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Zitatensammlung
Teil 2
Brief von Carl Gustav JUNG zu
GEBET und GOTTESWILLEN
An nicht genannte Adressatin
Schweiz
10. IX. 1943
Liebe G. S.,
Hier schicke ich Ihnen einen bloßen Gruß und sage Ihnen, daß ich Ihren Brief verstanden habe. Ich habe eben viel über das Gebet nachgedacht. Es ist sehr nötig - nämlich das Gebet -, weil es das vermutete und gedachte Jenseitige unmittelbar wirklich macht und einen in die Zweiheit des Ich und des dunkeln Gegenüber stellt. Man hört sich und kann es nicht mehr leugnen, daß man «Jenes» angesprochen hat. Und daraus entsteht die Frage: Was wird aus Dir und aus mir? [a] aus dem jenseitigen Du [b] und dem diesseitigen Ich? Der Weg des Unerwarteten, nicht zu Erwartenden, tut sich auf, ängstlich und unvermeidlich, mit Hoffnung auf gnädige Wendung oder Trotz: ich gehe nicht unter unter dem Willen Gottes, es sei denn, daß ich es selber auch will.[c] Erst dann ist ja, wie ich es erfühle, der Wille Gottes vollkommen. Ohne mich ist es nur sein gewaltiger Wille, ein auch in seiner Gnade furchtbares Verhängnis, ohne Sehen und Hören, ohne Wissen ebendarum. Ich gehöre noch dazu, ein unerhört gewichtiges Milligramm, ohne welches Gott seine Welt vergebens gemacht hätte.
Beste Wünsche,
Ihr getreuer
C. G. Jung
aus «100 Briefe»; S.70
a] vgl. Jo.2,4 wie auch das intime islamische du'a
b] vgl. M.Buber: Du sprechen
c] vgl. in «Nathan der Weise» „Doch nun kam ...