen, aber unterschiedliche und nicht zusammenpassende Züge zeigen? Einstmals blinde Menschen können ihre Freunde und ihre Haustiere inmitten eines Chaos von Eindrücken ausmachen, die auf sie einstürzen, sobald sie zum ersten Mal sehen können. Was sie bemerken sind nahezu formlose Farbkleckse - aber diese stehen deutlich für die Personen, die sie aus persönlichem, doch nicht visuellem Umgang kennen. Bedenkt man diese Fülle von Phänomenen und beharrt auf einer eindeutigen Verbindung zwischen der offenkundigen Evidenz und der »Realität«[a], so wird man zu der Schlußfolgerung gezwungen, daß »die Evidenz meiner Sinneswahrnehmung insgesamt in Hinsicht auf« Gesichter nicht nur in sich selbst unstimmig ist, sondern auch mit der Evidenz anderer Personen nicht zusammenpaßt, und daß die erschlossene »Realität« ein Trugbild sein könnte. Dichter (wie beispiesweise Pirandello) haben diese Situation in eindrucksvoller Weise beschrieben.
5 Familienmitglieder, die Einwohner eines Dorfes, die Mitglieder eng zusammengewachsener Berufsgruppen (Schauspieler, Wissenschaftler, Geschäftspartner, Soldaten, die hinter den feindlichen Linien operieren) kommen zu einem Urteil über die Persönlichkeit eines Menschen, mit dem sie zusammenleben und ihre Handlungen abstimmen und, gelegentlich, ihr Leben auf der Grundlage einer gemeinsamen Entscheidung führen. Offensichtlich gehen sie nicht »wissenschaftlich« vor, und zwar in dem Sinne, daß sie Hypothesen [Unterstellungen] aufstellen würden, die sich auf eine klar definierte Evidenz beziehen. Könnten psychologische Tests die wissenschaftliche Ordnung wiederherstellen? Sie können es - aber das ist nicht der Punkt. Denn die Frage lautet, ob es Individuen, Dorfbewohnern, den Mitgliedern eng zusammengewachsener Gruppen besser gehen würde, wenn sie, sagen wir, das Minnesota Multiphasic Personal Inventory nutzen würden, statt das zu tun, woran sie gewöhnt sind. Wir wissen es nicht und werden es niemals wissen - es gibt keine Möglichkeit, außer der Tyrannei, unverfälschte Beispiele zu erhalten, wie sie für eine wissenschaftliche Überprüfung nötig wären. Nebenbei, selbst ein strenger wissenschaftlicher Test mit angemessenen, ausgewählten Beispielen hinge davon ab, was als »besseres Leben« betrachtet würde. Einige Menschen könnten häufige Streitereien einer besinnlichen Friedhofsruhe vorziehen.
6 Ich ziehe die Schlußfolgerung, daß es große Gebiete gibt, wo die Frage danach, was wirklich ist und was nicht (und somit, was wahr ist und was nicht), nicht nur ohne Antwort bleibt, sondern aufgrund der Natur der Sache nicht beantwortet werden kann. Diejenigen, die an eine gleichförmige Welt glauben und die Verbindung mit der Erfahrung nicht kappen möchten, müssen deshalb die von mir beschriebenen Phänomene als verworrene Erscheinungen einer Realität ansehen, die niemals zu erkennen ist.
7 [...] möchte ich aber gern herausstreichen, daß in der Praxis Fragen der Realität auf ganz andere Weise entschieden werden. Was gewöhnlich geschieht, ist, daß mächtige Verbände Ideen, die zu ihrem Forschungsprogramm [oder zu ihrer Ideologie] gehören, so behandeln, als ob sie Bestandteile der Realität wären. Falls sie über Einfluß verfügen, so kann ihre Realität zur Grundlage einer Neuausrichtung in der Erziehung, der Politik oder der Medizin werden. Auf diese Weise hielt die Religion [eigentl. Konfession] die Menschen gefangen, und so werden Ansichten zur Intelligenz, zur menschlichen Natur, zu Geist und Körper eingesetzt, um die Gesellschaft makellos zu erhalten.² Erst unlängst wurde Daniel Koshland, der Herausgeber von [der 1880 begründeten Wochenschrift] Science, gefragt, ob die riesigen Geldsummen, die für das [von 1990 bis 2004 laufende HGP] Human-Genom-Projekt ausgegeben werden, nicht besser dafür verwendet werden sollten, das Elend der Obdachlosen zu lindern. Seine Entgegnung: „Was diese Leute [das heißt jene, die diese Frage stellten] nicht begreifen, ist, daß die Obdachlosen beeinträchtigt sind”, und er meinte damit, daß Obdachlosigkeit ein genetisches und kein politisches oder kulturelles Problem sei, und sie deshalb mit molekularbiologischen Methoden behandelt werden sollte. Es spielt keine Rolle, daß diese Aussage weit über das Wissen innerhalb der Molekularbiologie hinausgeht.³ Public Relations hielt das Projekt am Laufen. Weitere PR sorgt für einen beständigen Geldfluß an die, die an ihm arbeiten.
S.222ff
2 Stephen Jay GOULD hat einige Aspekte dieses Prozesses in The Mismeasure of Man, Harmonsworth: Penguin 1984, beschrieben.
3 Vgl. hierzu R. C. LEWONTIN, The Dream of the Human Genome, in: New York Review of Books, 28. Mai 1992, mit Verweisen [u. »TzN Dez.2009«: Anm.b].
S.334
aus „Welche Realität?” („Quale realtà?”) 1995
in: «Die Vernichtung der Vielfalt»
a] zum Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität siehe »TzN Jän.2004«: Anm.b