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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Marc HENRY zu
BEWUSSTSEIN, MATERIE und QUANTEN
1 Die meisten Wissenschaftler schreiben es dem ‹Zufall› zu, dass die Formen und Strukturen der Materie - im Verlauf sehr langer Zeiträume - entstanden sind. Aber ich gehöre zu der Minderheit, die eine andere Meinung vertritt. 1930 fand mit der Entstehung der Quantenphysik eine wissenschaftliche Revolution statt. Die Physik des 19. Jahrhunderts trennte das Subjekt vom Objekt. Die Quantenphysik hingegen lehrt uns, dass wir uns nicht außerhalb des Systems befinden. Sie sagt uns: «Ich bin das System.» Da man keine klare Trennung zwischen System und Beobachter vollziehen kann, muss man einen mathematischen Formalismus entwickeln, der dieser Tatsache Rechnung trägt. Die Begründer der Quantenphysik sind alle zur selben Schlussfolgerung gelangt. Es gibt etwas, das sich der Messbarkeit entzieht: das Bewusstsein. Wenn man keine Messungen vornimmt, existiert das Universum überhaupt nicht. Die Dinge existieren nur, weil wir mit dem Universum in eine Wechselbeziehung treten, indem wir Messungen vornehmen - oder indem wir einfach existieren. Wenn man nicht beobachtend tätig wird, bleiben alle Möglichkeiten offen. Dann gibt es keinen Determinismus. Sobald man beobachtet, nimmt die Welt Form an. Dieser Blickwinkel erlaubt uns, die Entstehung komplexer Systeme auf andere Weise zu erklären. Diesem Gedanken zufolge ist das Bewusstsein der Ursprung aller Dinge.
2 [...] Die Quantenphysik hat die Gleichungen von Newton und Maxwell zunichtegemacht und eine neue, nicht deterministische Wissenschaft entdeckt. Vor allem hat sie gezeigt, dass das Bewusstsein der Materie vorangeht, aber das wird heute allgemein abgelehnt. Die materialistische Anschauung betrachtet die Materie als eine von uns unabhängige Realität, die von den Kräften des Chaos organisiert wird. Eine Eigenschaft des Bewusstseins besteht darin, dass es sich nur definieren [begreifen] kann, indem es sich auf sich selbst bezieht. Dieser Selbstbezug ist in der Mathematik ein Problem. [...]
S.7
3 In der Quantenphysik wird Materie nicht durch ihre Masse definiert, denn laut Einsteins Theorie entspricht eine Masse einer bestimmten Energie [E=mc²]. Dagegen kann man die Materie auf eine Art und Weise definieren [...], nämlich durch das Konzept des ‹Spin›. Die Elementarteilchen besitzen einen Eigendrehimpuls, der sich quantifizieren lässt. Man unterscheidet hier einen ganzzahligen Spin (beim Licht) und einen halbzahligen Spin (bei der Materie). Die entsprechenden Elementarteilchen heißen Boson (ganzzahlig) und Fermoin (halbzahlig).
4 Wenn man die Gesetze der Quantenphysik anwendet, gibt es letztendlich jedoch nur eine Struktur, die wirklich Realität besitzt, und das ist der leere [nicht dreidimensionale] Raum! Der leere Raum ist das Einzige, dessen Existenz sich nicht bestreiten lässt. Und wir verfügen über Operatoren, also mathematische Funktionen, die beschreiben, wie Materie zerstört und geschaffen wird: den Erzeugungsoperator, den Vernichtungsoperator und den Teilchenzahloperator. Mit diesen drei Operatoren beschreiben wir die Grundlage der realen Welt. Ich stelle hier eine Beziehung her zu der Trimurti, dem hinduistischen Konzept, das drei Götter bezeichnet: Brahma (das Schöpferprinzip), Shiva (das zerstörerische Prinzip) und Vishnu (das erhaltende Prinzip). Diese Dreiheit finden wir auch in der Quantenphysik.
[...]
5 Sie sind irgendwann auf das Atom gestoßen und haben festgestellt, dass es so nicht existieren kann. So haben sie die Quantenphysik begründet, um die Existenz der Atome zu rechtfertigen. Dieser Forschungsansatz ist wirklich universell. Er intergriert das Bewusstsein in den Bereich der Wissenschaft und führt uns letztendlich zu der Realität [Wirklichkeit], die den Ursprung aller Dinge darstellt: den leeren Raum.
6 Man muss lernen, den leeren Raum zu lieben. Das ist sehr schwierig. Sie sind in diesem Zimmer, Sie entfernen den Schrank, den Tisch, die Stühle und befinden sich in einem leeren Raum. Und dann entfernen Sie die vier Wände, die Bäume - und da hören sie diese Musik. Sie dulden keine Materie, und wenn dann alles leer ist, gelangen Sie zu einem Zustand des reinen Bewusstseins.
S.8
in »Das Goetheanum« 11·2020