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Navajo-Mythos
1 Um wenigstens für ein paar Augenblicke aus der Argumentations-Enge unserer jüdisch-christlich-abendländischen Tradition herauszukommen, möchte ich im folgenden die Schöpfungsgeschichte eines bis heute matrilinearen Volkes vorstellen: »Auf dem Weg des Regenbogens« ist eine Sammlung von Schöpfungstexten der Navajo in Arizona, die sich selbst Diné (Menschen) nennen. Sie umfaßt gut 400 Seiten, unter anderem deshalb, weil sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, alles, was geschaffen wird, gleichmäßig mit weiblichen oder männlichen Eigenschaften zu versehen. In diesem Kosmos wird peinlich genau darauf geachtet, daß alle geschaffenen Wesen sowohl in weiblicher als auch in männlicher Ausgabe erscheinen. Allen voran natürlich die Gottheiten und die Menschen, die meist gleichzeitig als Frauen und Männer geschaffen werden, immer aber so, daß letztlich das Kräfteverhältnis zwischen weiblich und männlich gewahrt bleibt. So gibt es auch weiblichen und männlichen Regen, weibliche und männliche Blitze und Gewitterwolken, je eine weibliche und eine männliche Gottheit als Schutzgeister in den heiligen Bergen ... Nur solange dieses Kräftegleichgewicht nicht aus dem Lot gerät, ist so etwas wie Frieden möglich, und zwar für alle Geschöpfe, nicht nur die menschlichen. Das heißt aber auch, daß man nach jeder Entzweiung zwischen den Geschlechtern darum bemüht ist, den Kräfteausgleich neu herzustellen. Was bedeutet, daß z.B. beide Seiten angehört werden bzw. sich zuhören müssen. Dabei werden die Probleme durchaus nicht verharmlost oder vertuscht, im Gegenteil, sie werden nur anders gelöst. Im folgenden ein Ausschnitt aus diesen durchaus nicht ohne Humor erzählten Geschichten:
2 Kaum geschaffen zerstreiten sich Erste Frau [a] und Erster Mann (hier noch eher Gottheiten als Menschen) dermaßen, daß sie auf Jahre hinaus getrennt leben und zudem sämtliche Frauen und Männer je auf ihre Seite ziehen. Das Ergebnis dieser Trennung ist jedoch Versöhnung. Beide Seiten erfahren, daß sie ohne einander nicht leben können, das Band zwischen ihnen ist nun fester geschweißt denn je. Nur ist die Geschichte nicht ohne Folgen geblieben: Die Frauen, die sich mit den unterschiedlichsten Gegenständen selbst befriedigt hatten, gebaren darauf Ungeheuer, die sich anschickten, die gesamte zivilisierte Welt zu vernichten. Als schließlich nur noch sechs Paare übrig sind, beschließt Erster Mann etwas zu unternehmen. Alleine begibt er sich auf eine Wanderung zum Gipfel des Riesenfichtenberges und findet daselbst eine kleine Türkisgestalt, die später - zusammen mit einer Figur aus weißer Muschelschale - in einem ausgedehnten Schöpfungsritual belebt wird. So werden die beiden höchsten Gottheiten des Diné-Pantheons ins Leben gerufen: die »Frau, die immer wieder wird« (auch die »Sich Wandelnde Frau« [Asdzáá nádleehé] genannt) und »Weißmuschelfrau«. Obwohl sie Göttinnen sind, müssen beide erst in Ihre Aufgaben als Frauen hineinwachsen. Beide suchen sich Männer, mit denen sie je einen Sohn zeugen, die späteren »Ungeheuertöter«, denen es gelingen wird, die Welt von den Monstern zu befreien, die aus dem ersten Zwist zwischen »Mann« und »Frau« hervorgegangen sind. Die beiden töten die Ungeheuer jedoch nicht wirklich, sondern verwandeln sie in etwas Neues und der Welt Nützliches. Auch ist nur der eine von ihnen ständig aktiv, dessen Eltern die Sich Wandelnde Frau und Vater Sonne [Jóhonaa'éí] sind; der andere, Kind des Wassers mit der Weißmuschelfrau, ist von eher passivem, häuslichem Charakter. Als die Welt eine friedliche und schöne Wohnstatt geworden ist (nicht zuletzt für die Menschen, die sie später einmal bevölkern sollen), geben die jungen Männer ihre Waffen wieder an Vater Sonne zurück, von dem sie sie erhielten. Erst jetzt entsinnt sich Sonne, daß er sich einsam fühlt und Sehnsucht nach der Mutter seines Sohnes verspürt, um die er sich all die Jahre kaum gekümmert hat. [... b]
S.72f
3 Wundert es angesichts derart selbstbewußter Worte von Asdzáá nádleehé, daß auch die Stellung der Navajo- bzw. Diné-Frau innerhalb ihrer Gesellschaft eine bis heute hoch geschätzte ist? »In der Navajo-Gesellschaft, die matrilinear und matrilokal ist, hat die Frau schon immer Autorität und einen hohen Status besessen. Mir scheint, daß auch die Schöpfungsgeschichte diese Tatsache immer wieder veranschaulicht«, bemerkt der Übersetzer und Herausgeber Zolbrod dazu.⁵³
S.77
⁵³ ebd. [Zolbrod, Paul G. (Hg.): Auf dem Weg des Regenbogens. Das Buch vom Ursprung der Navajo, München 1988] S. 379
S.79
Vera Zingsem
aus «Lilith»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Schakti
b] Hier folgt das ausführliche Gespräch zwischen den beiden, in dem Asdzáá nádleehé sich lange ziert und dann konkrete Forderungen an Jóhonaa'éí stellt, ehe sie sich wieder mit ihm verbindet.
https://wfgw.diemorgengab.at/tzn202609.htm