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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Johannes WIRZ zur
GENSCHERE
1 Ende der 1980er-Jahre wurde in Bakterien ein komplexer Vorgang entdeckt, wie Viren ausgeschaltet werden. Die Bakterien sind nicht nur fähig, die Viren zu erkennen und ihre DNA zu zerstören, sondern sie bauen auch Genschnipsel aus dem Virusgenom in regelmäßigen Abständen in das eigene Genom ein. Die Orte des Einbaus bestehen aus kurzen Sequenzen, die vorwärts und rückwärts gelesen gleich lauten,es sind also Palindrome [zB. Reliefpfeiler]. Sie wurden deshalb Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats oder CRISPR genannt. Wenn ein solcher Repeat mit einem Stück angehängter Virus-DNA in RNA übersetzt wird, bildet die palindromische Sequenz eine doppelsträngige Struktur, die in der lage ist, an das Eiweiß Cas9 anzudocken. Der ‹RNA-Schwanz›, die sogenannte ‹guiding RNA›, bringt den Eiweiß-RNA-Komplex exakt zum Genort eines Virus. Hier schneidet er die Virus-DNA entzwei. Die Bakterien entwickeln damit eine erworbene Abwehr gegen Viren, die sie nach der Zellteilung auch den Tochterzellen weitervererben.
2 Mit diesen Erkenntnissen fing Charpentier an, mit CRISPR-Cas9 zu experimentieren. Sie entdeckte, dass die zerschnittenen DNA-Stränge in Bakterien wieder zusammengefügt werden können. Dabei gehen manchmal DNA-Bausteine verloren, manchmal werden aber auch zusätzliche eingebaut. Auf diese Weise können mit CRISPR-Cas9 zielgenau genetische Veränderungen vorgenommen werden.[a]
3 Die Geschichte tönt wie ein Märchen. Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna haben sich per Zufall auf einer Konferenz kennengelernt. Jene hat sich für die Funktionen von CRISPR-Cas9 interessiert, diese als Kristallographin für die molekulare Form des Eiweiß-RNA-Komplexes. Anstatt sich gegenseitig als Konkurrentinnen zu sehen, was normalerweise oft geschieht, haben sie beschlossen, zusammenzuarbeiten. Gemeinsam entwickelten sie die Methode zur Praxisreife und stellten die Genschere für Grundlagenforschung gebührenfrei zur Verfügung. Gleichwohl haben beide Frauen den Mechanismus patentieren lassen. In Harvard entwickelten Forscher [b] CRISPR-Cas für die gerichtete gentechnische Veränderung von eukaryotischen Zellen weiter. Über die leidige Frage, wem die Urheberrechte gehören, wird nun von Patentanwälten vor Gericht gestritten.
4 Gegenüber der klassischen Gentechnik gibt es viele Vorteile. Erstens können mit CRISPR-Cas mehrere Genorte, bis zu 40, auf einmal verändert werden. Mit der klassischen Gentechnik, bei der immer nur eine Mutation auf einmal eingeführt werden kann, wären dafür zum Beispiel in der Maus 30 bis 50 Generationen notwendig.
5 Der zweite Vorteil ist vielleicht noch weitreichender. CRISPR-Cas ist eine billige Methode und kann bei allen Lebewesen [die eben über Zellen verfügen] angewendet werden. Die Zeit der Modellorganismen wie der Fruchtfliege, der Maus oder des Zebrafischs ist vorbei.
6 Klar kommen jetzt große Fragen auf den Tisch, die mit jeder neuen Technik verbunden sind. Die Anwendung bei Pflanzen und Tieren sehen Charpentier und Doudna unkritsch, doch bei der Anwendung am Menschen sind sie zurückhaltend und betonen, dass vor einer Anwendung viele ethische Diskussionen nötig seien.
[...]
7 [...] die sogenannte ‹guiding RNA› setzt ja die Genschere dort an, wo eine identische DNA-Sequenz vorliegt. Diese RNA ist 17 bis 21 Bausteine lang, und die Wahrscheinlichkeit, dass es im Genom ein zweites Mal die gleiche Bausteinfolge gibt, ist praktisch gleich null. In der Praxis ist die Genauigkeit jedoch viel geringer. Oft werden mehrere Veränderungen entdeckt, die es rein theoretisch nicht hätte geben dürfen. So sind bei Tieren und auch bei menschlichen Zellen Fälle bekannt, wo nicht nur das Zielgen verändert wurde, sondern Dutzende Veränderungen an vielen anderen Orten im Genom aufgetreten sind. Niemand weiß genau weshalb. Es zeigt sich, dass Lebensprozesse nie vollständig kontrolliert werden können.
S.6f
8 Die Genschere ist wie alle anderen biotechnischen Methoden auch ein weiterer Schritt zur Biologisierung des Menschen und damit eine Befestigung unserer heutigen materialistischen Naturwissenschaft. [...] Solange Phänomene biologisch beschrieben werden, gibt es wenig Interesse. Sobald sie jedoch molekular interpretiert werden können, geschieht ein Dammbruch. Ein Paradebeispiel ist die Idee der Weitergabe erworbener Eigenschaften, die von Rudolf Steiner 1900 als unabdingbar für eine monistische Entwicklungslehre bezeichnet wurde. Diese Vererbungsart wurde damals als ‹teleologisch› [zielorientiert] verschrien. Seit sie jedoch molekulargenetisch als epigenetische Modifikationen interpretiert werden kann, ist ein richtiger Hype entstanden. Gleichzeitig ist dabei der zentrale Gedanke verloren gegangen, dass Lebewesen ihre Erbsubstanz aktiv verändern können, also nicht nur Opfer einer vererbten Konstitution, sondern deren Gestalter sind!
[...]
9 [...] Das Humangenomprojekt zeigte Anfang unseres Jahrhunderts zur großen Überraschung, dass der Mensch nur wenig mehr als 20 000 Gene besitzt, die nahezu identisch sind mit denen der Fruchtfliege und der Maus. Sie machen nur 2 Prozent des gesamten menschlichen Genoms aus. Der Rest wurde abschätzig als Schrott bezeichnet. Heute wissen wir, dass diese 98 Prozent regulatorische Aufgaben haben. Es ist die Zahl dieser regulatorischen Sequenzen, die uns von den anderen Lebewesen unterscheidet. Die Höherentwicklung in der Evolutionsreihe liegt also nicht in der Zahl der Bauplangene, sondern im Feintuning ihres Zusammenwirkens. [... Die Universalität des Menschen gibt es] eben nicht in den Bauplangenen, sondern in der Vielfalt ihrer Regulierung.
S.8f
in »Das Goetheanum« 49·2020
a] „Ein Team um den litauischen Biochemiker Virginijus Šikšnys machte beinahe zur selben Zeit die gleiche Entdeckung wie Doudna und Charpentier - und hatte einfach Pech: Sein Artikel wurde zunächst von einem Fachjournal abgelehnt und erschien deshalb vier Monate später als jener der Laureatinnen.” Lars Fischer in »Spektrum der Wissenschaft« 12/2020; S.31
b] Feng Zhang vom Massachusetts Iinstitute of Technology und George Church von der Harvard University