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Nachdenken:
Koma-Vision
Zu Beginn des Jahres 1944 brach ich mir den Fuss, und es folgte ein Herzinfarkt. Im Zustand von Bewußtlosigkeit erlebte ich [...] Visionen [a], die angefangen haben müssen, als ich in unmittelbarer Todesgefahr schwebte und man mir Sauerstoff und Kampfer gab. Die Bilder waren so gewaltig, daß ich selber schloß, ich sei dem Tode nahe. Meine Pflegerin sagte mir später: «Sie waren wie von einem hellen Schein umgeben!» Das sei eine Erscheinung, die sie bei Sterbenden manchmal beobachtet habe. Ich war an der äußersten Grenze und weiß nicht, befand ich mich in einem Traum oder in Ekstase. Jedenfalls begannen sich höchst eindrucksvolle Dinge für mich abzuspielen.
Es schien mir, als befände ich mich hoch oben im Weltraum. Weit unter mir sah ich die Erdkugel in herrlich blaues Licht getaucht.[b] Ich sah das tiefblaue Meer und die Kontinente. Tief unter meinen Füßen lag Ceylon, und vor mir lag der Subkontinent von Indien. Mein Blickfeld umfaßte nicht die ganze Erde, aber ihre Kugelgestalt war deutlich erkennbar, und ihre Konturen schimmerten silbern durch das wunderbare blaue Licht. An manchen Stellen schien die Erdkugel farbig oder dunkelgrün gefleckt wie oxidiertes Silber. «Links» lag in der Ferne eine weite Ausdehnung - die rotgelbe Wüste Arabiens. Es war, wie wenn dort das Silber der Erde eine rotgelbe Tönung angenommen hätte. Dann kam das Rote Meer, und ganz weit hinten, gleichsam «links oben», konnte ich gerade noch einen Zipfel des Mittelmeers erblicken. Mein Blick war vor allem dorthin gerichtet. Alles andere erschien nur undeutlich. Zwar sah ich auch die Schneeberge des Himalaya, aber dort war es dunstig oder wolkig. Nach «rechts» blickte ich nicht. Ich wußte, daß ich im Begriff war, von der Erde wegzugehen.[c]
Später habe ich mich erkundigt, wie hoch im Raume man sich befinden müsse, um einen Blick von solcher Weite zu haben. Es sind etwa 1500 km![d] Der Anblick der Erde aus dieser Höhe war das Herrlichste und Zauberhafteste, was ich je erlebt hatte.
Nach einer Weile des Schauens wandte ich mich um. Ich hatte sozusagen mit dem Rücken zum Indischen Ozean gestanden, mit dem Gesicht nach Norden. Dann schien es mir, als machte ich eine Wendung nach Süden. Etwas Neues trat in mein Gesichtsfeld. In geringer Entfernung erblickte ich im Raume einen gewaltigen dunkeln Steinklotz, wie ein Meteorit - etwa in der Größe meines Hauses, vielleicht noch größer. Im Weltall schwebte der Stein, und ich selber schwebte im Weltall.
Ähnliche Steine habe ich an der Küste des Bengalischen Meerbusens gesehen. Es sind Blöcke aus schwarz-braunem Granit, in welche bisweilen Tempel gehauen wurden. Solch ein riesiger dunkler Block war auch mein Stein. Ein Eingang führte in eine kleine Vorhalle. Rechts saß auf einer Seitenbank ein schwarzer Inder im Lotussitz. Er trug ein weißes Gewand und befand sich in vollkommen entspannter Ruhestellung. So erwartete er mich - schweigend. Zwei Stufen führten zu dieser Vorhalle, an deren linker Innenseite sich das Tor in den Tempel befand. Unzählige, in kleinen Nischen [f] angebrachte Vertiefungen, gefüllt mit Kokosöl und brennenden Dochten, umgaben die Tür mit einem Kranz heller Flämmchen.
C.G.Jung
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»; S.293f
B An Dr. Kristine Mann¹
New York
1. II. 1945
[...]
Sie wissen, daß der Todesengel auch mich zu Boden streckte, und beinahe wäre es ihm gelungen, mich von seiner Tafel zu löschen². Seither bin ich praktisch ein Invalider und erhole mich nur sehr langsam von den Pfeilen, die mich von allen Seiten trafen. Zum Glück hat mein Kopf nicht gelitten, und ich konnte mich wieder in meiner wissenschaftlichen Arbeit vergessen. Alles in allem war mir meine Krankheit eine überaus wertvolle Erfahrung; sie gab mir die kostbare Gelegenheit, einen Blick hinter den Schleier zu tun. Nur das ist schwierig: sich vom Körper zu lösen, nackt zu werden und leer von Welt und Ich-Willen. Wenn man den rasenden Lebenswillen aufgeben kann und wenn es einem vorkommt, als fiele man in bodenlosen Nebel, dann beginnt das wahre Leben mit allem, wozu man gemeint war und was man nie erreichte.[g] Das ist etwas unaussprechlich Großes. Ich war frei, vollständig frei und ganz, wie ich mich nie zuvor gefühlt hatte. Ich war 1500 Kilometer von der Erde entfernt und sah sie als eine ungeheuer große Kugel, die in unsagbar schönem blauen Licht erstrahlte. Ich befand mich an einem Punkt genau über der Südspitze Indiens, die in bläulich-silbernem Licht leuchtete, und Ceylon lag wie ein schimmernder Opal im tiefen blauen Meer. Ich war im Universum, und dort befand sich ein großer, einsamer Fels, in den ein Tempel eingebaut war. Ich sah seinen Eingang, erleuchtet von tausend kleinen, mit Kokosöl gespeisten Flämmchen, und wußte, daß ich den Tempel betreten mußte und dann alles Wissen erlangen würde. Doch in diesem Augenblick erschien ein Bote von meiner Welt (bis dahin eine ganz unbedeutende Ecke des Universums) und sagte, ich dürfe sie nicht verlassen - und in dem Augenblick brach die ganze Vision zusammen. Aber von da an schlief ich während drei Wochen [am Tag] und erwachte jede Nacht im Universum und erlebte die ganze Vision. Nicht ich war mit irgend jemandem oder irgend etwas vereinigt - es war vereinigt, es war der Hierosgamos, das mystische Lamm³. Es war ein stummes, unsichtbares Fest, und ein unvergleichliches, unbeschreibliches Gefühl ewiger Seligkeit durchdrang es; nie hätte ich geglaubt, daß ein solches Gefühl im Bereich menschlicher Erfahrung läge. Von außen gesehen und solange wir außerhalb des Todes stehen, ist er von größter Grausamkeit. Aber sobald man darinsteht, erlebt man ein so starkes Gefühl von Ganzheit und Frieden und Erfüllung, daß man nicht mehr zurückkehren möchte. In der Tat litt ich während des ersten Monats nach meiner ersten Vision unter dunkeln Depressionen, weil ich spürte, daß ich mich erholte. Das war wie sterben. Ich wollte nicht leben und in dieses fragmentarische, beschränkte, enge, beinahe mechanische Leben zurückkehren, wo man den Gesetzen der Schwere und der Anziehung unterworfen und in einem dreidimensionalen System gefangen ist und, zusammen mit anderen Körpern, im reißenden Strom der Zeit fortgewirbelt wird.[h] Dort war Fülle [i], die Erfüllung bedeutet, ewige Bewegung (nicht Bewegung in der Zeit).
[...]
Während meiner Krankheit war etwas da, das mich trug. Meine Füße standen nicht auf Luft, und ich hatte den Beweis, sicheren Grund erreicht zu haben. Ganz gleich, was man tut, wenn es aufrichtig geschieht, wird es schließlich Brücke zur eigenen Ganzheit, ein gutes Schiff, das einen durch die Dunkelheit der zweiten Geburt trägt, welche nach außen hin als Tod erscheint. Aber glücklicherweise ist das Leben provisorisch geworden. Es wurde zu einem vorübergehenden Präjudiz, zu einer Arbeitshypothese für den gegenwärtigen Augenblick, ist aber nicht die Existenz selber.
Haben Sie Geduld und betrachten Sie es als eine neue, schwierige Aufgabe, diesmal die letzte.
I greet you
[Carl G. Jung]
¹ Kristine Mann, 1873-1945, Psychiatrin, Analytische Psychologin. Sie war an Krebs erkrankt und starb wenige Zeit nach Erhalt des Briefes.
² Dies bezieht sich auf die Erkrankung Jungs an einem Herzinfarkt Anfang 1944.
³ Über das Motiv des Hierosgamos [der heiligen Hochzeit] in Jungs Visionen vgl. Erinnerungen, p. 297 ff.
aus «100 Briefe»; S.80ff
Unsere Anmerkungen
a] Geisteswissenschaftlich wird in diesem Fall von Imaginationen gesprochen.
b] Das ist das Wahrbild des XX.Jahrhunderts. Photographisch wurde der Globus erstmals von Lunar Orbiter 1 am 19.VIII.1966 aufgenommen. Stanley Kubrick hat diesen Anblick im Film «2001 - A Space Odyssey» 1968 grandios in Szene gesetzt.
c] typischer Beginn einer Lebensrückschau, die im weiteren Verlauf die gelebte Biographie gesamtbildartig vorstellt
d] Die Troposphäre reicht zwischen 10 und 15 km Höhe, die Stratosphäre bis 50 km, die Mesosphäre bis 80 km und die Thermosphäre bis 400 km. In rund 400 km Höhe umkreist die Raumstation ISS die Erde, und geostationäre Satelliten (Telekommunikation usw.) gleiten in rund 36.000 km.
e] Vom Urbild des die Welt meditierenden Brahma abgeleitet kennt man das Bild der ein Menschenleben meditierenden Gottheit.
f] sogenannte Kolumbarien (ursprüngl. Taubenschläge)
g] vgl. «E+E»: Abs.57}f
h] eine Erfahrung der ahrimanischen Wirkungen
i] vgl. «E+E»: Abs.95}