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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Martin BUBER zu den
URPRINZIPIEN
1 Im ältesten Teil des Awesta, den hymnenartigen Reden und Unterredungen Zarathustras, lesen wir von den zwei urbewegenden ›Bewirkern‹: dem Guten, gut im Sinn, im Wort und im Werk, und dem Bösen, böse im Sinn, im Wort und im Werk. ›Zwillinge [a] durch Schlaf‹ seien sie gewesen, ›wie vernommen ward‹, das heißt, einst Schlafgefährten im Urleibe. Dann aber standen sie einander gegenüber, und der Heilsame [Ormuzd] sprach zum Argen [Angra]: »Nicht unsre Gesinnungen noch unsre Urteile, nicht unsre Neigungen noch unsre Wahlrichtungen, nicht unsre Worte noch unsre Werke, nicht unsre Selbste noch unsre Seelen stimmen überein.« Und weiter setzten sie, einander gegenüberstehend, mitsammen Leben und Tod, und daß am Ende für die dem Trug Anhangenden das Böseste bestehe, für die der Wahrheit Anhangenden aber der Beste Sinn. So wählten die zwei Bewirker denn: der Trughafte wählte, das Böseste zu tun, aber das Wahrsein wählte der Heilsamste Bewirker, der mit den härtesten Himmeln bekleidete.
2 Wie nirgendwo anders in dem uns erhaltenen frühen Schrifttum des Menschengeschlechts werden hier Gut und Böse als Principia gesellt und gesondert. Aus der uranfänglichen Gemeinschaft sind sie getreten, als ‹Zwillinge›. Von welchem Samen und Schoß sie stammen, wird uns nicht gesagt, aber ein andermal hören wir, der oberste Gott, Ahura Mazdah, der ›Weise Herr‹, sei der Vater des Heilsamen Geistes. So sind denn die beiden Urgegensätze aus ihm hervorgegangen. Von einer Mutter, aus deren Anteil der Widerspruch erklärt werden könnte, erfahren wir nichts. Der Gott umgibt sich zwar mit guten Mächten [Spenta Mainju], läßt sie mit den bösen [Angra Mainju] kämpfen und wird sie über diese siegen lassen; aber der Gegensatz, den er bekriegt, war offenbar von ihm selbst umfangen, und er hat ihn aus sich ins Sein der Principia gesetzt. Es ist, als ob er sich des Bösen erst entäußern müsse, um es bezwingen zu können. Wenn mit dem Gegenüberstehn der Zwillinge die Schöpfung anheben will, die durch sie gewirkt wird, so ist der Gott vor der Schöpfung der Noch-nicht-Gute, in der Schöpfung aber ringt der gutgewordene Gott mit seinem Ausgeschiedenen. So verstanden, ist der Urakt Gottes eine Entscheidung in ihm selber, eine Urwahl zwischen den noch einander zugesellten Gut und Böse also, die deren Wahlhandlungen vorbereitet und ermöglicht: die Selbstwahl des Guten, die es erst zum wirkenden und wirklichen Guten, und die Selbstwahl des Bösen, die es erst zum wirkenden und wirklichen Bösen macht. Die Urwahl aber ist nicht auf die Schöpfung intendiert, diese geschieht um der ›Wende‹ am Ende des Ringens willen, durch die das Sein zu seinem Heil gelangt.
3 In das Ringen um das Heil ist der erschaffene Mensch als selber zum Wählen zwischen Gut und Böse Berufener gefügt. Seit ihm der Weise Herr durch seinen Geist schaffend das Leben verleiblichte, ist ihm die Macht der Entscheidung anvertraut. Mit einer Wahl hat seine Daēna, sein Selbst, den irdischen Weg angetreten; aber immer von neuem muß er, immer neue Vermischungen von Trug und Wahrheit vor sich, scheiden und sich entscheiden. Man muß ihm von oben helfen: »weil der bessere Weg nicht offen zur Wahl steht«, sagt Zarathustra, »komme ich zu euch allen, damit wir nach der Wahrheit leben«; seine Aufgabe ist, die Menschen »vor die Wahl zu stellen« und ihnen den rechten Weg zu zeigen, damit sie, wie es am Schluß jenes Verses heißt, der von der Wahl der Zwillinge handelt, aus eigener Entscheidung dem Weisen Herrn mit wahrhaftigen Werken willfahren. Die es tun, helfen ihm, »dieses Dasein zur Verklärung zu bringen«.
4 Wie der Himmelsgott, so trifft der Mensch in sich die Wahl zwischen Gut und Böse, die er beide wie jener in sich trägt. Zwischen dem Gott und dem Menschen aber stehen die Urgeister, auch sie wählend, aber im reinen Paradox. Sie haben ja nicht zweierlei in, noch vor sich; jeder hat nur sich selber in der äußersten Sonderung; den Andern, das Andere, hat er nur als seinen schlechthinnigen Widerpart; solcherart ist die Situation, in der er sich selber wählt, seine eigne Art und das ihr gemäße Werk. Wählend bestätigt [notwendig] jeder sich selber. [...] nur durch die Bezwingung des ungemildert Bösen kommt das Dasein zur Verklärung. [...]
aus «Bilder von Gut und Böse»; S.37ff
a] vgl. Stichwort Zwillinge