zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Jean GEBSER zum
PERSPEKTIVENBEGRIFF
Eine nicht zu verkennende Neukonstellierung der Bewußtseinsstruktur erfolgte kaum ein halbes Jahrtausend zurück, in der Frührenaissance, durch die Entdeckung der Perspektive, mittels derer der Raum erschlossen wurde¹. Sie ist derart untrennbar mit der gesamten Geisteshaltung der »Neuzeit« verflochten, daß es sich empfiehlt, diese Epoche das »perspektivische Zeitalter« zu nennen. Damit wird das der Renaissance unmittelbar vorausgehende Zeitalter als das »unperspektivische« charakterisiert. Und ist mit dieser Charakterisierung ein Fundament erkannt, so ergibt sich - und zwar sowohl auf Grund der heutigen Physik wie der bildenden Kunst und Dichtung, die mit der Einbeziehung der Zeit (als der vierten Dimension [a]) in die Raumvorstellung dem Neuen eine erste Manifestationsbasis geschaffen haben - für das neue, aufdämmernde Bewußtsein die entsprechende Bezeichnung; wir können es aperspektivisch nennen. »Aperspektivisch« ist nicht als Gegensatz [b] oder als bloße Verneinung von »perspektivisch« zu verstehen. Der Gegensatz zu perspektivisch ist unperspektivisch; zwischen den drei Formen unperspektivisch, perspektivisch und aperspektivisch besteht dasselbe Sinnverhältnis wie beispielsweise zwischen unlogisch, logisch und alogisch, oder wie zwischen umoralisch, moralisch und amoralisch². Der Gebrauch dieser Bezeichnung »aperspektivisch« läßt eines deutlich erkennen: daß es gilt den bloßen Dualismus von Bejahung und Verneinung zu überwinden. In den sogenannten Urworten ist der Gegensinn noch enthalten gewesen: noch im Lateinischen heißt »altus« sowohl »hoch« als auch »tief«, »sacer« sowohl »heilig« als auch »verflucht«. Solche Urworte bildeten noch eine ununterschiedene, psychisch betonte Einheit, deren Doppelwertigkeits-Charakter dem frühen Ägypter und Griechen durchaus gegenwärtig war³. Für unser Sprachbewußtsein ist das nicht mehr der Fall. Deshalb benötigen wir einen Terminus, der sich über die Doppelwertigkeit des Urwortes, aber auch über den Dualismus der Gegensatzbegriffe stellt. Wir bedienten uns deshlab der griechischen Vorsilbe »a«, nicht im Sinne von Alpha negativum, sondern in dem des Alpha privativum, und koppelten es mit dem aus dem Lateinischen abgeleiteten Wort, weil diese Vorsilbe »a« befreienden Charakter hat (privativum von privare = befreien [c]). In der Bezeichnung »aperspektivisch« kommt also ein Vorgang der Befreiung zum Ausdruck, eine Befreiung von der ausschließlichen Gültigkeit sowohl der perspektivischen als auch der unperspektivischen, selbst der praeperspektivischen Gebundenheit. Unsere Bezeichnung enthält also nicht den Versuch, das Unperspektivische und das Perspektivische, die von sich aus koexistent sind, zu einen; sie stellt nicht den Versuch einer Synthese dar, ist keine Versöhnung dessen, was defizient werdend unversöhnlich wurde. Wäre »aperspektivisch« nur eine Synthese, so würde es nichts anderes als aperspektivisch-rational bedeuten und wäre wie jede Einigung nur begrenzt und vorübergehend gültig, weil jede Einigung von neuer Entzweiung bedroht ist.[d] Uns kommt es durchaus auf die Ganzheit, letztlich auf das Ganze an; und diesen Versuch einer Gänzlichung drückt auch unser Wort »aperspektivisch« aus. Es ist die unterscheidende Bezeichnung für eine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die nicht perspektivisch fixiert nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit gibt oder unperspektivisch verfließend nur eine Ahnung der Wirklichkeit erfühlen läßt.
Schließlich sei noch auf die Allgemeingültigkeit des Wortes »aperspektivisch« verwiesen, das durchaus nicht als Fortprägung kunsthistorischer Begriffe aufgefaßt werden sollte, noch aufgefaßt werden darf. Wir knüpften mit der Einführung dieses Begriffes seinerzeit (1936/39)⁴ an die sowohl naturwissenschaftliche wie künstlerische Tradition des Abendlandes an. Die von Leonardo da Vinci vollendete Perspektive hat grundlegende Bedeutung sowohl für unser naturwissenschaftlich-technisches als auch für unser künstlerisches Weltbegreifen erhalten. Ohne die Perspektive wären weder technische Modellzeichnungen noch die dreidimensionale Malerei je möglich geworden. Und Leonardo da Vinci, gleichzeitig Naturwissenschaftler, Ingenieur und Künstler, hat sowohl das Modellzeichnen als auch die perspektivische Malerei als erster in größter Vollkommenheit ausgeführt. In dem gleichen Sinne, nämlich sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch, hat die Aperspektive Gültigkeit. Diese Bedeutungs-Grundlage sollte nicht übersehen werden. Der Begriff »aperspektivisch« erhält von dorther seine Legitimation, sowohl natur- und geisteswissenschaftlich als auch künstlerisch verbindlich und anwendbar zu sein.
aus „Ursprung und Gegenwart - Erster Teil”
in «Gesamtausgabe Band II»; S.24ff
¹ Siehe Jean Gebser, Abendländische Wandlung; Oprecht, Zürich, 1943, ²1945, ³1950; als Ullstein-Taschenbuch Nr. 107: ⁴1955, ⁵1960, ⁶1963, ⁷1965, ⁸1968; siehe Kap. 3; Gesamtausgabe Novalis Schaffhausen, 1975, Bd. I, S. 179 ff. - Erste Hinweise auf die Raumerschließung mittels der Perspektive gaben wir in der 1935/36 geschriebenen, 1939 publizierten Schrift »Rilke und Spanien«; Oprecht, Zürich, Gesamtausgabe, Bd. I, S. 9-84. (Die den Jahreszahlen vorangestellten und hochgerückten arabischen Ziffern bezeichnen hier und in der Folge wie üblich die Auflage des zitierten Werkes.)
² Hinsichtlich dieser Unterscheidung siehe auch Jean Gebser, Der grammatische Spiegel; Oprecht, Zürich, 1944; S. 36 bzw. ²1963, S. 44f.; Gesamtausgabe, Bd. I, S. 169f.; hinsichtlich dessen, was dieser Ausdruck umschreiben soll, finden sich erste Hinweise in Jean Gebser, Rilke und Spanien; Oprecht, Zürich, 1939; S. 36 bzw. ²1945, S. 38-52; Gesamtausgabe, Bd. I, S. 40-50, und »Abendländische Wandlung« a. a. O. (25¹); 1943, S. 173 bzw. ²1945, S. 200, bzw. Ullsteinbuch Nr. 107, S. 150; Gesamtausgabe, Bd. I, S. 301.
³ Wir beziehen uns auf das Referat (über C. Abel, Gegensinn der Urworte, 1884) von S. Freud:»Über den Gegensinn der Urworte« in: Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. II, 1910 (= S. Freud, Gesammelte Werke, chronologisch geordnet; Imago, London, 1943; Bd. VIII, S. 214-221); siehe auch: Karl Terebessy, Zum Problem der Ambivalenz in der Sprachentwicklung; Urbánek, Trnava, 1944; S. 5.
Jean Gebser, Rilke und Spanien, a. a. O. (25²); S. 38-52; Gesamtausgabe, Bd. I, S. 40-50 [Die Abkürzung »a.a.O.« steht hier wie üblich für »am angegebenen Ort«.]
aus „Ursprung und Gegenwart - Kommentarband”
in «Gesamtausgabe Band IV»; S.9
a] eigentl. der siebenten (vgl. Mbl.5: Anm.1)
b] das wäre „antiperspektivisch”
c] auch „berauben”
d] vgl. Daì Gi