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Die Herstellung der Ganzheit der Persönlichkeit ist eine Aufgabe der Lebensmitte. Sie scheint eine Vorbereitung auf den Tod im tiefsten Sinne dieses Wortes zu bedeuten. Denn der Tod ist nicht weniger wichtig als die Geburt, und wie diese gehört er unzertrennlich zum Leben. Die Natur selbst, wenn wir sie nur richtig verstehen, nimmt uns hier in ihre schützenden Arme. Je älter wir werden, desto mehr verschleiert sich die Außenwelt, die stetig an Farbe, Ton und Lust verliert, und desto stärker ruft und beschäftigt uns die Innenwelt. Der alternde Mensch nähert sich immer mehr dem Zustand des Verfließens in das Kollektivpsychische [a], aus dem er als Kind einst mit schweren Mühen auftauchte. Und so schließt sich sinnvoll und einträchtig der Zyklus des menschlichen Lebens, und Anfang und Ende fallen zusammen, wie das mit dem Bild des Ouroboros [b], der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, seit urdenklichen [c] Zeiten symbolisch ausgedrückt wurde.
aus J.Boehme: «Theosophische Werke»; Amsterdam 1682
Ist diese Aufgabe richtig vollendet, dann muß der Tod seine Schrecken verlieren und sinnvoll in das Gesamtleben einbezogen werden können. Freilich mit der Einschränkung, daß sogar die Vollendung jener Aufagbe, welche die erste Lebenshälfte dem Menschen stellt, scheinbar vielen schon nicht gelingt - wie das die zahllosen infantilen Erwachsenen beweisen - und darum die Abrundung des Lebens durch Selbstwerdung wohl nur Wenigen beschieden ist. Gerade diese Wenigen jedoch waren seit jeher die Kulturschaffenden, gegenüber jenen, die nur die Zivilisation [d] gebracht und gefördert haben. Denn Zivilisation ist immer ein Kind der Ratio, des Intellekts; Kultur hingegen ersteht aus dem Geist, und der Geist ist niemals dem Bewußtsein allein verhaftet wie der Intellekt, sondern enthält, gestaltet und beherrscht gleichzeitig auch alle Tiefen des Unbewußten, der Urnatur. [...]
Selbstwerdung ist somit kein modisches Experiment, sondern die höchste Aufgabe, die sich der einzelne Mensch stellen kann. [...] Dadurch stellt sich der Einzelne wieder hinein in den ewigen Strom, in welchem Geburt und Tod nur Durchgangsstationen sind und der Sinn des Lebens nicht mehr im Ich [e] liegt. [...]
Jolande Jacobi
aus «Die Psychologie von C. G. Jung»; S.233ff
Unsere Anmerkungen
a] Das „kollektive Unbewusste”, also der allen Menschen gleichermassen innewohnende Zugang zur gemeinsamen Entwicklungsgeschichte, ist eine der tiefenpsychologischen Entdeckungen Carl Gustav Jungs. Es hat mit dem zu tun, was Rudolf Steiner die ins Ätherische geprägte Akasha-Chronik nannte.
b] vgl. Mbl-B.29: Anm.e
c] seit urpersischen nämlich, als das Zervan dieserart erfasst wurde
d] vgl. »TzN Nov.2003«
e] im Aufblähen des Ego