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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Andreas HEERTSCH zur
JUDASGESTALT
1 Der Tag des Judas [a] war Palmsonntag: Für ihn begann sich endlich die Prophezeiung zu erfüllen: Das Volk Israel erkennt den Weltenherrscher und huldigt ihm, indem es seinen Weg mit Palmenzweigen ziert. Judas hat ein Bewusstsein von Machtausübung. In den Folgetagen erlebt er aber, dass der Christus in der Auffassung von Judas lauter kapitale Fehler begeht, indem er - um ein Wort von Dostojewski zu verwenden - idiotisch mit dieser Macht umgeht: Er macht keine Anstalten, Judas’ Vorstellungen von einem Weltenherrscher zu entsprechen. Judas, auf andere Weise als Petrus ein Kämpfer seines Herrn, kann das nicht akzeptieren und will eine Prüfung provozieren, ob er den Richtigen verehrt. Er wusste, dass der Christus durch jeden seiner Jünger so sprechen konnte, als wäre er es selbst. Außerhalb des Jüngerkreises war es deshalb unklar, welcher unter ihnen tatsächlich der Christus war. Dieser Schutzkreis konnte nur aus dem Jüngerkreis aufgebrochen werden. Wenn also der Christus der Weltenherrscher ist, muss er mit der diesseitigen Weltmacht (Pharisäern und Schriftgelehrten) fertigwerden können. Wenn er sich ihrer nicht erwehren kann, ist er ein Scharlatan, und dann soll auch das kundwerden. Wir würden das heute vielleicht als Handeln aufgrund einer Verschwörungstheorie bezeichnen.
2 Wir stehen hier vor der Tatsache, dass das Zentralgeschehen des Christentums, das Mysterium von Golgatha, für seinen Vollzug auf einen Verrat angewiesen ist!
3 Johannes schildert Judas’ Verhältnis zum Christus detailliert: Christus erwähnt zur Bestürzung der Jünger, dass einer von ihnen ihn verraten wird: Jeder will wissen, ob der Christus ihm so etwas zutrauen könnte. Der Christus antwortet indirekt: «Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! […] Da er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.» (Joh. 13, 26–30)
4 Damit hat auch Judas am Abendmahl teilgenommen - und er handelt quasi im Auftrag: «Was du tust, das tue bald.» Mit diesem Quasi-Auftrag trat er hinaus - und es ward Nacht!
5 Judas wird nach dem Verrat durch den Kuss die 18 Silberlinge, die er für seinen Verrat von den Herrschenden bekommt, zurückgeben und sehen, dass er derjenige ist, der sich geirrt hat, in seinem Irrtum aber dazu entscheidend beiträgt, dass sich das Mysterium von Golgatha vollziehen kann. In seiner Not erhängt er sich und wird damit Geistzeuge des Kreuzestodes.
6 Nachtodlich erlebt er, dass der Christus ihn nicht verdammt. In einem nächsten Leben wird er als Kirchenvater (Augustinus) ein Eiferer um göttliche Gnade, aber auch in Ahnung seines Judas-Schicksals ein Verfechter der Prädestination: Wir sind völlig in Gottes Hand, können also nicht frei handeln. Trotzdem wird er auch zu einer seiner Zeit weit vorauseilenden Kirchengestalt: Er ist der Erste, der eine Autobiografie schreibt und in dem schon Fähigkeiten der Bewusstseinsseele auftauchen, wenn er den Stoikern vorwirft: Ihr zweifelt an allem, aber dass ihr zweifelt, daran könnt ihr nicht zweifeln.[b]
in »Das Goetheanum« 14-15·2026; S.20
a] vgl. Verrat und Öffnung
b] was später von Descartes wieder aufgegriffen wird (dubito ergo cogito ~ ich zweifle, also denke ich)
https://wfgw.diemorgengab.at/zit/WfGWzit660000030.htm